Episoden aus meinem Leben

132 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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Scharia ist für uns nur ein exotisches Wort, welches ein wesensverschiedenes Rechtssystem betrifft. Jetzt lerne ich, was es tatsächlich bedeutet.

Ein junger sympathischer Mann stellt sich in unserer Firma vor. Sein Vorname ist Christian und deutet auf eine deutsche, womöglich katholische Mutter hin. Der Nachname hingegen verrät seine väterliche Herkunft. Alles das ist kein Thema beim Einstellungsgespräch als Vertreter für die Länder des Mittleren Ostens. Aufgrund seiner einschlägigen Qualitäten befürworte auch ich, ihn zu engagieren. Er ist dafür vorgesehen, mich als späterer Gebietsvertreter auf meinen Reisen in diese Länder zu begleiten.

Unsere Zusammenarbeit funktioniert ausgezeichnet. Wenn schon nicht unsere Kunden, so kennt er doch die Gegebenheiten in den arabischen Ländern bei weitem besser als ich. Bei unseren Abnehmern führe ich ihn ein. Ich erkläre ihm dazu die Vielfalt unserer Produkte. Er muss auch über die jeweiligen Preise Bescheid wissen. Die errechnen sich ja nicht nur aus den Herstellungskosten, sondern auch aus den vielen Varianten von Versandspesen, Zollabgaben und unterschiedlichen Zahlungskonditionen. Christian ist sehr lernfähig und begleitet mich oft auf meinen Reisen.

Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich außerordentlich gut. Unsere berufliche Beziehung wird zur persönlichen Freundschaft. Wir treffen uns zusammen mit unseren Frauen, sodass ich mit ihm ein intensiveres Naheverhältnis als zu den meisten meiner Arbeitskollegen habe. Als meine Frau und ich zusammen mit meiner hochgeschätzten Schwiegermutter nach Zypern reisen, werden wir dort zu einem typisch arabischen Essen eingeladen, das meiner Frau zu exotisch ist, meiner Schwiegermutter und mir jedoch ausgezeichnet schmeckt.

Klar, dass Christian und seine Gattin bei den sechzig Gästen dabei sind, die wir zu meinem sechzigsten Geburtstag einladen. Bei dieser Gelegenheit bekomme ich viele Geschenke. Eines davon sticht besonders hervor: ein Kaftan für Scheichs. Er ist von Christian und seiner Ehefrau. Ich freue mich besonders und probiere ihn sofort aus.

Moussa_Monika   Moussa_Christian

Scheich_Egon

Im Jahr 2000 übersiedeln die beiden von Zypern nach Dubai. Sechs Jahre später reist Monika zu einem Arzt in Wien. Aus diesem Anlass ruft Christian meine Frau an, Monika wäre krank und sie solle sich um sie kümmern. Das entspricht dem, was er auch Monika mitteilt. Warum er wirklich diese Maßnahme ergreift, stellt sich erst heraus, als er seiner Gattin am Telefon zu verstehen gibt, er ziehe mit einer anderen Partnerin in das neue Haus, das Monika gerade eben eingerichtet hatte, ein. Es hätte für sie keinen Zweck mehr, in die Vereinigten Arabischen Emirate zurückzukehren, weil für sie dort kein Platz mehr wäre. Er lässt sie auch wissen, dass er nicht gedenke, irgendwelche Unterhaltszahlungen zu leisten. Auf die Einlieferung in ein Krankenhaus angewiesen, muss sie zur Kenntnis nehmen, dass sie sich das nicht leisten kann, weil sie nämlich aufgrund der fehlenden Anmeldung in der Firma ihres Gatten in Österreich nicht krankenversichert ist.

Daraufhin klagt sie ihn hier in Österreich auf Scheidung. Obwohl er dazu nicht erscheint, wird er schuldig geschieden. Christian braucht sich darum nicht zu kümmern, befindet er sich doch in einem arabischen, fast ausschließlich islamischen Land. Dort gelten die Gesetze der Scharia und nicht die irgend eines anderen Staates.


Scheich_Egon

Monika ist schockiert und verzweifelt. Trotz einer Unterstützung, die wir im Rahmen unserer Möglichkeiten anbieten, hat sie die Hoffnung, Christian wenigstens so weit umzustimmen, dass er sie in einer anderen seiner Immobilien wohnen lässt. Meine Frau rät ihr davon ab. Besitz wäre nicht alles. Sie solle doch alles hinter sich lassen und in Österreich bleiben. Monika entscheidet sich anders und fährt zurück nach Dubai. Die 20 Jahre, die sie mit Christian gelebt und als seine Frau die Firma mit aufgebaut hatte, sollen nicht umsonst gewesen sein und so enden.

Zurück in Dubai hat sie tatsächlich keine Unterkunft. Christian hat alle Schlösser ausgetauscht, die Kreditkarten gesperrt und ihr den Zugang zu den gemeinsamen Konten verweigert. Auch die Herausgabe ihrer persönlichen Sachen und Kleidung ist nicht durchzusetzen. Jetzt spürt sie dramatisch, wie frauenfeindlich arabische Gesetze sind. Der Ehemann muss nur dreimal vor dem Richter sagen „Du bist geschieden!“, dann ist die Ehe aufgelöst.

Christian bezahlt nichts und ist - gedeckt durch die Scharia, die ihm unzählige Einsprüche einräumt - zu keinerlei Entgegenkommen bereit. Monika wohnt bei einer Bekannten, auf die sie auch finanziell angewiesen ist. Ausreisen kann sie nicht mehr, weil ihr der Pass von Amts wegen entzogen worden war. Wegen mangelnden Geldes kann sie nicht einmal auf eine der Immobilien im Besitz von Christian klagen. Als Frau wäre sie, trotz gegenseitiger Beteuerung von Rechtsanwälten, ohnehin im Hintertreffen. Bald danach stirbt sie, ohne wieder in ihre Heimat zurückgekehrt zu sein.

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
„Guter Mensch, schlechter Mensch ?"
Lotte:
„Unglaubliche Menschenverachtung"
Brigitte:
„Unglaublich - wenn nicht selbst erlebt !"
„Die Wertigkeit der Frau : weltweite Unterschiede"


Kommentare (autorisiert):

Ernst:
„Wir, Hildegard und ich, haben zwei mal Reisen in den Iran unternommen. Schon beim Ankommen am Flughafen wurde auf die Bekleidungsvorschriften für Frauen aufmerksam gemacht. In Moscheen gab es Männer und Frauenbereiche. Der Mann darf die Frau nicht berühren - gilt auch für das Händeschütteln. Und so weiter ... Hildegard berichtet mir auch ab und zu von Fallgeschichten vom Verein FIBEL, (Frauen in bikultureller Ehe und Lebensgemeinschaft). In dieser Frauenberatungsstelle sind Problemstellungen, wie du sie beschrieben hast, an der Tagesordnung. Lösungen sind schwer bis unmöglich."
Juwal:
„Mich hat diese Geschichte sehr berührt ! Ich mochte Christian ganz gerne, jedoch mit einer gewissen Distanz als Israeli ... aber es ist traurig, dass Menschen sich so verhalten."
Antal:
„Eine traurige und erschütternde Geschichte, die man als liberaler Europäer nicht versteht. Die Kombination von 21. und 15. Jahrhundert in islamischen Gesellschaften wird uns / der Welt noch lange zu knabbern geben."
Margret:
„Mir verschlägt es die Sprache. Einfach entsetzlich! Und dieser Christian ist wahrscheinlich Österreicher. Was geht es uns gut!"
Brigitte:
„Frau ist unglaublich betroffen, dass solche Vorfälle Frauen betreffend heutzutage immer noch möglich sind. Nicht nur nach dem Lesen deines Splitters, sondern auch nach dem gestrigen Film "unserer" Gabi Schweiger."
Margret:
„Natürlich ist es unvorstellbar, dass sich ein netter Kollege zu so einem Monster entwickelt. Wahrscheinlich hat keiner von euch gewusst, wie ernst die Situation ist.
Im Bekanntenkreis meiner Mutter war so ein ähnlicher Fall. Genaueres habe ich nie erfahren. Aber die österreichischen Frauen, die quasi verstoßen wurden, haben sich zu helfen gewußt. Sie sind nach Österreich geflüchtet, Aber vorher haben sie allen Schmuck und Brillanten in ihre Kleider genäht. Damit dürften sie wohl eine Zeit lang durchgekommen sein."

Irmi:
„Dieser Splitter ist für mich, als Feministin, besonders interessant. Wir sehen, wenn wir über Gleichberechtigung reden, oft nicht über unseren europäischen Tellerrand raus. Das Patriarchat ist in sehr vielen Ländern dieser Welt noch in voller Blüte… Nicht nur in Arabien. Indien, Bangladesch, Afghanistan, Teilen von Afrika, Indonesien usw. - meist sind es islamische Länder. Aber auch in manchen eher christlich geprägten Ländern scheint mir der Gleichheitsgedanke eher politische Utopie zu sein. Ich meine im privaten Bereich. Im kirchlich-organisatorischen sowieso. Aber, Klagen hilft nicht. Aufklärung wäre gut, aber das verhindert dort überall das Machtkartell der Männer… übrigens scheinen mir auch die USA seit einiger Zeit recht anfällig für männliches Dominanzstreben. Vielleicht wäre es eine wissenschaftliche Arbeit wert, zu untersuchen, weshalb dort so viele Waffen in privatem (männlichem?) Bereich gehortet werden und, wenn ich mich nicht irre, bisher alle „Schulattentate“ von männlichen Individuen durchgeführt wurden."