Episoden aus meinem Leben

128 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jede Person, die künftig die Splitter regelmäßig erhalten will. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at senden. Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.



Tanz Pfarrkirchen

Ich bin 47, war 15 Jahre im Kloster und habe eine gescheiterte Ehe von jetzt neunzehn Jahren hinter mir. Auf einer Kur zum Abnehmen im oberösterreichischen Pfarrkirchen lerne ich eine Frau kennen, die mir ab dem ersten Tag außerordentlich gut gefällt. Nach einem Spaziergang mit ihr bemerke ich, dass auch sie positiv von mir beeindruckt ist. Nach allen Erlebnissen in der Vergangenheit erlebe ich diesen Umstand als ein Gefühl, das ich nie mehr missen möchte. Ich frage mich also: Wie mache ich aus diesen Treffen eine fortdauernde Liebesbeziehung?

Da meine Gefühle erwidert werden, wächst meine Motivation und wandelt sich in Zuversicht, als ich die versandbereite Ankündigung ihrer "Entheiratung" lese, und in Entzücken, als sie mir ein Exemplar gibt, auf dem der Satz "Jetzt, wo ich entheiratet bin." ersetzt ist durch "Jetzt, wo ich entheiratet und verliebt bin." Da steht auch ihre neue Adresse und die Aufforderung an mich, sie nicht zu vergessen. Ich empfinde das als ihr unmissverständliches Interesse an mir und bin beglückt über diese Situation.

Zuhause in Wien treffen wir uns, treffen uns ein zweites Mal und überhaupt... Briefe brauchen wir keine.

Allerdings reise ich viel. Unsere Kontakte werden seltener. Wir machen aus der Not eine Tugend. Wir kommunizieren schriftlich. Beispielsweise erhalte ich eine Grußkarte mit einem Flugzeug der Lufthansa auf der Vorderseite, adressiert an "Egon auf Reisen!" mit dem Text: " Ein schnelles Flugzeug wird Dich zurückbringen!!  Ich liebe Dich."

Meine Geschäftsreisen häufen sich. Das ist der Anlass für sie, mir drei Monate später ihr Missfallen darüber "durch die Blume" mit einem Gedicht von Erich Kästner mitzuteilen:

"Arbeit muss es quasi geben,
Denn der Mensch besteht aus Bauch,
Arbeit ist das halbe Leben
und die andere Hälfte auch.
...
Vieles tun heißt vieles leiden.
Lebt. so gut es geht, von Luft.
Arbeit lässt sich schlecht vermeiden -
doch wer schuftet, ist ein Schuft!"
Der Tenor all der fünfundfünfzig Liebesgrüße von ihr in den darauf folgenden sieben Jahren bleibt so herzlich wie zu Beginn. Nur der Wortlaut ändert sich, die phantasievolle Art der Vorderseite und die Adresse. Bei der Messe in Hannover genügt wegen der geringeren Entfernung und der längeren Aufenthaltsdauer ein Brief. Bei Fahrten nach Athen, Mailand, Riyadh oder Jeddah in Saudi Arabien, Dubai, Qatar, Oman, Damaskus oder Aleppo in Syrien oder nach Amman in Jordanien packt sie mir die Liebesgrüße in den Koffer oder schickt mir in Ausnahmefällen - es gibt noch keine E-Mails - ein Fax an das jeweilige Hotel. Ich rufe sie täglich an, sodass sie mir sagt, sie fühle sich mir näher, wenn ich auf Reisen und nicht zuhause bin. 

1996 händigt sie mir persönlich einen Brief aus. Darin schreibt sie von Missverständnissen, nach deren Bewältigung wir einander näher kommen. Solche Themen werden jetzt auch über E-Mails "beschrieben".

2001, fünf Jahre leidenschaftlicher Liebesbriefe später, kommt wieder ein längeres Schreiben. Das wird dann immer gefährlich! Jedenfalls hat es den Vorteil, dass wir den Wortlaut für Details genauer ausführen und - wir bedenken es zwar noch nicht so genau - die wichtigen Ereignisse uns auch später in Erinnerung rufen können.Wieder geht es um die Ablenkung durch die beruflichen Agenden. Sie weiß zwar, dass ich mich meinen beruflichen Verpflichtungen nicht entziehen kann, beharrt aber verständlicherweise auch auf ihrem persönlichen Standpunkt.

Weitere fünf Jahre danach, ebenfalls gefüllt mit liebevollen Nachrichten in unterschiedlicher Form, tritt wieder ein ähnliches Thema in den Vordergrund. Mir wird vorgehalten, dass ich besonders für meine Gattin alles das tue, was von  mir erwartet wird. Hinweis an mich: nicht meine Pflicht erfüllen, was mir oft gar nicht bewusst ist, sondern das Augenmerk auf meine eigenen Bedürfnisse lenken. Da ich nicht weiß, wie ich diesen Problemkreis allein bewältigen kann, beginne ich eine Therapie und halte vier Jahre durch. Das Warten, in einer Gruppe von zirka zwanzig Leidensgenossinnen und Leidensgenossen bei den periodischen Aufstellungen endlich auch Hauptperson zu sein, rechtfertigt diese meine Ausdauer. Im Endeffekt jedoch - so scheint wenigstens mir - bringt es nur Teilerfolge.

Der Fünf-Jahres-Abstand - wir schreiben 2011 - bleibt bestehen. Nach beidseitigen positiven Erinnerungen vor und nach meiner Pensionierung gewinnt die Betrachtung der Beziehung zwischen uns wieder an Aktualität, sodass wir sie in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen. Unsere Achtsamkeit und unser Bemühen tragen Früchte. Wir sind nicht mehr verliebt ineinander. Wir lieben uns.

Wir sind jetzt kaum mehr voneinander getrennt, sodass wir alles mündlich besprechen können. Die Liebesbriefe finden sich bereits in unseren Mienen. Die Probleme behandeln wir mittlerweile wortreich ohne frankierte Grußkarten oder Briefe, Faxe oder E-Mails.

 


kostenfrei
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Titel-Tipps:

Antal:
Arbeit im Job und an der Beziehung"
Fritz:
Der steinige Weg zum Ziel"
Brigitte:
„Liebes(s) Briefe"

 

Kommentare (autorisiert):

Antal:
Hut ab, daß Ihr Euch das viele Jahre lang so angetan habt – aber offensichtlich hat es sich gelohnt. Ich kann gut bestätigen , wie schwer es ist, zwischen diesen beiden Polen einen guten Ausgleich zu finden, ohne sich und den Partner zu zerreiben..."

Brigitte:
Ich habe ja das Privileg und die Freude, eure Liebes-Geschichte schon länger zu kennen. In diesem Splitter kann ich aber nicht erkennen, dass ihr dann doch ein Ehepaar geworden seid. Ist vielleicht auch gar nicht so wichtig, wann das stattgefunden hat. Die vielen kleinen Details in diesem Splitter sind aber wieder beeindruckend und gehen ins Herz!"