Episoden aus meinem Leben

124 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jede Person, die künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at senden. Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.



Im Jahr 1948 zieht unsere Familie vom Ötztal ins Tiroler Außerfern nach Lermoos. Hier wohnen wir in einem Haus, das meine Tante in eine sogenannte Fremdenpension, das "Haus Bergfrieden", umbauen lässt. Knapp daneben - nur durch einen geschotterten Gemeindeweg getrennt - ist die Talstation eines Schilift-Typs, bestehend aus einem großen Schlitten für die Berg- und einem für die Talfahrt mit Platz für je vierundzwanzig Schifahrer auf sechs Sitzbänken.
 
Die hiesigen Nachbarskinder wecken in mir die Lust, es ihnen beim Schi-Fahren gleich zu tun. Ich habe zwar keine neuen Ski, wie sie nach englischen Vorbild heißen, aber gebrauchte genügen mir auch. Solche bekommt man hier in diesem Wintersportort ganz leicht. Sie haben zwar keine Stahlkanten wie die Schier der Profis, aber sie eignen sich sehr wohl zum Gleiten im Schnee. Auch dann, wenn sie einmal brechen, kann man sie gegen geringes Entgelt wieder zusammenleimen, "schäften" lassen. Ich brauche das öfter als einmal. In solchen Situationen, bei denen meine Mutter schon wieder etwas finanzieren soll, ducke ich mich dafür gerne unterwürfig.

Ich kann zwar nicht gut Schi-Fahren, aber zum Schneepflug reicht es schon. Gäste aus dem Ausland können auch nicht mehr. Meist sind sie aber schwerer als ich. Das bemerke ich, als sich ein Holländer vor mir nicht einbremsen kann. Der Zusammenprall nimmt mir das Bewusstsein. Beim Aufwachen sehe ich, dass sich bereits viele Leute in großem Kreis um mich geschart haben, bevor man mich zum Arzt bringt.

Ein ähnliches Erlebnis habe ich beim Rodeln. Daran ist aber kein Ausländer schuld, sondern mein Übermut. Ich bin derjenige, der auch das steilste Stück bis ganz nach oben hinaufgeht. Beim Hinunter-Rodeln überschätze ich meine Fahrkünste und bleibe wieder einmal ohnmächtig liegen. Meine zwei siebenjährigen Kollegen sind sehr bestürzt und stützen mich beim Nachhausegehen.

Lermoos ist der Heimatort von Walter Schuster, dem Dritten bei der Olympiade 1956 im Riesentorlauf und von Josl Rieder, dem Slalom-Weltmeister 1958. Kein Wunder also, dass mich das animiert, einen Torlauf, den meine Schulkollegen gesteckt haben, zu fahren. Nach einem Tor verheddere ich mich in den restlichen Stangen und maße mir nie mehr an, "im Flaggen-Wald zu wedeln". Ich bin zu ungelenk und habe einen Heiden-Respekt vor dieser Disziplin. Der ist auch darin begründet, dass Hilde Hofherr, mehrfache Österreichische Meisterin und erfolgreiche Teilnehmerin an Weltmeisterschaften und Olympiaden in Slalom, Riesenslalom, Abfahrt und Kombination, meine Firmpatin ist.

Im Gymnasium gibt es recht wenig Gelegenheit, mit meinen Schulgefährten Schi-Ausflüge zu machen oder gar eine Schi-Tour zu unternehmen. Und für einen Theologiestudenten im Ordensgewand ist Schi-Fahren ohnehin - fast - tabu.


Pian della Regina Schifahren

Erst etliche Jahre später kommt für mich die Gelegenheit, wieder Wintersport zu betreiben und mit Tochter und Stiefsohn Schi zu fahren. Jetzt haben wir Schier mit Stahlkanten und sind auch zeitgemäß für diesen Sport gekleidet.

Allerdings gibt es bei dieser Gelegenheit auch aufregende Momente. Bei der Rückkehr von einem Schi-Ausflug mit den beiden komme ich ohne Schneeketten auf einer ungestreuten Bergstraße ins Schleudern. Dabei dreht sich mein Auto um die eigene Achse. Ich versuche es krampfhaft zu verbergen, erschrecke aber mehr als die zwei Kinder. Ich habe eine Riesen-Angst vor der vorhersehbaren dramatischen Reaktion meiner Frau und bitte die beiden, ihrer Mutter nichts und zwar gar nichts davon zu erzählen.

Jahre später bevölkere ich mit unseren Enkelkindern niederösterreichische Schipisten und bringe ihnen vor dem Unterricht bei Schilehrern bei, was ich fast schon verlernt habe. Aber es macht mir viel Vergnügen, trotzdem eine Art von Lehrmeister zu sein. Als sie bei Schi-Rennen Preise gewinnen, bin ich zusammen mit ihrer Großmutter riesig stolz auf sie.

Jetzt mit meinen 76 Jahren lebe ich nur mehr in der Erinnerung an damals. Bei alpinen Schi-Rennen im Fernsehen fiebere ich mit und bin - ganz klar - ein Fan der Österreicherinnen und Österreicher. Selber fahre ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, dass es mir nach einem Sturz wohl sehr schwer fiele, wieder aufzustehen.



kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
„Die Bretter, die die Welt bedeuten"
Gerti:
„Fahren GUT - Aufstehen GENÜGEND"
Brigitte:
„ Zwa Brettln a gführiger Schnee..."
Fritz:
„Skivergnügen von damals"

 

Kommentare (autorisiert):

Lotte:
„Sehr nett!! Habe deine Geschichte auch Norbert vorgelesen. Es hat ihm riesig Spaß gemacht. Und gemeint, so ähnlich erginge es ihm auch vor allem mit dem Aufstehen."
WW:
„Als Nicht-Schi/Ski-Fahrer habe ich zu Deinem letzten Splitter keinen Kommentar. Außer den zweimal erhobenen lektorischen Zeigefinger:
"Olympiade" ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen ... Die Spiele selbst sind und bleiben "Olympische Spiele" ..
Und: Entweder "Ski" oder "Schi" - herumhüpfen zwischen beiden Schreibarten geht gar nicht! MlG von einem, der nicht einmal einen Stemmbogen fahren kann!
"
Antal:
„Vor zwei Jahren bin ich zuletzt gefahren. Es ging ganz gut, man hat sich ja ein bisschen Technik bewahrt - dann aber kam doch der Sturz und damit die Situation, die Du befürchtet hast : Aufstehen ist leichter gesagt als getan. Nach etwa fünf endlosen Minuten, die mir angesichts der Zuschauer unendlich peinlich waren, übernimmt die Vertikale wieder das Kommando. Den Rest des Tages fuhr ich seeehr vorsichtig..."
Irmi:
„Auch ich frage mich öfter, ob ich heute noch aufkäme, wenns mich aufstreuert beim Schifahren… Ich war mit meinen Eltern im März 1951, da war ich 7 Jahre alt, in Marlstein im Kühtai zwei Wochen auf Schiurlaub. Ich legte dort meinen ersten perfekten Stemmbogen hin. Schifahren hatte ich allerdings schon mit 3 Jahren auf „Slippern“, die mir mein Vater gebastelt hatte, gelernt… "
Trude:
„Ja, leider ist das Schifahren ab einem gewissen Alter nicht mehr so ein richtig guter Sport, denn, ja, das Aufstehen nach einem „Flug“ ist ohne Hilfe fast nicht mehr möglich. Man soll nicht riskieren , dass man bei einem Schiunfall Schlimmeres erleiden kann. Ich bin dann auf Langlaufen umgestiegen und das hat mir sehr viel Spaß gemacht, weil in Gnadenwald eine wunderbare LOIPE ist. Aber die Schneeverhältnisse in den letzten Jahren waren mager, jetzt, nach meiner Knieoperation geht so wie so nix mehr . Alles hat seine Zeit .Auch das Rodeln musste ich aufgeben, mit einer Knieprothese ist es nicht ratsam einen Sturz zu riskieren. Aber, man hat ja gehabt, was Spaß machte und nun ist halt die „ruhige Zeit“ angebrochen."
Gerti:
„Meine ersten Skiversuche hatten große Ähnlichkeit. Allerdings mangels Bergen und Schnee erst mit 17 Jahre probiert. Leider niemals richtig gelernt, trotzdem stolz."
Brigitte:
„Wieder Aha-Erlebnisse in deinem Splitter ! Mein erstes Paar Schi war von einem Bruder meiner Großmutter (einem Zimmermann) "handgeschnitzt"! Schifahren wurde nie zu meinem Hobby. Später, als meine schulpflichtigen Söhne die Hänge hinunterflitzten, entdeckte ich den Schibob. Das machte mir großen Spass und ich konnte (anfangs) mit ihnen gut mithalten.
Jetzt erzähle ich gerne davon, da ich der einzige Schibob am ganzen Nassfeld in Kärnten war und am Lift blöde Witze über mich ergehen lassen musste - wie er denn am Morgen bei der Kälte angesprungen sei usw .......... War aber ein interessantes Sportgerät. Man kann Sport betreiben und (wie die Ruderer) dabei sitzen !!!"

Fritz:
„Solche Erlebnisse hatten ich und meine Geschwister auch. Ski ohne Kanten. Skiwachs war das Toko-Wachs mit verschiedenen Farben, ich glaube schwarz, gelb usw. (Egon: "und silber für Firnschnee") Nur: das hat auch nur bedingt geholfen. Wenn der Schnee patzig war, konnte es vorkommen, dass die Ski etwas höher wurden, weil der Schnee auf der Unterseite picken blieb. Wir konnten/mussten von unserer Wohnung in der Kapuzinergasse mit den Skiern über die Ferrariwiese bis zur Talstation in Mutters gehen, ohne die Superski abzuschnallen. Das, was wir dort fahren wollten, mussten wir erst ausbretteln, wie man früher sagte."