Episoden aus meinem Leben

149. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@drei.at
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Im Jahr 2002 habe ich 13 Jahre im Kloster der Serviten hinter mir, ohne als General dem Ordens vorzustehen. Ich bin 26 Jahre bei der Firma Neusiedler AG beschäftigt, ohne dort als Vorstandsdirektor zu fungieren. In diesem Jahr feiere ich meinen sechzigsten Geburtstag, ohne die Weisheit mit dem Löffel gegessen zu haben. 
Umso mehr überrascht mich, dass sich meine liebe Frau um die perfekte Organisation dieses meines Festtags kümmert. Für sich zum runden Geburtstag wollte sie nämlich kein großes Aufhebens machen. Ich aber hatte meinen Wunsch, ein spezielles Fest zu meinem runden Geburtstag zu inszenieren, nicht verhohlen.

Jubiläum

Das hatte sie dazu bewogen, sich darum zu kümmern. Von langer Hand -  sie beginnt zwei Jahre vorher - bereitet sie mir einen einzigartigen Ehrentag mit - wie passend! - genau sechzig Personen aus allen meinen Lebensbereichen vor. Dazu gehören dreißig meiner lieben Verwandten und ebenso viele Personen aus meinem Freundeskreis und meiner Kollegenschaft. Da nicht alle in Wien wohnen, sondern auch aus Deutschland, Holland, Türkei, Dubai und - nicht zu vergessen - Tirol kommen, ist das nicht so einfach. Aber sie kann das.

Schließlich muss sie mich doch in ihre Aktivitäten einweihen, damit sich nicht nur die Geburtstags-Gäste darauf vorbereiten können, sondern auch ich. Zu dem akribisch organisierten Abendessen hat sie nämlich mit einigen meiner Mitarbeiter vereinbart, dass wir am Tag vorher einen gemeinsamen Ausflug in 'meine' Papierfabrik unternehmen.

Ein Bus bringt uns von Wien über Melk nach Ulmerfeld-Hausmening. Wie bei den Anfahrten zu unseren Ständen auf der Hannover Messe nütze ich die Gelegenheit, am Mikrofon den Zungenbrecher vom Vormitternachts- und  Nachmitternachts-Nachtwächter und  jenen von der Hottentotten-Stotter-Trottel-Mutter-Attentäter-Lattengitter-Wetterkotter-Beutelratten-Fangprämie vorzutragen und Applaus zu bekommen.

In der Papierfabrik angekommen teilen wir die Schar der Gratulanten.  Einen Teil führt mein indischer Kollege, den anderen Teil führe ich voll Stolz an Produktions- und Ausrüstungsmaschinen vorbei. Für mich ungewohnt ist nicht nur, dass ich die Führung in deutscher Sprache halte, sondern auch, dass Kinder dabei sind, die nur mit Hilfe von Kollegen im Zaum gehalten werden können. Die Rückfahrt durch die sehenswerte Wachau rundet das Außergewöhnliche an unserem Tages-Ausflug ab und gibt dem ganzen einen zusätzlichen Erlebnis-Charakter.

Auf der Rückfahrt überraschen uns unsere beiden zehnjährigen Enkelkinder, die jetzt das Mikrofon in die Hand nehmen und uns köstlich unterhalten, bis sie erschöpft auf ihren Sitzen einschlafen.

Ich überlege mir, welch anderen Beitrag ich als Jubilar noch leisten könnte. Da die Festgäste vermutlich nur wohlwollende Worte über mich 'verlieren' werden, denke ich mir für die Geburtstagsgäste mögliche spöttisch formulierte Aussagen aus. Diese lese ich beim Auspacken der jeweiligen Geschenke vor, um zur lustvollen Unterhaltung beizutragen. Einige Beispiele:

Für einen Jugendfreund aus einem weit zurück liegenden Jugendrotkreuz-Lager: "Bei den Mädeln hast Du Dich wichtig gemacht mit Deinem Ins-Kloster-Gehen."

Schwiegermutter: "Lieber Eidam, es schmeichelt mir zwar, dass ich manchmal als Deine Gattin durchgehe. Aber was für ein Licht wirft das auf Dich?"

Deutsche Arbeits-Kollegin: "Bei den Messen hast Du Dich aufgeführt wie ein Pascha. Ein eigenes 'Egon'-Büro musste her und Du hast Dich benommen, als ob Du der wichtigste Mann bei der Neusiedler wärst!"

Weggefährtin auf einer Nordland-Kreuzfahrt: "Uns hat der Schiffs-Fotograf für ein Paar gehalten. Da ist Ina - fast - eifersüchtig geworden."

Ein Stiefsohn: "Egon, Du bist ein Segen für Automechaniker und vor allem Karosseriespengler. Durch Dich weiß ich jetzt, worin der Unterschied zwischen dem Ersetzen einer hinteren und einer vorderen Stoßstange beim Ford Mondeo besteht. Du hast mich beides ausprobieren lassen und das im Abstand von nicht einmal einem Monat."

Seine Frau: "Du bist immer eine gute Ausrede für Stefan: 'Ich muss dem Egon die Winterreifen/Sommerreifen wechseln, ich muss dem Egon die hintere/vordere Stoßstange montieren.' - Kannst Du nicht ein bisschen vorsichtiger sein?"

Die Kerzen von sechs Torten auszublasen ist trotz meines guten Vorsatzes nicht möglich. Mehrere Ansätze lassen es gelingen. Meine Nichte Angelina hilft mir beim Auspacken der vielen Geschenke. So schaffe ich auch das.

Wir schreiben das Jahr 2002, ich bin 60 und sprühe vor Lebensfreude. Genüsslich rauche ich die neue Meerschaumpfeife, trage die soeben erhaltene arabische Abaya und freue mich an den vielen frohen Gesichtern und an der harmonischen Stimmung, die mir vermittelt, dass ich einfach dazugehöre.

Araber
kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
"Vielleicht habe ich ja doch etwas zustandegebracht in meinem Leben?"
Beate:
"Einfach Sechzig"
Brigitte:
"Dazugehören"
"60 Gratulanten zum 60. Geburtstag"
"Rückblick auf 60 Jahre"



Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Der Vorstandsposten ist ganz sicher nicht das, was einen Menschen ausmacht. Dass er die Menschen mag, und sie ihn – das ist die Hauptsache. Der große Vorteil an solchen Feierlichkeiten 60+ ist die Tatsache, daß man schon viel besser über sich und das Leben lachen kann, so wie Du das laufend beweist !"
Ernst:
„Die perfekte und gelungene Inszenierung des großen Festes ließ nichts aus und die Feier war rundum gelungen wie du beschreibst. Nach der Arbeit des Kerzenausblasens an Geburtstagstorten hast du dir ein Pfeifchen im angenehmen Outfit verdient. Dieser Splitter ist ein weiterer Teil des Mosaik des Lebens und die Teile als Ganzes ergeben ein vielfältiges und sicherlich sehr "lebendiges" Bild."
Brigitte:
„Es ist immer wieder spannend und unterhaltend, wie du die einzelnen Stationen deines Lebens schilderst und man sie miterleben kann !"