Episoden aus meinem Leben

118. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at senden.
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Ich bin der Chef der dreiköpfigen Exportabteilung der Firma Edelglas. Wir sind ein Handelsbetrieb für Glaswaren, die wir hier an unserem Standort in Hennersdorf durch Dekorieren „veredeln“. Wir liefern in fast alle westeuropäischen Länder mit Ausnahme von Griechenland und Italien, was mir besonders leid tut, weil ich meine Italienischkenntnisse nicht einsetzen kann. Die meisten Kunden haben wir jedoch in USA und Kanada.

Man schätzt mich wegen meiner Unaufgeregtheit und Verbindlichkeit. Ein einziges Mal raste ich aus. Bei der Leiterin des Produktionsbetriebes habe ich eine dringende Mustersendung in Auftrag gegeben. Aber auch am übernächsten Tag fehlen die Unterlagen für den Versand. Entrüstet gehe ich hinunter in die Halle, wo unsere Produkte gefertigt werden. Die Kollegin, als Chefin verantwortlich für die Durchführung meiner Anordnungen, informiert mich ungeniert, sie hätte die Sendung nicht veranlasst. Sie entschuldigt sich nicht einmal dafür, sondern meint ganz einfach, sie hätte diesen meinen Auftrag nicht für wichtig gehalten. Ich schreie sie an: „Was bilden Sie sich ein? Sind Sie im Kontakt mit den Kunden oder bin ich es?“ Mir genügt das nicht. Ich schmeiße die Schreibunterlage mit den relevanten Informationen, voller Wucht auf den Boden, drehe mich um und bemerke aus den Augenwinkeln, wie verblüfft sie mir, dem sonst so Langmütigen, nachschaut. Ich wundere mich selbst über mich, bemerke in der Folge jedoch, dass man danach mehr Respekt vor mir hat.

Für einen Mittelbetrieb, dem unsere Firma zuzurechnen ist, ist es nicht mit Mustersendungen, brieflichen, Telex- und Telefonkontakten getan. Ich muss unsere Kunden auch persönlich besuchen. Mir gefällt das. 

1973 reise ich erstmals in die USA und nach Kanada. An meinem ersten Tag in New York verschlafe ich das von Wien aus gebuchte Musical komplett. Ich habe allen Ernstes geglaubt, ich könne zweieinhalb Stunden nach meiner Ankunft dort nach einem 15-stündigen Flug solch ein kulturelles Ereignis genießen. Wie blöd kann man eigentlich sein? 

Bei meiner Spesen-Abrechnung zu dieser Reise, bei der ich diese Privatausgabe natürlich nicht verrechnen kann, muss ich nicht nur die genauen Flugzeiten mit Angabe der Zeitzonen angeben sondern auch die Tatsache, dass ich eine siebeneinhalb-stündige Verspätung hatte und dass ich nicht alle Originalbelege beibringen kann, weil ich meinen Mantel in New York vergessen habe. 

Bei meiner nächsten Amerika-Reise fliege ich von Wien einundzwanzig Stunden lang nach Los Angeles. Mein Rückflug führt über einige kanadische Destinationen und Zeitzonen nach New York. Bei den 30 Taxifahrten kann ich 17 mit Originalbelegen verrechnen, für die restlichen muss ich Ersatzbelege ausstellen.


Abrechnung

Ein Jahr später kommen zu den Ausgaben für Flüge, Übernachtungen, Essens-Einladungen und Taxifahrten die Spesen für Mietwagen dazu. Für die Fahrt von Montreal nach Toronto miete ich mir ein Auto. Da es hier Anfang Dezember schon sehr kalt ist, habe ich mit Winterkleidung vorgesorgt. Im Auto allerdings trage ich mein normale Gewandung. Auf der Fahrt, bei der nur alle fünfzig Kilometer ein Wohnort an der Straße liegt, will ich kurz aussteigen. Vorsorglich schlüpfe ich in meinen Rauhleder-Mantel und setze mir meine Pelzhaube auf. Als ich aber mit meinen Halbschuhen den Boden betrete, ziehe ich meine Füße sofort wieder zurück. Hier in der freien Natur hat es um die vierzig Grad minus, wie ich mich anschließend vergewissere. Gern ziehe ich also für meinen kleinen Ausflug auch noch die Winter-Stiefel an. Tatsächlich bin ich geschockt durch die selbst für Kanada extrem niedrigen Temperaturen.

Völlig unbedarft, wie ich bin, ziehe ich mir für meinen Flug nach Los Angeles auch den Wintermantel an und setze mir vorsorglich die Pelzhaube auf. Wie ich nach dem Verlassen des Flughafens bemerke, hat es hier etwa zehn Grad plus!!! Gewieft durch diese Ereignisse vergewissere ich mich vorab über die aktuelle Temperatur in Miami um weitere Überraschungen zu vermeiden: es hat ganz eindeutig 25 Grad plus.

Die fünf Jahre, in denen ich für die Firma Edelglas gearbeitet habe, möchte ich in meinem Lebenslauf nicht missen. Das darauffolgende Jahr in einer anderen Firma derselben Branche gefällt mir um einiges weniger. Vielleicht ist das auch deshalb, weil dort meine Dienstreisen über Orte in Oberösterreich und Salzburg nicht hinausgehen.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
Globetrotten will gelernt sein"
Hannelore:
Die Welt wird durch Reisen kleiner"
Brigitte :
Dienstreise: kalt - warm"
Dienstreise - Toronto - Miami - Salzburg!"
Überraschender Vulkanausbruch"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
..und das war natürlich viel schwieriger, als man noch nicht wie heute problemlos alles im Internet abrufen konnte – von der Wettervorhersage über Stadt- und Flughafenpläne bis zu Restauranttipps. In der von Dir erwähnten Zeit half da nur (manchmal schmerzliche) Erfahrung."
Antal:
Es ist wirklich nur für uns + Leute in ähnlicher Position nachzuvollziehen, wie umständlich und schwierig es war, diese weiten Reisen auf andere Kontinente zu machen; es gab nur spärliche Informationen; selbst in Europa die Unkenntnis: ich bin in den 1970er-Jahren für 1 Jahr nach Frankreich mit Winterkleidung geflogen, um dort festzustellen, dass die Temperatur an der Küste den ganzen Winter nicht unter 15 Grad fällt außer in den Schigebieten in den Alpen. Heute hat sich alles zwar wettermäßig umgedreht, aber wir können uns auch mehr informieren. "
Brigitte :
Etwas kommt mir bekannt vor: ich war auch immer als ruhig, höflich und besonnen bekannt. Eines Tages kam ich in mein Büro - an der Decke waren neue Beleuchtungen angebracht worden und auf meinem Schreibtisch, in den Ablagekisterln und auf meinen drei 1,5 m großen Hydropflanzen lag nicht nur Staub, sondern auch Mist vom Stemmen und Mörtel vom Verputzen. Ich raste in die Geschäftsführung in den 1.Stock, setzte mich zum Empfang und erklärte sehr bestimmt:-"Iich werde hier sitzen bleiben und mein Büro erst wieder betreten, wenn dort von den Verantwortlichen alles sauber gemacht wurde." Mein Chef vermisste mich und als er erfuhr, was los war, schleppte er selber meine schönen Pflanzen zu den Aufenthaltsräumen (wo auch Duschen waren) und badete sie, während das Büro gesäubert wurde. Von da an wusste man: wenn sie auch noch so freundlich ist - mit der ist nicht zu spaßen - sie kann auch anders."