Episoden aus meinem Leben

102. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at
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Mein Vater wird 79 Jahre. Ich freue mich, dass er dieses Alter erreicht hat, obwohl es für ihn noch nicht ganz zum „Greis" reicht.  Ich bin 36, gesund, nach dem Sternzeichen ein Fisch und als solcher frisch und munter.
 
Zirka dreißig Jahre später gehe ich in Pension und habe noch keinerlei gesundheitliche Einschränkungen. Jetzt erst brauche ich Brillen, die andere schon mit 40 tragen. Das ist aber auch alles.
 
Allerdings bin ich seit langem korpulent und habe wegen meiner Fettleibigkeit einige Kuren hinter mir, sogar eine Therapie mit wöchentlichen theoretischen Vorträgen und Turnübungen, die sich auf ein Jahr erstrecken. Nützen tut sie nur im ersten Moment, aber nicht wirklich.
 
Dann geht es weiter mit einem Knorpel-Schaden am Knie, zurückzuführen auf eben dieses Übergewicht. Erfolgreich wird er mit einer Operation behandelt, sodass ich dieses Problem aus meinem Gedächtnis streichen kann. Allerdings vermisst meine Frau unseren gemeinsamen Sport, das Tanzen. Unter solchen Voraussetzungen wird meine Wohlbeleibtheit zum Alltag. Bald bin ich damit so vertraut, dass sie für mich nichts Besonderes mehr darstellt.
 
Allmählich wecken jedoch Damen und Herren, die älter sind als ich, dabei aber dynamisch, topfit und unverwüstlich erscheinen, meinen Neid. Den kann ich aber gut verbergen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die schon ordentlich unter Alterserscheinungen leiden. In der Mitte zwischen beiden Typen fühle ich mich ganz wohl. 
 
Auch die Tatsache, dass ich beginne, weniger gut als meine Frau zu hören, bekümmert mich nicht sonderlich. Als der Unterschied größer wird, kaufe ich mir -  mehr ihret- als meinetwegen - einen Kopfhörer, der mir erlaubt, beim Fernsehen die Nuancen der Geräusche besser zu erfassen als bisher, und ihr, den Fernseher noch leiser einzustellen als zuvor. Das einzig Unangenehme bleibt, dass ich nichts höre, wenn meine Frau beim Gehen - offensichtlich an meine Adresse - aber doch nach vorne gerichtet spricht. Ich muss mich also vor und nach unten beugen, um den Größenunterschied zwischen uns beiden auszugleichen. Ich stelle mir vor, dass das für Passanten recht komisch wirkt und zum Lachen reizt. Was aber der Aufmerksamkeit meiner Gesprächspartner entgeht, ist die Tatsache, dass ich auf ihren Mund schauen, „von den Lippen lesen" muss, um sie zu verstehen. Ich kann also - hoffentlich unbemerkt - nur selten Augenkontakt aufnehmen.
 
Ein neuerliches Problem tut sich auf: durch die Verwendung meiner Gleitsichtbrille bei der Arbeit am Computer muss ich meinen Kopf nach hinten neigen, um jenen Teil dieser Allround-Brille der für die Sicht in der Nähe ausgerichtet ist, voll zu nützen. Jetzt erst fällt mir auf, dass meine Frau neben ihrer normalen Brille auch eine Lesebrille verwendet. Das bringt mich auf die Idee, mir ebenfalls eine solche verschreiben zu lassen. Auf die Frage der Augenärztin, wofür ich diese verwenden wolle, fällt mir spontan ein, dass sie speziell für meine Arbeit am Computer geeignet sein müsse. Vorbeugend habe ich schon gemessen, wie weit vom Bildschirm ich dabei sitze, nämlich 45 cm. Ob es ausschließlich dafür gedacht sei, fragt die Frau Doktor. Als ich bejahe, bekomme ich keine Lese- sondern eine Computer-Brille. 
 
Als mir vor dreizehn Jahren bestätigt worden war, meine Nervenleitgeschwindigkeit gäbe vorerst keine elektroneurografischen Hinweise für ein Polyneuropathiesyndrom, bemühte ich mich erst gar nicht darum, diese medizinischen Fachausdrücke verstehen zu wollen. Jetzt mit 76 Jahren leide ich an dieser Krankheit, sodass ich mich mit dem Sinn dieser Begriffe doch beschäftige.
Mich besorgt mein Schwindelgefühl, sodass ich dem Rat, mich zum Zweck einer Untersuchung für kurze Zeit in der neurologischen Abteilung eines Krankenhauses aufnehmen zu lassen, prompt Folge leiste. Im Laufe meines Aufenthalts wird mir klar, dass ich nicht Schwindel-Anfälle sondern taube Fusssohlen habe, was mich um einiges weniger besorgt.
 
Wie macht sich das bemerkbar? Meine Zehen kribbeln und ich muss mich um einen sicheren Schritt bemühen. Wenn ich keine Wände habe, an die ich mich beim Gehen ab und zu anlehnen kann, muss ich darauf  achten, meine Augen nicht auf den Boden vor mir sondern in die Ferne zu richten. Es ist auch ratsam, dass ich meinen Oberkörper selbstbewusst aufblähe und damit als Stabilisierungsfaktor nütze.
 
Wenn ich in meiner Unbekümmertheit nicht darauf achte, muss ich meinen Gang mit abrupten Seit- oder Vorwärtsbewegungen ausgleichen. Dabei finde ich mein Körpergewicht als Hilfe. Wenn das nicht mehr so ist, werde ich mich darum kümmern. Derzeit bin ich dabei, mich an die Situation des torkelnden Fussgängers zu gewöhnen, den jedermann - wenn sie oder er es nur will - für betrunken halten kann.
 
An ein baldiges Ableben denke ich auch jetzt als 76-Jähriger nicht. Ich werde nämlich im Gegensatz zu meinem Vater - der modernen Medizin sei Dank - das Greisenalter von 80 erreichen und darüber hinaus als Hochbetagter meine Umwelt noch ordentlich aufmischen. 

Biechl Alois Biechl Egon


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Klaus:
Mit 45 cm Abstand ohne Wände in die Ferne schauen."
Fritz:
Egon der Aufmischer"
Lotte:
Es gibt immer wieder eine Herausforderung, die ich gerne annehme"
Brigitte:
Weitblick - mit und ohne Brille"
Wenn ich - auch ohne Dackel - vom Einkauf heimwärts wackel...."
Antal:
Ich bin rund, na und?!"


Kommentare (autorisiert):

Toni:
Du sprichst mir wieder einmal aus der Seele: Das mit den zahlreichen Wehwehchen ist part of the game. Ich habe aufgehört, damit zum Arzt zu laufen, nachdem einmal ein Arzt zu mir gesagt hat: Wenn einem Mann über 40 nichts mehr weh tut, dann ist er tot. "
Klaus:
Ich mag Deine Geschichte. Sie ist mit liebevollem Humor geschrieben. Eigentlich entwaffnest Du immer wieder scheinbar fest bestimmte Normen, (ich denke dabei an Jaques Tati, oder andere große Komiker). Das sogenannte “ Scheitern“ wird zur liebenswerten menschlichen Selbstverständlichkeit. Das ist sehr befreiend."
Fritz:
Dein Optimismus gefällt mir. Ich habe durchaus vergleichbare Scherereien mit dem Gehör und Sehkraft. Also kann ich Deine Zores gut nachfühlen."
Lotte:
Mit Vergnügen lese ich deinen letzten Beitrag. So wie es aussieht bist du ein Kämpfer. Das gefällt mir. In jedem Alter gibt es Probleme. Besonders auch junge Leute plagt einiges an Schmerzen, nur vergisst das jeder schnell. "
Brigitte:
Lieber Egon, was mir so sehr an deinen Splittern gefällt ist, dass trotz aller Misslichkeiten immer ein Schimmer Humor hervorkommt.
Ich hatte vor 2 Jahren links einen Hörsturz. Nach 2 Wochen Spitalsaufenthalt mit unzähligen Infusionen, stand fest: linkes Ohr kaputt, nichts zu machen. Am rechten verschrieb mir die HNO-Ärztin ein Hörgerät (altersbedingt etwas schwächere Hörleistung). Ich ging zu Neuroth. Die beschäftigten sich mit mir fast 2 Stunden lang und siehe da: am linken Ohr bekam ich ein ziemlich kompliziert einzulegendes Hörgerät und kann somit seither mit beiden Hörgeräten sogar weiterhin in meinen so geliebten Chören mitsingen. Ich habe mir auch eine Fernsteuerung geleistet. Wenn die Chorleiterin zu sehr in die Klaviertasten haut, kann ich die Geräte leiser stellen !! Ich gestehe: zu Hause oder im Gespräch mit 1 oder 2 Personen benötige und verwende ich sie nicht. Sollte man aber. Der (Neuroth) kann genau kontrollieren, wie lange man sie täglich getragen hat. Kann er auch mithören, was ich zu Hause spreche ?
Meine Mutter wurde 75, mein Vater 85. So stand für mich fest: ich werde 80. Jetzt, mit 78 beginne ich diese Rechnung neu zu überdenken. Denn ich sage gerne: "Ich seh schlecht, ich geh schlecht, ich hör schlecht, aber danke, sonst gehts mir eeeeh gut !" Bis auf die Hitze. Die macht mir heuer ziemlich zu schaffen (Blutdruck im Keller usw). "

Trude:
Als mein Mann starb, habe ich nach 2 Wochen plötzlich ein Klingeln im rechten Ohr. Und ich hörte auch plötzlich in diesem Ohr nicht mehr so gut. Habe aber 11 Jahre vergehen lassen, bis die Leute sagten: "Gehe doch zum Neuroth, Du hörst uns ja die halbe Zeit nicht richtig."
Also ging ich diesen Weg, den ich so lange vermieden habe. Da bekam ich ein winziges Hörgerät angepasst, keiner sieht, dass ich eine Hörhilfe im rechten Ohr habe. Als ich den Neuroth verließ und auf der Straße stand, war plötzlich ein Lärm wie schon lange nicht mehr. Ich hörte wieder, was die Leute redeten, ich war in einen Vortrag, habe alles verstanden, was vorher nicht mehr so war. Ich kann Dir das nur empfehlen: ein neues Lebensgefühl. Der Ohrenarzt meinte, dass ich auf Grund des Stresses durch den Tod meines Mannes diesen Tinnitus bekam.
Abnehmen: Ein Bekannter war nach einem halben Jahr plötzlich viel schlanker. Wir fragten ihn, was er gemacht hat: ganz einfach auf nüchternen Magen abgestandenes Wasser trinken, das war es dann. Einen Krug mit abgestandenem Wasser stets in Sichtweite und in der Früh vor dem Frühstück ein Glas dieses Wassers trinken. 6 kg hat er abgenommen."

Antal:
Ach wie schön, dass auch andere ihre Beleibtheit mit Humor tragen ! Ich gebe zwar zu, dass das Leben eindeutig viel angenehmer ist, seit ich 16 kg abgenommen habe (mittels „Schalter im Hirn”, nun esse ich mit Freude überwiegend Sachen, die vorher maximal „Beilage” waren) und doch noch überrund bin. Aber ich hasse mich nicht jeden Tag wegen der Zusatz-Kilos. Dass die Bandscheiben und Gelenke irgendwann reagieren – ist halt so. Aber für ausgedehnte Wanderungen mit dem lebhaften Hund reicht es allemal, und ich rede mir halt ein, dass das bis zu meinem 90-er so sein wird. Betreffend Gehör werde ich es, wenn es einmal so weit sein wird, mit den Worten einer lieben, hochkultivierten alten Dame halten: 'Ich habe so viel Unsinn in meinem Leben gehört, dass ich jetzt keinen Bedarf mehr daran habe'."