Episoden aus meinem Leben

120. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Im Juvenat der Serviten in Innsbruck bin ich durch dicke Klostermauertn geschützt. Es gibt Kontakte mit der Außenwelt, aber die Lebenserfahrung wird nicht wirklich gefördert. Eskapaden wie jene, die Gleichaltrige sich leisten, sind für mich und meine Kollegen unmöglich. Im darauf folgenden Noviziat und Klerikat des Ordens gibt es überhaupt strenge Richtlinien. Die sind keine Vorbereitung, sondern ein Handikap für eine normale Entwicklung zu lebenstüchtigen Menschen. Die Redensart „Menschen wie du und ich“ kann für mich nicht angewandt werden. Die Versetzung nach Italien lässt mich eine neue Sprache lernen, ändert aber nichts am Zustand der verordneten Menschenscheu. Praktische kulturelle Ereignisse wie öffentliche Theateraufführungen oder Konzerte sind tabu. Gesellschaftspolitik ist kein Thema, man hält uns sogar davon ab, Tageszeitungen zu lesen. Die politische Partei ist vorgegeben und bedarf keiner Diskussion.

Unkonventionelle Erfahrungen sammle ich nur mit meiner Wissbegierde und der mir angeborenen Lebensfreude. Daher fühle ich mich nicht einsam oder benachteiligt. Mit Ideen, die durch meine Kloster-Oberen nicht beeinträchtigt werden, presche ich vor und erwerbe mir die Hochachtung meiner Schulkollegen und - man staune - Mitschülerinnen. Meine Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit, eine Jugendzeitschrift herauszugeben, geben mir das Profil eines ziemlich unabhängigen Sprechers, der begeistern kann. Und obwohl außerschulische Kontakte mit Mädchen und Frauen verpönt sind, habe ich sie trotzdem, geschickt wie ich bin. Wie kein anderer meiner Schicksalsgefährten bin ich also auf ein Leben außerhalb klerikaler Gelübde vorbereitet.

Aber ... Mit 27 Jahren befreie ich mich - ich gebe es zu - vor allem wegen des Zölibats von diesen Fesseln und beginne ein neues Leben, in dem ich mich, unbeeinflusst durch die bisher üblichen Einschränkungen, entwickeln will, darf und kann. Nach extrem kurzer Zeit des Flirtens heirate ich eine nette Kollegin. Selbstbewusst, wie ich bin, will ich in meiner neuen Lebenssituation nicht wahrhaben, dass ich so gar keine Erfahrung im Umgang mit Frauen habe. Das wirkt sich vernichtend auf unsere Beziehung aus. Bei meinen späteren beruflichen Italienreisen logiere ich in Mailand immer im selben Hotel. Dort treffe ich regelmäßig eine Frau. Als ich jedoch in meiner Firma nicht mehr für Italien zuständig bin, hat das ab sofort ein abruptes Ende. In den muslimischen Ländern des Mittleren Ostens gibt es dafür auch keinen Ersatz und meine Arbeitskolleginnen in Wien und Europa sind für mich tabu.

Nur in der beruflichen Umgebung kann ich zeigen, wie weltoffen ich bin. Nonchalant begegne ich meinen Kunden in den fremden Ländern. Mit harmlosen Witzen unterhalte ich meinen Kollegenkreis. Mit Stolz präsentiere ich die Ergebnisse aufwendiger Projekte. Bestimmt trete ich als Betriebsrat gegenüber unseren Vorgesetzten auf. Im geschäftlichen Umfeld bin ich in meinem Element. Hier fühle ich mich durch meine extrem katholische Vergangenheit nicht beeinträchtigt. Ich bin es auch nicht.

Nur meine Tochter hält mich davon ab, die Familie zu verlassen. Hier bin ich bald nach ihrer Geburt das fünfte Rad am Wagen. Ich entspreche - wohl aufgrund meiner Beziehungsunfähigkeit - den Vorstellungen meiner Frau nicht. Eine Erbschaft macht meine Frau von mir und meiner finanziellen Unterstützung unabhängig. Diese will sie nicht verlieren, mich hingegen gern. Erst jetzt, 18 Jahre nach unserer Eheschließung, kann ich nicht anders, als mich zu trennen. Es hatte schon lange keine Verbindung und nur mehr Missverständnisse zwischen uns gegeben.


Vorher

Abschied
Nachher

Beginn

Das Alleinsein währt nicht lange. Ich lerne eine eine bezaubernde Frau kennen. Nur ihre liebevolle Zuwendung und meine Angst, diese Beziehung zu verlieren, bringen mich dazu, ihre Vorschläge ernst zu nehmen und zu reflektieren, was mich von den Vorstellungen der "Menschen wie du und ich" trennt. Meine neue Partnerin leistet viel Überzeugungsarbeit und ich versuche, ihre Empfehlungen ernst zu nehmen. Oft verwende ich den Ausspruch "Du gfollst ma", wenn mich ihre Aussagen verblüffen. Manchmal sind diese so fremd für mich, dass ich mich urplötzlich in Schweigen hülle und aus dem Zimmer gehe. Aber ein Aufgeben gibt es nicht, weder für sie noch für mich. Deswegen beginne ich auch eine Psychotherapie. Ich fange damit an, mich für Politik zu interessieren, Theater, Konzerte und andere Veranstaltungen öffentlichen Interesses zu besuchen. Sogar Tanzkurse stehen am Programm. Aus dem Auseinanderleben in meiner ersten Beziehung wird ein Zusammenstreben in dieser neuen. Das ist für mich sehr beglückend. Trotzdem tauchen in meiner Beziehung immer wieder Verhaltensmuster aus meiner Vergangenheit auf.

Kommentare von:

Alois:
"Uns beide verbindet viel mehr als nur eine bloße Klassenkollegialität. Wir beide waren beseelt vom Gedanken, Priester zu werden. Du und auch ich sind dann „vom Weg abgekommen". Es war "nicht so sehr" (spätere Korrektur: "doch") das vielgescholtene Zölibat, auch nicht irgendwelche materiellen Vorstellungen. Vielmehr war es eine Beobachtung im Kloster. Die Einsamkeit erschreckte mich, in Kontakten zu den Pfarrern draußen ergab sich letztendlich das gleiche Bild: der so aktive Pfarrer mit Jugendarbeit, Hochzeiten und Taufen, Hochämtern und Prozessionen, als Tröster der Kranken und Sterbenden, als Beichtvater und Ratgeber der Verzweifelten… Abends war er als "Rentner", der die mit ihm gleichzeitig zurückgekehrten Chorherren nach vierzig Jahren draußen nicht mehr kannte, allein in seinem kargen Zimmer. Was fehlte, war die Geborgenheit einer Familie, die Nähe einer vertrauten Frau. Ich konnte mir ausmalen, wie es ist, so allein zu sein. Da hilft auch keine noch so große Hingabe an Jesus, Maria und Gott. Mit einem Mal wusste ich: du wirst ein Leben in Einsamkeit verbringen, kannst dein Innerstes niemandem anvertrauen, empfängst vielleicht Verständnis bei den Mitbrüdern, aber nicht aufrichtige Liebe."

Michael Heltau (Zitat aus: Die Presse - Spektrum - 24.11.2018)
"Ich hätte die Beziehung immer über den Beruf gestellt."

 
kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Fritz:
Befreiung von den Fesseln"
Hannelore:
„Auch dicke Mauern halten den Geist nicht auf!"
Brigitte:
„Ich gehe in mich - und auf einen neuen Lebensweg"
„Erdrückend weltfremdes Leben hinter Klostermauern - Freiheit draußen"

 
Kommentare (autorisiert):

Margret:
"Du hast natürlich viel mehr Einblicke in die Welt der zölibatär lebenden Priester. Durch Gerhards Organistentätigkeit haben wir aber auch sehr viele katholische Geistliche kennen gelernt und dabei Erschreckendes beobachtet. Alkoholsucht ist überdurchschnittlich verbreitet. Viele werden zu Vielessern und ruinieren sich durch Fettleibigkeit ihre Gesundheit. Wer heiratet und deshalb das Priesteramt aufgeben muss, ist nicht in den Dreissigern, sondern um die fünfzig. Das ist das Alter, wo die Eltern sterben. Sie haben nun keine Familie mehr und spüren, wie einsam sie sind. Ein Priester, der echte Zufriedenheit ausstrahlte, hatte seine leibliche Schwester als Köchin im Haus. Sie war Teil seiner Familie und vermittelte ihm Geborgenheit. In unserem Kanton gibt es für 200.000 Einwohner, von denen ca 40% Katholiken sind, noch fünf geweihte Priester. Alle anderen Theologen sind Laien, überwiegend Frauen. Aber Rom ist das egal, am Zölibat wird nicht gerüttelt. Und die Missbräuche haben damit natürlich auch nichts zu tun. Der Zölibat ist hartherzig, unmenschlich und gehört sofort abgeschafft."
Fritz:
"Bitte nicht falsch verstehen aber die katholische Kirche hat sich nicht verändert. Das Zölibat ist der Untergang der katholischen Kirche. Das ist nur mein kurzes Statement. Der Priestermagel spricht für sich."
Brigitte:
"Ich bin für dich und für uns alle froh, dass du rechtzeitig den Weg "in deine persönliche Freiheit" gefunden hast. "
Hannelore:
"Jeder Zwang der inneren Freiheit löst Widerstand aus und bewirkt das Gegenteil. "