Episoden aus meinem Leben

123 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jede Person, die künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at senden. Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.



Ich bin 1942 in Innsbruck geboren und jetzt zweieinhalb. Zusammen mit meinen Eltern, dem einseitig beinamputierten Vater und der halblinden Mutter, wurde ich nach meiner Geburt nach Huben im Ötztal evakuiert. Für mich ist hier nichts anders, sondern alles neu.

Wir wohnen in einem verlassenen Bauernhaus. Zum Vater muss ich vom Hausflur ein paar Stufen zu seiner Werkstätte, der ehemaligen guten Stube, hinaufkraxeln. Er ist nach meiner Wahrnehmung fast immer dort, hat am rechten Auge eine Lupe eingeklemmt und arbeitet vorsichtig mit sehr kleinen Instrumenten an den Uhren einzelner Dorfbewohner herum. Die Wörter "Zahnrad" und "Pinzette" merke ich mir in diesem Zusammenhang. Ich bin gerne bei ihm. Aber er verjagt mich ständig mit den Worten "Ich brauche Ruhe bei meiner Arbeit!"

Deswegen spiele ich viel lieber im Freien. Dort grabe ich mit meinem Schauferl in Sand und Erde, die ich mit Wasser aus meinem Küberl breiig rühre.

Wie ich vom Hausflur zu meinem Vater hinaufgehen muss, muss ich zu meiner Mutter in die Küche hinuntergehen. Dort bin ich öfter. Beim Kochen störe ich viel weniger. Mein Schaukelpferd steht dort und meine Spielsachen liegen hier am Boden verstreut. Meine Mutter darf ich nur dann nicht stören, wenn sie "Karten legt". Das macht sie nicht nur für sich selber, sondern auch für manche unserer Nachbarinnen. Dafür bekommt sie Milch und Butter. Einmal werden wir sogar zum Mittagessen eingeladen, bei dem eine achtköpfige Bauernfamilie um einen runden Tisch sitzt. Meine Mutter darf sich dazusetzen und ich darf - als einziger - auf der Bank stehen, weil ich sonst nicht in die riesige Pfanne mit Mus hineinlangen könnte. Mir gefällt meine Sonderstellung, bekomme ich doch auch ein spezielles Löfferl. Begleitet vom Kichern der anderen Kinder mampfe ich mit und lass es mir schmecken. Die "Mitesser" haben auf einem Bord knapp unter der Tischplatte ihren eigenen Löffel liegen, den sie auch selber reinigen oder - besser gesagt - abschlecken.

Es naht Weinachten und meine Mutter fragt mich: "Was wünschst Du Dir vom Christkind?" Ich sage, dass ich das nicht weiß. "Würde Dir ein Baukasten gefallen?" "Jaaa!" sage ich. Jeden Tag denke ich daran, dass ich bald einen Baukasten bekommen werde. Ich denke mir auch schon einen Platz dafür aus. Meine Mutter hat von einem Nachbarn ein kleines Fichtenbäumchen bekommen und schmückt es für den Heiligen Abend. Also heute Nacht kommt das Christkind, das ich bereits in einer Krippe liegen gesehen habe! Aber ich denke nicht an das auf Stroh gebettete Baby, sondern nur an meinen Baukasten.

Die Christbaumkerzen werden angezündet. Wir verharren in stummer Andacht. Singen ist nicht der Eltern Ihres. Die beiden wünschen sich nur alles Gute und zeigen mir dann die beiden Päckchen, die im Halbdunkel unter dem Christbaum liegen. Ich stürze mich darauf, wundere mich aber, dass sie so klein sind. Ein Baukasten ist doch viel größer! Ich reiße das Geschenkpapier herunter. In dem einen Packerl sind Schokolade-Kekse, im anderen Holzklöße, mit denen man spielen kann. "Und wo ist der Baukasten?" frage ich. "Das ist doch der Baukasten!" antwortet mein Vater. Die Enttäuschung ist mir ins Gesicht geschrieben. Ich hatte schon geplant, den Kasten für meine Spielsachen, den Baukasten eben, im Hausflur zwischen zwei Holzpfosten, Stützen für die mindestens hundert Jahre alte Keusche, aufzustellen und dort alles, was jetzt von mir auf dem Boden herumliegt, hineinzulegen. Ich kämpfe mit den Tränen.


Spielkiste Baukasten
kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
Kleine Freuden für kleine Leute"
Gerti:
Träume sind Schäume"
Fritz:
Große Erwartung und tiefe Entäuschung"
Brigitte:
Vorfreude ist schöner als die Wirklichkeit"
Kinderträume...."
Kindertraum und trauriges Erwachen"

 

Kommentare (autorisiert):

Antal:
Als Kind kann man schon gnadenlos sein : Sicher ist es den Eltern nicht leichtgefallen, diese Bauklötze aufzutreiben ! "
Toni:
„Ich bewundere dein Langzeitgedächtnis, vor meiner Schulzeit kann ich mich an rein gar nichts mehr erinnern."
Egon:
„Ich freu mich über mein Langzeitgedächtnis. Dafür kann ich mich an keine kulturelle Vorstellung wie Schauspiel, Musical oder ähnliches erinnern, ohne im jeweiligen Programmheft bei uns zuhause nachzuschauen."
WW:
„Jaja, die Begriffsverwechslungen, die machen es einem schon schwer, richtig zu kommunizieren! Daß Du Dich noch an Dein Alter von zweieinhalb Jahren erinnern kannst? Meine Erinnerung beginnt erst mit etwa drei … Da ist mein Vater aus der Gefangenschaft heimgekommen, meine Mutter hat mich in der Sitzbadewanne gebadet, als mein Vater die Tür hereinkam – völlig abgerissen und bartstoppelig. Ich hab zu weinen begonnen und gesagt: „Mama, ein Russe!“ (Wir wohnten in der Russenzone in Floridsdorf …)"
Egon:
„Ich kann mich tatsächlich nicht mehr erinnern, ob ich als Wunderkind bereits mit zwei-dreiviertel oder erst mit drei-dreiviertel Jahren so altklug war. Meine Eltern kann ich nicht mehr fragen ... Dein Erlebnis in diesem Alter ist freilich absolut dramatischer! So etwas kann man nicht erfinden!"
Fritz:
„Das war doch eine Zeit, an die du dich gerne zurück erinnerst. Da war vieles noch einfach, normal und schön. Ich habe das auch hin und wieder so erlebt. Aber leider waren Geschenke zu dieser Zeit nicht immer das, was wir uns gewünscht und dann bekommen haben. Diese Vielfalt wie heute war uns ja auch nicht bekannt."
Trude:
„Heute ist das undenkbar, dass sich ein Bub einen Baukasten wünscht, oder jedenfalls sehr selten, denn heute sind ja nur mehr Handies gefragt. Was waren das für Zeiten damals. Ich wünschte mir so sehr eine Puppe, die bekam ich dann auch, sie war aus Stoff mit „Wollzöpfen“ und nett gekleidet. Gefüllt war sie mit Watte. Diese Puppe hatte ich so geliebt, ich habe sie überall mitgenommen und erst als sie sich in Einzelteile auflöste, wurde sie „entsorgt“, aber dafür bekam ich dann eine „richtige“ Puppe, die aber von mir nicht so geliebt wurde wie die einfache. War ja Kriegszeit und das Erlebnis war auch das Heilig-Abend-Essen , kleine Schweinshaxen mit Sauerkraut und Erdäpfel -----ein Festmal für damals. Gott sei Dank hatte mein Vater mit einem Kinderarzt im Ötztal eine Jagd gepachtet, er war leidenschaftlicher Jäger und da hat es dann feine Wildbraten gegeben. Diese Dinge bleiben einfach das ganze Leben in Erinnerung."
Brigitte:
„Geht es uns nicht in jedem Altersabschnitt so, dass wir uns manchmal etwas viel schöner vorstellen, als es dann in der Realität stattfindet ? Aber diese kurze Zeit bringt doch auch Freude."