Episoden aus meinem Leben

148. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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"Selbstbewusst" nennt man die Haltung, die ich an den Tag lege, als ich im Jahr 1998 meinem Chef, meinen Kolleginnen und Kollegen das Konzept für die erleichterte Kalkulation von Preisen präsentiere. Ich bin überzeugt davon, dass ich in unserer Firma der Guru für solche Konzepte bin. Die Adressaten meines Werbeauftritts in eigener Sache sind jedoch skeptisch. Spätesten dann, wenn sie die Komplexität der Formeln erkennen, kommen ihnen die Zweifel. Sie sind zwar beeindruckt von den vielen Parametern, die ich in die einzelnen Zellen des Formulars zur Berechnung von Preisen hineingesteckt habe. Aber spätestens dann, wenn sie selber das Kalkulationsblatt bedienen sollen, stehen ihnen die Haare zu Berg. Vollmundig versuche ich daher, die Überschaubarkeit des Systems vor Augen zu führen, um die Anwesenden von meinem Datenprogramm und der Arbeitserleichterung für sie zu überzeugen.

Wie ist die Idee dazu entstanden? 1995 reise ich als Teil unserer Messe-Besatzung zur Cebit in Hannover. Andere sind zuständig für die zentraleuropäischen Länder, die die Umsatzträger für unsere Papierfabrik sind. Meine Kompetenz erstreckt sich auf Gebiete wie Südeuropa und - was noch herausfordernder ist - den Mittleren Osten. Das sind mehr Länder, mehr Kunden und mehr Varianten bei Transport und anderen Preiskomponenten. Um für die Betreuung meiner Abnehmer halbwegs vorbereitet zu sein, nehme ich neun Aktenordner mit Kunden-Unterlagen mit. Meinem Chef fällt unangenehm auf, dass ich mich auf dem Messestand so ausbreite und meint: "Das muss doch alles auf einem Laptop Platz haben!" Das ist eine Aufgabe, die sich mit Fleiß organisieren lässt. Auch die Komponenten für die Zusammenstellung von Preisen findet dort Platz. Allerdings reichen diese Unterlagen gerade einmal dafür, in einer Viertelstunde den Preis für eine Sorte und maximal zwei/drei Formate zu ermitteln. Also brauche ich zwar nicht mehr so viel Platz, aber dafür immer noch lange. Ehrgeizig, wie ich bin, mache ich mich mit dem Excel-Programm vertraut (und immer vertrauter).


Kalkulation

Gleichzeitig ermittle ich die Verfügbarkeit von Sorten, Grammaturen, Formaten und Farben aus Österreich, Ungarn, Slowakei, Israel, Russland und Südafrika. Bestimmungsländer für unsere Geschäfte gibt es zirka fünfzig, Destinationen für unsere LKW-, Waggon- und Container-Lieferungen etwa 170. Hundert Zahlungskonditionen, Währungen, Provisionen und andere Nebenspesen müssen so koordiniert werden dass sie den Mindesterlös einbringen. Für Preisverhandlungen muss ein Spielraum eingerechnet sein. Wer verdenkt es mir, dass ich stolz bin, nach Eingabe von sieben Variablen von einem bis zu 310 Preisen in wenigen Minuten ausrechnen zu können.

Voraussetzung dafür sind Algorythmen, die sich mit Formeln wie beispielsweise der folgenden, die nur etwa die Hälfte der längsten Formel umfasst, ermitteln lassen:


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Ich bin begeistert, dass mir das gelungen ist. Ich schlage auch vor, die Kundenkopie nicht nur alternativ in Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch auszudrucken, sondern auch in Türkisch und Arabisch, sofern wir dafür einen Übersetzer finden. Bei meiner Präsentation 1998 vermittle ich auch, dass ich mir mittlerweile viele Gedanken über Benutzerfreundlichkeit und allgemeine Verwendbarkeit gemacht und dazu Lösungsmöglichkeiten gefunden habe. Somit wäre es auch für alle anderen Abteilungen verwendbar.

Ich arbeite damit weiterhin selbstbewusst und erfolgreich, unsere Vertreter im Mittleren Osten ebenfalls, aber sonst ...

Mittlerweile ist mir bewusst, dass - wenn auch die Formeln bestehen bleiben können - die Variablen von meinen Kolleginnen und Kollegen mit viel Mühe am Laufenden gehalten werden müssten. Außerdem: der Bedarf ist dort bei weitem nicht so groß.


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Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
"Der Prophet im eignen Land - Mohammed Biechl..."
WW:
"Tüftler!"
Fritz:
"Der unentbehrliche Guru"
Brigitte:
"(Ver-)kalkuliert?"
"Egons Freud - der Kollegen Leid"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Das alte Problem in solchrn Fällen: wer hält die Hintergrund-Datenbank aktuell. Diese Frage kann auch die beste Lösung zerstören."
Fritz:
„Auch ich habe in meiner aktiven Zeit immer wieder erlebt, dass betriebliche Änderungen bei den Kolleginnen und Kollegen, die fast immer ihre tägliche Arbeit leichter machten, nur schwer vermittelt werden konnten. Das dauerte meistens lange und es gab es auch immer wieder Widerstände gegen diese Neuerungen."
Brigitte:
„Bei diesem Splitter ist mir spontan der österreichische ( ? ) Ausspruch eingefallen: "Des hamma nie so gmacht, des hamma immer so gmacht, da könnt ja jeder (mit neuen Ideen) kommen!"
Und das Sprichwort: "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land". Damit wäre alles gesagt, was deine Bemühungen um Verbesserungen betrifft."

Ernst:
„Es ist Tatsache, dass wir heute mit ähnlichen Systemen arbeiten müssen (ob wir wollen oder nicht). Die erste Systemlinie nennt sich ELAK (=elektronischer Akt). Früher gab es den Zusatz "im Bund", jetzt nicht mehr, da auch schon viele Bundesländer und andere Institutionen am System angehängt sind.
Bei der zweiten Systemlinie geht es um Verrechnung und Buchhaltung. Dieses nicht minder komplizierte und aufwendige elektronische Dokumentenverarbeitungssystem nennt sich SAP.
Wie es aussieht bzw. wenn ich es richtig verstehe, warst du wie so viele verkannte Persönlichkeiten deiner Zeit voraus."