Episoden aus meinem Leben

147. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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Bin ich selbstbewusst oder bin ich es nicht? Mag ich mich oder mag ich mich nicht? Mag ich die Anderen oder mag ich sie nicht?

Bei meinem Eintritt in die Volksschule bin ich selbstsicher genug, um schwungvoll in das Klassenzimmer einzutreten und damit die Lehrerin zur Bemerkung zu veranlassen: "Du führst Dich auf wie ein Graf!" In der Hauptschule bin ich stolz darauf, dass meine Aufsätze in der ganzen Schule vorgelesen werden. In der Unterstufe des Gymnasiums fühle ich mich stark genug, meine Mitschüler vor Rowdys zu verteidigen. In der Oberstufe geniere ich mich nicht, Klassen- und Schulsprecher zu sein. Ich bin auch derjenige, der sich stark genug fühlt, als Preisträger bei einem Aufsatzwettbewerb einem anderen die Ansprache bei den österreichischen Landeshauptleuten streitig zu machen, weil ich überzeugt bin, dass ich es besser kann. Mit meinem Selbstbewusstsein gelingt es mir, Gruppen-Aktivitäten ins Leben zu rufen und meist auch zu leiten. Ich bin selbstbewusst. Die Anderen mögen mich und ich mag mich daher auch selber.


Klerikat

Nach meinem Eintritt ins Kloster lebe ich in der abgeschirmten Stille des Noviziats und lerne, meine Wünsche und Initiativen hintanzustellen. Nicht ich selber bin befugt, Entscheidungen zu treffen. Das ist die Aufgabe unserer Patres Magister. Ich habe mich zu dieser Lebensform entschlossen und bin zu 100% bereit, mich penibel an alle diese Vorschriften zu halten. Sonst führe ich meine freiwillige Entscheidung ad absurdum. Nach dem einen Noviziats-Jahr wird die Lebensweise etwas lockerer. Umso mehr muss ich selber danach trachten, die vorgegebenen Ziele zu verfolgen und schließlich auch zu erreichen. Ich praktiziere - wie beim Eintritt in den Orden versprochen - die von mir erwartete Demut.

Als ich aus dem Kloster austrete, kann ich diese Haltung nicht von einem Moment auf den anderen ablegen. Ich bin angewiesen auf meine Tante, die mich fürs erste unterstützt. Ich bin abhängig von einem rasch verfügbaren Job, der mich zum Verdienen bringt. Dort lerne ich, eine Kollegin zu lieben. Ich heirate sie. Ich lese ihr gemäß meinem bisherigen Verhalten die Wünsche von den Augen ab und stelle meine Interessen zurück. Meine fehlende Selbstsicherheit lässt ihr Vertrauen in meine Charakterstärke zusehends schwinden. Sie kann sich nicht uneingeschränkt bei mir anlehnen. Es dauert nicht lange und sie mag mich nicht mehr. Ich habe versagt und zweifle an mir und meiner stets rücksichtsvollen Vorgangsweise. Viele Jahre der Abhängigkeit später wird die Ehe geschieden. Ich stehe vor einem Neubeginn.

In den Firmen, für die ich tätig bin, erobere ich meine Selbstsicherheit über die Anerkennung meiner Leistungen zurück. Im privaten Leben hängen mir die Zwänge im Kloster und in der ersten Ehe nach. Weil ich meine zweite Ehe in keinem Fall scheitern lassen will, bin ich wieder bereit, auch Wünsche zu erfüllen, die mir nicht einsichtig sind. Das passt meiner Frau gar nicht. Sie fordert mich oft auf, es mit ihr zu diskutieren. Das ist für mich ganz ungewohnt. Aber gerade diese Aussprachen bewirken, dass ich langsam, sehr langsam wieder "normal" werde.

Eine der Maßnahmen zu diesem Zweck ist ein so genannter Selbstbewusstseins-Kurs. Die Leiterin desselben, pikanterweise meine Frau, lässt uns überlegen, wo unsere besonderen Fähigkeiten liegen. Gleichzeitig weist sie uns jedoch darauf hin, darüber nachzudenken, wie wir mehr wir selbst sein können. Diese Reflexionen sind anstrengend, werden aber durch gemeinsame Übungen aufgelockert. Momente der Genugtuung erleben wir, als wir lesen können, welche positiven Eigenschaften uns von den jeweils Anderen zugetraut werden.

Das, vor allem aber die geleistete Gedankenarbeit, lassen mich wieder dort einklinken, wo ich in der Jugend einmal war. Ich bin wieder selbstbewusst. Ich mag mich wieder.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
"Rücksichtsvoll = schwach?"
Fritz:
"Egon, die Unterbrechungsphase"
Brigitte:
"Anpassungsfähig wie ein Chamäleon"
"Metamorphose"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
"<Rücksichtsvoll = schwach?> - Nein, absolut nicht - im Gegenteil, das kann ein Zeichen von Souveränität sein, wenn gepaart mit einer Prise Selbstbewußtsein. Aber ich kann nachvollziehen, dass einem letzteres in streng reglementierter Umgebung ausgetrieben wird - mir ist es im Internat so ähnlich ergangen."
Fritz:
„Ja, ja, wie heisst es so schön: Allen (Frauen / Menschen) recht getan, ist eine Kunst, die auch der Egon nicht kann."
Doris:
„Es ist so schön zu lesen, wie du dein Leben verändert hast und soviel erreicht hast."
Brigitte:
„Es ist fesselnd, wie du dich verändert hast bzw. immer wieder verändern oder verbiegen wolltest, um es deiner Umwelt recht zu machen. Der Besuch des Selbstbewusstseins-Kurses - pikanterweise bei der eigenen Frau - hat dir sicher geholfen endlich aus dem Inneren heraus fest auf deinen Beinen stehend der Welt zu trotzen.
Ich habe 1979 auch ein Seminar "Selbstbewusstsein kann man lernen" besucht. Meine Freundinnen fanden "wozu? du bist doch selbstbewusst!". Ja, mein Auftreten signalisierte das zwar, aber bei dem Seminar wurde ich mir meiner selbst bewusst. Bis dahin gab es als Wichtigkeiten in meinem Leben nur meinen Ehemann, meine 2 Kinder und meine Eltern - Schluss. Ich kam gar nicht vor. Darauf änderte (s)ich mein Leben ganz enorm, was nach meiner (viel zu langen) Überlegung zu meiner Einreichung der Ehescheidung führte. Ich bin Johanna Dohnal, durch die ich auf dieses Seminar aufmerksam wurde, noch heute unendlich dankbar."

Ernst:
„Der Artikel ist sehr gut und gewagt. Vor allem die eigenen Fehler einzugestehen, bedarf eines guten Stückes Mut, selten in diesen Zeiten, weil man gerne die Schuld bei anderen sucht!
Die Schattenarbeit, die dich lange Zeit begleitete und die du gut beschreibst, ist ein guter Weg.
Ich erkenne viele meiner verdrängten Anteile und gehe bewusster mit ihnen um. Ich beginne, sie auch für mich selbst anzunehmen.
Ich bin gerade dabei zu lernen, wie ich 'den inneren Kritiker' zu meinen Gunsten verwende; und nicht als Verstärker der Kritik anderer."