Episoden aus meinem Leben

116. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at
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Bisher habe ich versucht,  die Misserfolge bei meinen Diäten einfach wegzustecken. Um endlich für mein Aussehen und damit auch meine Gesundheit eine dauerhafte Lösung zu finden, beschließe ich im Jahr 2006, eine Gruppenpsychotherapie zu beginnen. Die Gruppe besteht aus sechzehn Personen. Der Therapeut ist bekannt und anerkannt. 

Zunächst regt er uns dazu an, unsere Ist-Situation genau zu durchleuchten und in Form von Zeitplänen niederzuschreiben: die auf 5 Minuten genaue Aufgliederung unserer täglichen Tätigkeiten, die exakten Termine dafür, die Zeit, die wir für Familienmitglieder und Freunde (mit Namens-Angabe) aufwenden ... Besonders wichtig sind die zu Beginn benannten Problembereiche jedes einzelnen. Für mich sind es die Entwicklung bei Gewicht, Alkohol- und Tabakkonsum.

Am interessantesten finde ich die Aufstellungen im Rahmen des Psychodramas. Die Anliegen eines Gruppenteilnehmers werden so behandelt, dass alles, was zum Thema gehört, ob Problem oder Person, von anderen dargestellt wird. Damit hat der sogenannte Protagonist die Möglichkeit, seine Geschichte von außen zu sehen und zu beurteilen.

Heute bin ich dran und wähle Personen für die vom Therapeuten vorgeschlagenen „Ich's“ und meine Probleme. Peter repräsentiert mich als 23-jährigen „Kleriker“, Juliane als „verdrossene erste Frau“, Fritz steht für mich als maßloser „Exportmanager“ und Heinz für mein jetziges „Ich“. 

Es entwickelt sich folgendes Gespräch: Peter, der Mönch, zu Fritz, dem Manager: „Wieso bist Du als kompetenter Vertriebsmann Deiner Firma so übergewichtig geworden?“ Der antwortet: "Der Stress, meine Arbeit gut zu machen, hat mich veranlasst, auf die individuellen Bedürfnisse und Vorlieben meiner Kunden einzugehen. Da bleibt nicht viel Zeit für sportliche Betätigung. Die vielen Essens-Einladungen kann ich nicht ablehnen, sondern muss sie in meiner Position sogar selber aussprechen. Das ist absolut kontraproduktiv.“

Peter setzt nach: „Zum Wochenende bist Du aber doch zuhause bei der Familie. Ich stelle mir das als einen Ort der Geborgenheit vor, einen Platz, wo neben genüsslichem Kuscheln gemeinsame Unternehmungen im Vordergrund stehen, bei denen Du Dich ungehindert bewegen kannst. Oder?“

Juliane mischt sich ein und sagt, gewendet an Fritz und Heinz, meinen persönlichen Repräsentanten: „Ein genüssliches Kuscheln gibt es nicht. Gelegenheit und Freude an körperlicher Bewegung sind nicht vorhanden. Was ist doch aus meinen Ideal-Vorstellungen des Zusammenlebens zwischen Fritz und mir geworden? Zu Beginn unserer Beziehung war alles eitel Wonne gewesen? Warum jetzt nicht mehr?“

Das veranlasst Fritz zu Peter, dem Theologiestudenten zu sagen: „Abgesehen davon, dass es vielen Personen, insbesondere Managern, so geht wie mir, habe ich - wie Du siehst - das zusätzliche Handicap zu tragen, durch Deine Berufswahl nicht optimal für eine Liebesbeziehung, eine Ehe vorbereitet zu sein.“ Heinz meint: “Ich pflichte dem zu 100 Prozent bei.“

„Gehst Ihr jetzt auf mich los? Ihr lenkt von Eurem Problem, der Fettleibigkeit, ab! Auch ich habe keine geglückte Beziehung zu einer Frau. Nicht einmal offen reden darf ich über eine solche. Aber das hindert mich nicht daran, mein Gewicht zu halten. Ich bin zwar durch mein zurückgezogenes Klosterleben beeinträchtigt, aber handwerkliche Tätigkeiten wie die Reparatur von klosterinternen Elektro-Leitungen und das Fällen von Bäumen im Klosterwald halten mich fit.“

Heinz nimmt das Thema auf: „Du bist natürlich erhaben über jeglichen Vorwurf, mich durch Deine Entscheidung, ein eheloses Leben in Armut und Gehorsam zu führen, zu belasten. Das halte ich für die Arroganz der Frommen. Siehst Du denn Frauen als Menschen oder nur als Versuchung, gegen das Gelübde der Keuschheit zu verstoßen?“

Auch Peter weicht jetzt vom Thema der Adipositas ab: „Natürlich gehören Frauen genauso wie Männer zum Gottesvolk, für das ich als künftiger Seelsorger verantwortlich sein werde. Und natürlich ist es so, dass ich jetzt, knapp nach meiner wohlüberlegten Entscheidung für ein gottgeweihtes Leben nicht von geilen Mädchen und Frauen davon abgehalten werden möchte. Der Ordenshabit und die damit zur Schau getragene Haltung, auf sexuelle Kontakte mit Frauen zu verzichten, ist für viele von ihnen ohnehin ein zusätzlicher Ansporn, den attraktiven ‚Mann‘ zu wecken, damit er ‚der Welt nicht verloren geht‘.“

Fritz, der Manager: "Unterliegst nicht auch Du manchmal dem weiblichen Charme, den Du eigentlich komplett ausklammern müsstest?“

„Was soll das mit Deinem Übergewicht zu tun haben? – Ja, natürlich gibt es so etwas, ich bin eben auch kein Übermensch. Und die mit meinem Entschluss eingeschlagene Linie will ich - motiviert durch das Vorbild vieler meiner Mitbrüder - beibehalten.“

Heinz zum Abschluss: „Das Übergewicht ist doch nur ein Ausdruck für meine Probleme, die ich nach wie vor nicht bewältigt habe. Gerade die Tatsache meiner klösterlichen Vergangenheit ist der Grund dafür, dass ich nach wie vor ein gestörtes Verhältnis zu Frauen habe. Ich glaube mehr denn je, dass mein Verhältnis zur Sexualität dadurch nach wie vor gestört ist und ich - obwohl jetzt glücklich verheiratet - immer den Gedanken vor Augen habe, nach Möglichkeit jeden - nicht nur wie andere außerehelichen - Sexualkontakt vermeiden zu müssen. Meine Fettleibigkeit ist da eine absolute Randerscheinung.“

Diese Sequenz ist ein kleiner Ausschnitt aus meiner fünfjährigen Gruppenpsychotherapie. Dabei wird mir einiges klar im Bezug auf mein jetziges Leben. Aber sich klar werden und sich ändern sind zwei Paar Schuhe. Spurlos vorübergegangen sind diese fünf Jahre jedenfalls nicht.

Karikatur "Chi é ?" (Wer ist es ?), gezeichnet 1968 von meinem
"Kollegen" Fra Giorgio über mich, Fra Clemente, wie ich damals hieß.

Zölibat


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Lotte:
Wie überwinde ich den inneren Schweinehund?"
Antal:
Wer ist schwächer – ich oder ich?"
Brigitte:
Wer (oder wie) bin ich in meinem Innersten ? "
Mein Übergewicht : ein Schutzschild gegen die böse Umwelt und / oder die gefährlichen Frauen ?"
Therapie her oder hin: ich bin wie ich bin"


Kommentare (autorisiert):

Catriel:
„Ich, ungelernter Therapeut, Psychologe bewundere die klare, fast unpersönliche Präsentation Deines Lebenswegs. Ich durchwanderte mein Leben bis zum Alter von etwa 40 Jahren ohne irgendwelche derartige Hilfe. Besonders zeigte es sich, als ich mit 15 Jahren nach meiner Flucht in Sicherheit mit Kameraden, Freunden... ernstlich den Selbstmord erwog. Ich war – Posttrauma - absolut alleine, verlassen, vergessen, nutzlos, deprimiert und hilflos, da mir niemand helfen konnte. Ich wollte auch keine Hilfe. "A arms Hascherl" bis ich langsam (!) zur Erkenntnis kam , dass man sich im Grunde nur selbst hat. Ich hatte halt , wie ich es in meiner Autobiographie ironisch betitelt habe "mehr Glück als Verstand". HM, was soll ich weiter sagen? Jetzt bin ich alt und a biss'l g'scheiter. ODER ??"
Lotte:
„Wieder eine sehr nette Geschichte. Nach dem Motto : 'Wie überwinde ich den inneren Schweinehund?' Na ja, ist vielleicht ein bisschen deftig, aber es kommt halt - trotz aller Diskusionen - immer auf das hinaus. Es heißt verzichten, es heißt Sport betreiben und womöglich nur etwas essen, was nicht schmeckt. Wie lange hält man durch. Für uns gibt es nur eine Möglichkeit: das Tellerchen anfüllen und dann ist Schluss. Kein Nachnehmen, kein Ausputzen odet Restl vertilgen. Natürlich funktioniert das auch nur mit mäßigem Erfolg, aber das Zunehmen ist damit zumindest gestoppt."
Antal:
Angeblich sind ja Menschen, die dem einen oder anderen Genuß nicht abgeneigt sind, ausgeglichen und liebenswert. Trösten wir Dickerchen uns halt damit ... OK, exzessiv soll es nicht werden, rein aus gesundheitlichen , aber auch praktischen Gründen – Mangel an tragbarer Kleidung, schwieriges Schuhband-Zubinden, dauerndes Ankleckern der Hemden, um nur ein paar zu nennen. Das Therapie-Modell, von dem Du erzählst, gefällt mir gut – erkenne Dich selbst !"
Ursula:
Da futtern wir uns doch mal eine hübsche Fettschicht an! Die schützt uns warm gegen kalte Probleme und macht uns unattraktiv gegen die meisten sexuellen Begehren des weiblichen Geschlechts. Es sei denn … Meine P a r t n e r i n füttert mich gezielt und fleißig, damit ich ihr nicht abhanden kommen könnte?"
Trude:
Also, wie Du aussiehst bist Du einfach ein „G`standenes Mannsbild“, Du vermittelst den Eindruck, ein gemütlicher, liebevoller Mensch zu sein. Und wenn Du Dich wohlfühlst wie Du bist, dann lass` es so. Ich kenn viel „Abnehmer“ die sind grantig und ungut geworden, bis sie wieder zugenommen habe, da waren sie wieder liebe Menschen. Aber, das muss jeder für sich entscheiden. Ich selber schaue halt, dass ich nicht zunehme und ich habe immer die gleiche Kleidergröße, manchmal ist mir alles zu weit, aber nie zu eng. Also, alles Gute lass Dir das Essen schmecken und frag den Doktor, ob es recht ist so wie Du bist. "
Gerti:
Na ja die Diäten!! Auch ich habe schon einige gemacht - haben mäßig geholfen, waren aber manchmal frustrierend. Ich denke, man futtert sich mal eine Abwehr-Fettschicht an; vielleicht aus Frust, Stess, Kummer oder einfach weil man das Leben viel zu schwer nimmt. Wenn es keine gesundheitlichen Probleme gibt und die Beweglichkeit nicht leidet, dann ist der Diätwahn zu vergessen. Bleib wie du bist: ein gemütlicher 'gstandener Mann'!"
Brigitte:
Das Thema Übergewicht begleitet mich auch schon Jahrzehnte lang. Schon von Kindheit an - einmal mehr, dann wieder weniger. Anlässlich meiner (von mir gewollten) Scheidung Abnahme aus Kummer 20 kg in 3 Monaten, vor ein paar Jahren aus Angst vor Knie- und Hüftoperation 16 kg. Zwischendurch immer wieder 4 - 5 Kilo. Kaum sind die Extremsituationen vorbei - husch geht es gewichtsmäßig wieder hinauf. Ich habe sicher in meinem jetzt schon langen Leben mein Körpergewicht einmal ab- und dann wieder zugenommen. Ich kämpfe zwar weiter, um es nicht ausufern zu lassen - bin aber schon milder zu mir. Mit Ausdrücken wie "kein Übergewicht, sondern etwas mehr Figur", "nicht zugenommen, sondern den Charakter entfaltet", "nicht übergewichtig, sondern untergroß " oder "......aber 1 Kilo schöner, als das andere" hat man mich schon vielfältig zu erheitern versucht. Es ist wie es ist. Mittlerweile leide ich (seelisch) nicht mehr darunter, aber egal ist es mir noch immer nicht. In dem Sinne: willkommen im Club !"
Ernst:
Gedankengänge sind interessant; Danke für die Sequenz; meiner Meinung spielt das "Denken" und das "Erkennen" eine große Rolle; ich habe gelernt (für mich selber) das "Übersicht/Überblick" gewinnen eine Rolle für das "Handeln" spielt. Wenn diese Schlagwörter nicht zugelassen, verinnerlicht oder mitgedacht werden - helfen keine Diäten und Therapien."
Jerry Wood, Präsident des Deutschklubs DANK (Deutsch-Amerikanischer National Kongress), Arizona, USA, mein "Vetter" in Amerika (wie er sich selber heißt):
„Unsere Mitglieder sind alle Senioren und ich fürchte, dass die Tage unseres Klubs Tag für Tag schnell weniger werden."
Jerry hat seit November 2016 zehn Splitter in den DANK-Miteilungsblättern veröffentlicht.