Episoden aus meinem Leben

106. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Feiern

Ich bin 76 und feiere die Silberhochzeit mit meiner Liebsten. Bei dieser Gelegenheit präsentieren wir unsere Sammlung an Sektkorken, die wir im Laufe der Jahre zusammengetragen haben, um vor Augen zu führen, welch lustvolle Jahre wir miteinander verbracht haben. Jeden feierlichen Anlass, den wir mit Schaumwein gefeiert haben, hielt ich - aus einer Laune heraus - durch das Beschriften dieser Korken mit Datum, Anlass und Namen der Beteiligten fest.

Die Hochzeits-Feier ist vorbei und ich beschließe, diese Stoppel zu entsorgen. Dabei lese ich die mühsam auf Kork geschriebenen Botschaften. Den Höhepunkt erlebe ich, als ich den Korken vom ersten gemeinsam mit meiner Liebsten getrunkenen Sekt aus dem Jahr 1989 in Händen halte. Wir beide schwelgen in dieser Erinnerung und im Anschluss beginne ich, über meine persönliche Beziehung zum Alkohol nachzudenken.

Die beginnt 1957 für mich Gymnasiasten in Innsbruck. Jede Woche freuen wir uns auf Freitag. Da bekommen wir aus der Klosterküche zum Fisch ein Bier. Wir wundern uns, dass das gerade am wöchentlichen Fasttag ist, besprechen das aber - aus guten Gründen - nicht.

Vier Jahre später werde ich als Priesterstudent  ins italienische Piemont versetzt. Hier herrscht die Gepflogenheit, dass jeder von uns sowohl zu den Mittags- als auch zu den Abend-Mahlzeiten ein Viertel Rotwein bekommt. Das ist einer der Vorzüge, die ich mir mit meinem Umzug eingehandelt habe. 

Nach meinem Austritt aus dem Kloster trinke ich ab und zu ein Bier und zu besonderen Gelegenheiten Wiener Heurigen-Wein. 

Erst beruflich lerne ich bei Wien-Besuchen meiner Kunden neben den verschiedenen Arten vom berühmten Wiener Kaffee auch unterschiedliche Bier-, Wein- und Schnapssorten kennen und trinken. 

Bei meinen Reisen zu den Abnehmern unserer Produkte in exotischen Ländern ändert sich mein Bezug zu Alkohol erneut. Sehr oft bin ich dort, wo überhaupt kein Alkohol getrunken wird, wie in Saudiarabien, Yemen, und anderen islamischen Ländern. Beim Recherchieren finde ich heraus, dass Kuwait beispielsweise beim Alkohol-pro-Kopf-Konsum weltweit an 187. Stelle liegt. Als Exportmanager reise ich aber auch in die Ukraine. Die liegt in dieser Skala an der sechsten Stelle. Mich wundert es also nicht,  dass mir meine Gastgeber umgehend nach dem Abendessen harte Getränke servieren lassen. Damit schütten sie mich - im wahrsten Sinne des Wortes - zu. Ich bin tatsächlich so betrunken, dass ich nicht mehr allein in mein Hotel finde. Einmal und nie wieder!

Alle diese Höhen und Tiefen kommen mir in den Sinn, als ich die einzelnen Korken in die Finger nehme. Einer erinnert mich an unsere Nordland-Kreuzfahrt, ein anderer an unsere Reise am Nil und ein dritter an ein bemerkenswertes Ereignis beim Kartenspielen, als einer von uns beim Whist eine rekordverdächtige Punkte-Anzahl von 169 erreichte. Die Krönung meiner Suche ist jedoch der Kork von der Sektflasche, die ich zusammen mit meiner Frau und lieben Nachbarn als letzte getrunken habe. Ich werde nostalgisch und bewahre diesen zusammen mit dem ersten aus meiner Sammlung auf. Die restlichen 247 entsorge ich in diesem Moment. Immerhin konsumierten wir im Lauf der 28 Jahre neun Sektflaschen pro Jahr. 

Beisammensein

Kennenlernen

 

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
Es wird ein Sekt sein, und wir wer’n nimmer sein"
Fritz:
„Erinnerungen in Kork gemeißelt"
Brigitte:
„252 Korken"
„Der Alkohol und ich - eine langsame Annäherung"


Kommentare (autorisiert):

Bertrand:
„Es gibt nichts über Französischen Wein in deinem Bericht: so eine Frechheit -))"
Egon:
„Champagner ist mir zu teuer und etwas anderes zahlt sich nicht aus -))"
Antal:
„Erstens: Sekt ist kein Alkohol, sondern flüssige Lebensfreude. Zweitens: Bier ist kein Alkohol, sondern Lebensmittel.
Drittens: Sei froh, dass Dich die Ukrainer erst NACH dem Essen mit Wodka zugeschüttet haben. Meine erste diesbezügliche Erfahrung dort begann mit 300 Gramm ZUM Essen... "

Catriel:
„Ich folge deinem uglaublich bunten, abenteuerlichen lebenslauf und gratuliere - nach den jahrzehnten, seit denen dieses foto "geschossen" wurde, zu deiner freundschaft mit dieser feschen , fröhlich lachenden jungen dame.... Was der papst, kardinal, bischof wohl dazu sagen würden? so was von aufmümpfig, du springinkerl!"
Trude:
„Auch wir haben die Sekt-Korken beschriftet und aufbewahrt. Als mein Mann starb, habe ich sie mit Wehmut entsorgt, denn es gibt ja keine weiteren Korken von Flaschen, aus denen ich mit meinem geliebten Robert Sekt trinken kann. Wir haben alles mit Sekt gefeiert, da kommt schon eine Menge zusammen. Aber so ist halt der Lauf der Zeit. Man muss hinnehmen, dass sich vieles im Leben ändert, auch das Korkensammeln."
Brigitte:
„Auch ich habe so manche kleine Erinnerungsstücke aufgehoben. Nichtssagend für andere, Geschichten erzählend für mich. Daher bewundere ich dich, dass du die Kraft gefunden hast, dich von einer so umfangreichen Sammlung netter Geschichten zu trennen. Mit Freude habe ich aber zur Kenntnis genommen, dass du 5 "Highlights" doch noch zurückbehalten hast ! "