Episoden aus meinem Leben

133 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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Ich bin kein Stiller, eher – wie meine liebe Frau zu sagen pflegt – temperamentvoll.

Probefahrten für den Führerschein absolviere ich 1967 zusammen mit einem Mitbruder aus unserem klösterlichen Konvent. Prompt lehne ich mich in der Kurve auf die falsche Seite und gefährde so uns beide, wofür ich auch gleich einen Rüffel bekomme. Die praktische Einführung reicht immerhin, dass ich in Turin meinen Führerschein für einspurige Fahrzeuge bestehe und allein die italienischen Straßen verunsichern darf. Das Gottvertrauen meines Pater Magister geht sogar so weit, sich auf den Soziussitz einer von mir gesteuerten Lambretta zu setzen. Ungeübt brause ich ohne rechtzeitig zu bremsen in die Garage und bleibe erst 5 cm (oder sind es nur zwei?) vor der Betonwand stehen. Die Religiosität meines Vorgesetzten reicht für uns beide.

In der Basilika von Superga stehen uns neben dem einzigen Auto im Besitz unserer Gemeinschaft nur Motorroller zur Verfügung, sodass wir nicht für jede Fahrt den vollen Ordens-Habit gegen Zivilkleidung mit dem Kollar der Kleriker tauschen müssen. Auf dem Rücksitz ist die volle "Montur" ohnehin nicht möglich. Wie würde das wohl aussehen? Als ich aber dank der Spende meiner Tante und mit Genehmigung des Pater General ein Motorrad, eine Gilera bekomme, bleibt mir ohnehin nur die Kleidung mit dem Spezial-Hemd für das weiße Kollar.

Motorat   Beiwagen

Kleriker

Noch im selben Jahr erwerbe ich "la patente di guida" (Führerschein) für PKW. Jetzt bin ich zumindest sicher, dass ich mit einem Beiwagen, also auf drei Rädern unterwegs sein darf. In den Semesterferien verreise ich sogar international. Beim Französisch-Kurs in Paris muss ich zwar wegen einer kaputten Kupplung mit der Bahn zurück nach Turin fahren, um eine solche zu holen. Drei Wochen später setze ich meinen Motorrad-Trip über Deutschland und Österreich fort.

Abgesehen von einem in der Nähe von Köln verlorenen Auspuff, der mich zwingt, meine Fahrgeschwindigkeit zu drosseln, gibt es keine weiteren Zwischenfälle. Nicht einmal der ungeheure Lärm fällt irgendeinem Verkehrspolizisten auf. So komme ich unbeschadet bis zur nächsten Werkstatt, die den Schaden repariert.

Alles verläuft also glimpflich, bevor ich - zurück in Österreich - mit meinem PKW Tempolimits missachte und dafür Strafzettel ausgehändigt bekomme. Da ich meist im tatsächlichen oder eingebildeten Stress unterwegs bin, mehren sich solche Situationen, bevor sie - zumindest für mich - zur Normalität werden. Kein Wunder, dass ich einmal in Deutschland, wo solches erlaubt ist, mit unserem Skorpio die 200 km/h-Grenze nicht nur erreiche, sondern für eine kurze Strecke auch überschreite. Kein Zeuge, keine Strafe. In Österreich jedoch kassiere ich weiterhin Strafen für geringere Geschwindigkeitsüberschreitungen.

Ich sehe das alles sehr locker und mache immer Scherze über mein Verhalten. Ich bin eben ein "wilder Hund". Wenn allerdings andere darüber zu reden beginnen, kann es sein, dass ich einsilbig werde. Die Ermahnungen meiner Frau, die den finanziellen Part erledigt, stören mich hingegen nicht. Darum wissen bald auch viele andere Familienmitglieder Bescheid.

Nach einem Unfall, verursacht nicht durch Unachtsamkeit oder Geschwindigkeitswahn, sondern durch einen epileptischen Anfall, lege ich meinen Führerschein zurück.

Die Sturm- und Drangzeit ist also vorbei und ich kann beruhigt auf meine motorisierte Zeit zurückblicken. Das tun auch andere. Heute sind meine Tochter und mein Stiefsohn bei uns. Es ist ein Moment, in dem meine Freude riesengroß ist und zwar auch darüber, dass die beiden ungeniert über meine "Fahrkünste" reden. Meine Tochter beginnt damit, dass ich auf Schneefahrbahn mit unserem gelben Opel einen Dreher inszeniert und sie gebeten habe, ihrer Mutter nichts davon zu erzählen. Der Sohn meiner Frau braucht dabei nicht nachzustehen. Er weiß mindestens ebenso viele Details über mich und meinen Umgang mit fahrbaren Untersätzen. Beide schwelgen in solchen Erinnerungen. Mich freut die Lockerheit, mit der die nächste Generation mit mir und über mich kommuniziert.

Zuerst genieße ich diese Situation. Doch dann wird mir bewusst, dass ich mich nicht mehr wohl fühle. Ich  fordere vehement, dass das Thema endlich gewechselt werden sollte: "Das macht mich depressiv!" Eine betretene Stille ist die Folge.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Walter:
"Da Wüde mit seiner Maschin!" (OT Helmut Qualtinger)
Antal:
"...Oba dafia bin i schnölla duat !"
Hannelore:
"Ein temperamentvoller Stiller"
Brigitte:
"Fahrkünste"
"Meine Führerscheine"
"Führerschein ade !"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„So wie bei meinem letzten ungarischen Unternehmen hat auch hier eine Mitarbeiterin es in Eigeninitiative übernommen, über den Stand meiner Strafen für Geschwindigkeitsübertretungen Buch zu führen und das gesamte Personal regelmässig über den kriminiellen Chef zu informieren.
Nun ja, stolz darauf muß man nicht sein, aber 43 Jahre unfallfrei trotz vieler Strafen mildert das Ganze etwas ab..."

Walter:
Der Halbwilde
Anton:
„Cooles Foto mit dem Sturzhelm!"
Trude:
„Also in der Motorradkluft und der Pfeife würdest du glatt als Filmstar durchgehen. George Cloony oder so ähnlich.
Geht dir der Führerschein sehr ab? Ich fahre noch so gerne mit meinem Auto. Habe das alte (Suzuki Wagon R) 18 Jahre alt, aber super beinander meiner Enkelin um 1 Euro verkauft. Die hat so eine große Freude damit, weil der Lack sieht wie neu aus.
Ich habe mir einen FIAT Panda gekauft, das ist sicher mein letztes Auto, ich habe eine große Freude damit. Bin manchmal das Familien-Taxi, auch das macht mir Spaß."

Egon:
„Liebe Trude, wegen der Befürchtung, mir könnte ein ähnlicher Unfall mit Bewusstlosigkeit mitten in der Stadt passieren, habe ich keinen anderen Weg gesehen, als den Führerschein zurückzulegen. Da mein topografisches Gedächtnis durch meine Epilepsie am meisten betroffen ist, würde ich mich auch nirgendwo mehr ausreichend zurechtfinden. Schließlich haben wir in Wien ein hervorragend ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz und für Fahrten außerhalb liebe und willige Kinder und Enkel. Also kein Problem."
Ernst:
„Wieder steigt die alte Frage auf: Wo geht es hin (mit oder ohne Navi)?
Worauf kommt´s an (die Ausstattung, das letzte Service)?
Was zählt (die Type, die PS)?
Hilft uns das Motto: "Take it easy. bleib gelassen. Look always on the bright side of your life?
Sind da des Schicksals Mächte, die uns plagen (funktionieren die Bremsen)?
Das treibt uns um, von klein auf bis zur Zeit, da wir betagt den Führerschein abgeben!"

Brigitte:
„Ich habe mit dir gefühlt, denn auch ich war Jahrzehnte lang eine begeisterte Autofahrerin. Ich habe den Taxischein gemacht, um mehr Auto fahren zu können, die Ausbildung zu Fahrlehrerin und Fahrschullehrerin aus Lust am Autofahren und habe auch in jungen Jahren einen Schleuderkurs besucht, was mich besonders beglückt hat. Jetzt sind meine Ausfahrten sehr reduziert : die Augen werden schlechter und ich kann nur mehr bei Tageslicht unterwegs sein und auch nicht mehr über Land. Ich merke, wie mir das Autofahren immer weniger Freude macht und werde es vielleicht bald einstellen. Das hätte ich nie für möglich gehalten ! Mein Motto in letzter Zeit "man muss auch auf den Geburtsschein schauen". Es gibt zum Glück auch noch andere Beschäftigungen, die Freude machen."
Hannelore:
„Auch i c h bin einmal mit Dir nach Oberösterreich mitgefahren!!
Der Zeitpunkt kommt für jede und jeden Autofahrer/in, sich mit der Tatsache anzufreunden, dass wir anders Autofahren gelernt haben. Bei mir war es der Vertrauensgrundsatz. Ich konnte nicht feststellen, ob ich weiß, was der/die andere macht, abbiegen ohne Blinker rechts oder links, Vorrang mißachten, Zebrastreifen ist Jagdgebiet, Fußgänger prinzipiell im Weg, langsam fahren nach Vorschrift wird auch gejagt.
Also habe auch ich mich nach 40 Jahren entschlossen, mich von meinem geliebten Auto zu trennen und keines mehr zu kaufen. Es gibt nette Freunde, die mich mitnehmen, wenn es zum Zielort keine öffentliches Verkehrsmittel gibt (z.B. Waldviertel), oder in Wien mit Bus, Straßenbahn oder U Bahn, wenns auch manchmal stinkt oder überfüllt ist."