Episoden aus meinem Leben

141. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter
Link zum Feedback auf diesen Splitter
Link zum Feedback auf den letzten Splitter

Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.




"Wir wissen, dass wir mit Religion ein gefährliches Gebiet berühren, das mit der Überkonfessionalität des Jugendrotkreuz nicht vereinbar zu sein scheint ..."
"Unverständlich sind uns die Jungen, wird von den Alten beständig gesungen ..."
"Der Nutzen von Auslandsbekanntschaften im Bezug auf unseren künftigen Beruf - Qomodo usus peregrinorum oficio nostro futuro prodesse possit"
"Unsere kurzgeschichte, di Inen zwar nicht di rechtschreibung der zukunft vorfüren kan und wil, di aber als versuchsbalon für di vereinfachung von deutschen rechtschreibregeln ..."
"Schrille, falsche, scheußliche Töne, die unvermittelt abrissen. Der Pianist hatte sich eingebildet, das Konzert nur auf weißen Tasten spielen zu können - er war ein Neger ..."
 
Das sind einige Zitate aus der „Stimme der Jugend“. Wir von der Jugend-Rot-Kreuz-Gruppe "Jugend der Tat" befassen uns dort 1961 mit den unterschiedlichsten Themen, die junge Menschen interessieren oder zumindest ansprechen könnten:
"Wir 13 Burschen sind jung und unerfahren, doch haben wir noch unverbrauchten Idealismus ..."
 
Ich maturiere, trete als Novize in den Orden der Serviten ein und schreibe nach drei Jahren unserer JRK-Zeitung:
"Werte Leser! Ihr habt einmal die 'Stimme der Jugend' bezogen. Sie existiert nicht mehr. Schuld daran ist meine Überzeugung, dass deren Inhalt an der Hauptsache eigentlich vorbeiging: der religiösen Ausrichtung, also dem Denken an die Ewigkeit. Ich erwog, dass das Jugendrotkreuz, das die Patronanz an unserem Unternehmen übernommen hat, nur am Rande davon handeln kann, weil es u.a. auch eine - an sich begrüßenswerte - internationale Einigung auf humanitären Grundsätzen anstrebt. - P.S.: Aufgrund Ihrer Zahlung für die "Stimme der Jugend" bekommen Sie noch ... Hefte "Leben mit dem Tod" zugesandt."


Stimme der Jugend Leben mit dem Tod

In dieser neuen Zeitschrift, die ich mitbegründet habe, sind dann Zitate wie diese zu lesen:
"Der Mensch braucht den Tod, denn er ist nicht nur Strafe, er ist auch eine Barmherzigkeit Gottes."
"Ich glaube, dass es des Menschen Auftrag ist, Unaussprechliches hinauszuschreien und Unmögliches zu vollbringen. Bitte gewähre mir diese Überzeugung als Rechtfertigung, dass ich Dich angesprochen habe." (vom "Bruder" als Autor zum "Bruder"  im Titel)
"Mehr als den Krieg fürchten wir den Frieden, wie die Welt ihn meint. Dieser Friede ist nämlich - schlicht gesagt - nichts anderes als der Versuch Satans, sich Deinen Augen zu verbergen, indem er Dir die Erde als Heimat aufschwätzt, Dir, der Du nur Ruhe findest in der Liebe Deines Richters und Erlösers."
"Der Mann ist Verwahrer der Wahrheit, wie die Frau Verwahrerin des Lebens ist. Damit ist der Mann, dem die Frau sein Leben geschenkt hat, irgendwie zum Mittler geworden zwischen der Frau und der Wahrheit. Damit ist aber auch der Mann zum Mittelpunkt der Gerechtigkeit auf Erden geworden."
Mir blieben und bleiben die Worte ein Rätsel und ihre Entzifferung beanspruchen meine Ganglien immens und oft ohne Erfolg.
Bald wird mir klar, dass weder Stil noch Inhalt dieses Periodikums meinen Vorstellungen entsprechen. Meine Schreibweise ist erdverbunden, die Inhalte sind  wirklichkeitsnah. Ich kann nur froh sein, dass mir, dem Novizen in Vorbereitung auf die Ordens-Gelübde von Armut, Keuschheit und in diesem Fall vor allem Gehorsam, verbietet, mich dabei aktiv zu engagieren. Ich stelle also nur die Klosteradresse für die Registrierung dieses Organs von Exponenten der katholischen Hochschülerschaft zur Verfügung, schreibe dort jedoch nie ein einziges Wort.
Jetzt, 55 Jahre später, lese ich meinen Brief an die Bezieher der "Stimme der Jugend" von damals noch einmal durch. Dabei überkommt mich die Scham für meine Naivität von damals, als ich tatsächlich glaubte, "Leben mit dem Tod" könnte den Leserkreis von "Stimme der Jugend" interessieren. Welche Arroganz!
Aktuell interessiert mich, was aus den damals 22/23-jährigen Studenten geworden ist. Ich nehme das Impressum, wo die (sonst anonymisierten) Namen der Redakteure stehen und durchstöbere das Internet. Ich finde dort fast jeden von ihnen. Alle haben Karriere gemacht als Fachärzte mit speziellen Schwerpunkten, juridische und theologische Universitätsprofessoren, priesterliche Ordensgründer, SOS-Kinderdorf-Proponenten, Pfarrgemeinderats-Mitglieder, Genealogie-Fachmänner  ... Bei solcher Weiterentwicklung sind sie also offensichtlich ihrer jugendlichen Mission als hochtalentierte, verantwortungsbewusste, tief gläubige Katholiken getreu geblieben.
 
Ich hingegen habe meinen Weg von damals komplett verlassen und kann mir jetzt - Jahre nach Johanna Dohnal - nicht vorstellen, warum da auch geschrieben steht: "Die Ehe ist kein Geschäft nach dem fifty/fifty-Prinzip. Das Wesen der Ehe ist nicht die Partnerschaft, sondern das Einssein in der Liebe." Jetzt versuche ich diese Passage erstmals für mich zu übersetzen: "Die Ehe ist ein Zusammenleben zweier Menschen, wobei der Mann bestimmt und die Frau ihm untertan ist.
Liest man die Texte von "Leben mit dem Tod" nicht nur auszugsweise sondern zur Gänze, werden die gedanklichen Vorstellungen der damaligen Personen freilich konkreter vermittelt.


Anstatt mich weiterhin mit "Leben mit dem Tod" abzugeben, rief ich damals im Rahmen des Serviten-Ordens die  klösterliche Publikation "der servit" ins Leben. Dort schrieb ich neben funktionalen Statistiken zum Klosterleben auch viel teils für mich heute Unverständliches wie beispielsweise: "Weil ich angesehen bin, erfolgreich und gerecht, sogar ein Vorbild zu sein scheine, überlasse ich es der Gnade Gottes, die auch die Sünde zulässt, mir meine unbedeutende Stellung im Vorsehungsplan bewusst zu machen, die nur mit dem Mut zum Dienen bewältigt werden kann." - Was wollte ich denn damals damit ausdrücken? Der Servit
kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
"Der Journalist zwischen Glauben und Revolutiönchen"
Brigitte:
"Von der 'Stimme der Jugend' bis 'der servit'"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Hut ab vor der Energie, mit der Du immer wieder publiziert hast – bis zu den heutigen Splittern. Daß uns unsere eigenen Gedanken von vor 40-50 Jahren nicht immer nachvollziehbar sind, ist klar : Ich habe kürzlich meine „philosophische Selbstbetrachtungen” aus dem Jahr 1973 gelesen, ein Traktat von 20 Seiten. Ogottogott !"
Brigitte:
„Diesmal war es für mich schwierig, einen aussagekräftigen Titel zu finden. Es hat mich aber sehr beruhigt, nachdem ich die "rechtschreibung der zukunft" hinter mich gebracht hatte und einen Absatz zum wiederholten Mal gelesen und zu verstehen versucht hatte, dass du dann meintest "mir blieben und bleiben die Worte ein Rätsel" und zum Abschluss "was wollte ich denn damals damit ausdrücken ?". Da war ich dann wieder erleichtert !!"
Ernst:
„Diesen etwas schwer zu lesenden, kryptischen Splitter will ich dennoch versuchen zu beantworten. Viele Ideen, Ansätze und Kapitel werden geboren, aufgebaut und wieder verworfen. Mit der Energie (der Jugend) und Willen sind manche Artikel Gesetz. Aus diesen beschriebenen Vorgängen entwickelt sich tagesaktuelle Politik. Dieser Fakt garantiert nicht den großen Wurf, die General-Lösung.
Auf der anderen Seite wird die persönliche Entwicklung der eigenen Person gefördert. Das ist gut so, sonst gäbe es diese interessanten Berichte nicht.
Feedback war seinerzeit ein anderer Begriff und war von anderen Bedeutung als heutzutage. Damals fehlte es bis auf das real geschriebene Wort an sozialen Medien mit all den technischen Möglichkeiten. Aktuell gibt es Möglichkeiten des Archivierens, Speicherns, Kommunizierens mit diversen Feedback-Möglichkeiten."

Margret:
„Späte Einsicht ist auch eine Einsicht. Ich war solchen aufgeblasenen Phrasen gegenüber immer schon skeptisch und vermutete, dass das nur warme Luft ist. Aber du bist der erste, der das selber eingesehen hat und dazu steht. Alle Achtung!"
WW:
„Na prack! Du gehst mit Deiner jugendlichen Naivität (OT Egon: Was wollte ich denn damals damit ausdrücken?) aber schon recht hart ins Gericht - mit jener Deiner damaligen Kommilitonen allerdings schon etwas moderater ...
Dir muß ja Elementares passiert sein, daß Du - relativ spät oder doch eher rechtzeitig? - Deine Kehrtwende gemacht hast ... Das muß eine Zäsur gewesen sein - na prack, wie ich eben oben schon formulierte ...
Jaja, klösterliche Erziehung bringt einen Selbstdenker fast um! Wenn Du wüßtest, wie viele bekehrte Freunde - studierte Theologen darunter - ich von dieser Art habe! Willkommen also im Kreis der Zu-sich-Gekommenen und Abgeklärten."

Irmi:
„Naturgemäß war ich ein wenig irritiert von den verschwurbelten Texten, die da aus Deinem 141. Splitter über mich kamen. Und gut, dass ich bis zum Ende gelesen hab. Jedenfalls fand ich auch folgenden Textteil unverständlich bis unglaublich (da stecken die Worte Verstand und Glauben drin!!!):
"Weil ich angesehen bin, erfolgreich und gerecht, sogar ein Vorbild zu sein scheine, überlasse ich es der Gnade Gottes, die auch die Sünde zulässt, mir meine unbedeutende Stellung im Vorsehungsplan bewusst zu machen, die nur mit dem Mut zum Dienen bewältigt werden kann." - Was wollte ich denn damals damit ausdrücken?<
Ja, was wolltest Du ausdrücken? Wahrscheinlich musstest Du ausdrücken und das hatte weniger mit Wollen zu tun. Nun, da ich (kurz) Psychologie studiert hab, erinnere ich mich an verschiedene Expertisen, was passiert, wenn jemand unter Druck steht. Und so viel ich bisher erfahren hab, herrscht in einem Kloster extremer Druck. Dagegen gibt es verschiedene Bewältigungsstrategien. Eine davon ist, sich in eine Scheinwelt zu begeben – und eitel zu werden. Damit kann Druck gemildert, bzw. Probleme können auf andere oder auf EINEN abgewälzt (übertragen) werden…
Wäre natürlich schön, wenn es Erwin Ringel noch gäbe und ich/wir mit ihm diskutieren könnte/n. Ringel ist ja mitsamt seinem Katholizismus auf die Psychologie ausgewichen – so seh ich das halt."