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Episoden aus meinem Leben

16. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel


Es ist möglich, mit diesem Link die früheren Splitter nachzulesen.


 

Gehirnerschuetterung

Es ist Sommer 1945, Ötztal ist die Besatzungszone der Amerikaner und ich bin dreieinhalb Jahre alt.

Ich spiele im Sand oder besser gesagt in der trockenen Erde vor dem Haus, in dem wir in Huben im Ötztal aus Innsbruck evakuiert sind.

Ich weiß schon, wie man das Spiel reizvoller und abwechslungsreicher gestalten kann. Man muss nur die Erde nass machen. Ich fasse also mein blaues Küberl und laufe erwartungsvoll zum Dorfbrunnen auf der anderen Seite der nicht asphaltierten Dorfstraße, die auch als Durchzugs-Straße dient. Hier ist normalerweise nichts los und das Verbot meiner Mutter, über die Straße zu gehen, wird nicht durch einen regen Verkehr unterstützt. Wenn hier etwas vorbeikommt, sind es Heuwagen, gezogen von ein-zwei Kühen und - alle heiligen Zeiten einmal - ein Traktor.

Also fülle ich mein Küberl am ständig rinnenden Dorfbrunnen aus dem hölzernen Auffangbecken und schicke mich an, wieder zurück zu laufen. Aus dem Augenwinkel sehe ich zwar, dass sich da etwas annähert, aber ich bin überzeugt, dass ich die Straße längst überquert habe, bevor dieses Gefährt hier ist, denn ich laufe ja. Doch ich täusche mich und mache Bekanntschaft mit einem amerikanischen Jeep. Ich werde zwar nicht überfahren aber niedergestoßen. Der junge amerikanische Soldat ist äußerst betroffen und nimmt mich auf seine Arme, um mich zu dem Haus zu bringen, das für ihn offensichtlich mein Elternhaus ist. Ich bin bewusstlos, wache dann aber auf und beginne, wie wild zu schreien. Daraufhin taucht meine Mutter auf und läuft uns entgegen. Sie sieht, dass ich aus einer Kopfwunde blute und ist ganz verzweifelt. Sie reißt mich an sich und beginnt ihrerseits zu weinen und zu schreien. Der Jeepfahrer bietet meiner Mutter an, uns beide zum amerikanischen Militärspital im zirka 20 km entfernten Ötz zu bringen. Weil meine Mutter einsieht, dass dieses Angebot die erfolgversprechendste Maßnahme ist, willigt sie nach kurzem Zögern entschlossen ein, nimmt die Kartoffeln vom Herd, die Schürze vom Leib und begleitet mich im Jeep zum Stützpunkt der amerikanischen Besatzungsmacht, in deren Militärspital. Da jetzt keine Kampfhandlungen mehr stattfinden, ist der Militärarzt sofort zur Stelle, um sich meiner anzunehmen. Er untersucht mich gründlich und läßt meine Mutter durch den zugezogenen Dolmetsch sagen, dass ich zwar eine Gehirnerschütterung hätte, diese aber keineswegs lebensbedrohlich wäre. Er versorgt die Platzwunde auf meinem Kopf fachkundig und läßt meiner Mutter durch den Dolmetscher die Verhaltensmaßregeln für meine baldige Genesung übermitteln: Ruhe, Ruhe, Ruhe, Schlafen, Schlafen Schlafen. Er bietet ihr auch einen Termin für eine Kontrolluntersuchung an, bevor er uns entläßt. Daraufhin bringt uns der etwas erleichterte amerikanische Soldat mit seinem Jeep wieder zu uns nach Hause.

Bei der Nachuntersuchung beruhigt der Arzt meine Mutter vollends und sagt ihr, die kleine Delle auf meinem Kopf (sie bleibt mir erhalten) hätte in meinem Kindesalter überhaupt keine Bedeutung, geschweige Folgewirkungen.

Zwei Jahre später, wir überspringen eine glückliche, wenn auch nicht ganz unbeschwerte Kinderzeit, fährt meine Mutter mit mir nach Innsbruck, um einerseits Besorgungen zu machen, andererseits - und das ist der eigentliche Zweck dieser Reise - um meinen Vater zu besuchen, der gerade dort ist, seine beiden Brüder samt Anhang und ihre drei Geschwister, meinen Onkel mit Familie und meine beiden Tanten.

Bei der Rückfahrt im Postbus drängt ein entgegenkommender PKW den Bus an den Rand der schmalen Straße. Ein asphaltiertes Stück am Rande der Straße bricht weg und der Postbus kippt zur Seite und überschlägt sich. Als ich wieder zu mir komme, bin ich in den Armen meiner Mutter und sehe, wie einige Fahrgäste unter dem Postbus hervorgeholt werden. Jetzt erinnere ich mich, dass ich ganz vorne, rechts neben dem Fahrer auf einigen Autoreifen gestanden habe. Meine Mutter lenkt die Aufmerksamkeit auf uns, auf mich, der ich so jung bin und heftig blute.

Rettungsfahrzeug ist zwar keines zur Stelle, aber ein Privat-PKW-Lenker erklärt sich bereit, mich samt meiner Mutter zurück nach Innsbruck, diesmal ins Spital zu bringen. Als dieser freiwillige Helfer mit seinem Auto umkehrt und deswegen wieder an den Rand der Straße fährt, über den wir gerade hinuntergefallen sind, beginne ich, mich in panischer Angst zu wehren und zu schreien. Der Lenker des Fahrzeugs und sogar meine Mutter, die sonst nicht sehr nervenstark ist, beruhigen mich, es würde nichts passieren.

Im Spital in Innsbruck angekommen stellt man an mir eine Schnittwunde knapp unterhalb des Brustbereichs und - wie könnte es anders sein - eine Gehirnerschütterung fest. Man behält mich für ein paar Tage zur Wundbehandlung und Beobachtung da und tröstet meine Mutter, dass keinerlei Folgeschäden zu erwarten seien.

Als ich sechs Jahre alt bin, übersiedeln wir ins Außerfern, in den Wintersportort Lermoos. Direkt vor unserem Haus ist der erste und einzige Schilift hier. Er ist bestückt mit zwei Holzschlitten, die ausschauen wie jene, mit denen die Bauern ihr Holz oder auch ihr Heu zu Tal bringen. Aber, es gibt keine kräftige Person, die davor als Bremse fungiert, sondern nur dicke Drahtseile, die das Gewicht des Schlittens samt Passagieren zum Hochziehen aushalten können, Sie haben keine Hörner zum Anhalten, 12 Sitzplätze und vorne und hinten aufgebogene Kufen. Zu dem Zeitpunkt, wenn der eine Schlitten in der Talstation ist, befindet sich der andere in der Bergstation.

Obwohl meine Eltern und besonders meine Mutter nach dem Weggang meines Vaters alles andere als reich sind, gibt es Kinderkarten für Einheimische, die im erschwinglichen Bereich liegen. Außerdem drücken die Betreiber des Schilifts manchmal ihre Augen zu und gestatten, dass sich das eine oder andere Kind - so auch ich - kostenlos beim Aufwärtstrip dazusetzt

Ich bin ein Anfänger und versuche mit meinen Brettern, die keine Stahlkanten haben, im Stemmbogen, den mir irgendjemand beigebracht hat, hinunter zu fahren. Es gibt auch Erwachsene, die nicht viel mehr können als ich, meist Ausländer aus England oder Holland.

Einer von diesen Ausländern, ein Holländer, kommt unbeholfen ebenfalls im Stemmbogen daher und fällt mit seinem - zugegebenermaßen - relativ schweren Gewicht auf den bereits im Schnee liegenden Egon. Ich bin es schon gewohnt: keine äußerlichen Wunden, nur eine Gehirnerschütterung. Ich bekomme langsam Routine mit "erschüttert" sein.

Zwei Wochen später fährt ein schneidiger Einheimischer in Schussfahrt talwärts und rammt mich, weil ich aus purem Ungeschick seine Bahn kreuze. Er fährt einige Meter weiter, ich falle hin und bleibe eine Zeitlang bewusstlos liegen. Als ich wieder aufstehe und die Umstehenden, die sich mittlerweile angesammelt haben, bemerken, dass ich keine Brüche noch andere Verletzungen habe, zerstreuen sie sich wieder. Nichts ist passiert außer einem gebrochenen Schi und eine - na was sonst - Gehirnerschütterung.

Was ich beim Schifahren nicht schaffe, nämlich der Schneidigste und Schnellste zu sein, soll mir beim Rodeln gelingen, wo ich gute Chancen habe. Abwechselnd fahren wir, drei Schulkollegen und ich vom höchsten Punkt der Rodelbahn ins Tal. Da wir keine Stoppuhr haben und nebeneinander zu fahren nicht möglich ist, denke ich mir eine andere Methode aus, um zu beweisen, dass ich der Beste bin. ich gehe weiter hinauf als meine Kollegen bis zu einer beträchtlich höher gelegenen Stelle, die zudem noch durch Felsbrocken vom eigentlichen Startpunkt der Rodelbahn getrennt ist. Ich lege mich bäuchlings, Kopf voran auf meinen Schlitten und stürze mich wagemutig hinunter, kippe, falle von der Rodel und bleibe eine Zeitlang liegen.Meine gleichaltrigen Kollegen sind bestürzt, weil ich nicht aufstehe, mich nicht rühre. Als ich mich dann doch wieder erhebe, stützen sie mich links und rechts und führen mich behutsam zu mir nach Hause.

Erst jetzt dämmert mir, dass sich die Erbauer der Rodelbahn etwas dabei gedacht haben, den Start eine Spur weiter unten anzusetzen. Diagnose beim Arzt am nächsten Tag: Gehirnerschütterung.


Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Helmut:
"Ob Auto, Rodel, falscher Schwung –
der Arzt schrieb nur: Erschütterung.
Doch hoch im Himmel klagt ein Engel:
Du brauchst mich oft, Du kleiner Bengel!"

G.:
"Das kann doch einen 'Schneemann' nicht erschüttern" :)
Brigitte:
"In meinem Leben war ich oft erschüttert!"
"Man kann auf viele Arten erschüttert sein"
"Erschütterungen"
"Erschüttert"

Gerti:
"Der mehrmals auf den Kopf gefallene Tiroler"
Giovanna:
"Marmor, Stein und Eisen bricht, aber Egons Schädel nicht!"
"Grenzgänger"
Hannelore:
"Tiroler Dickschädl"
"Die ewige Neugier"
"Grenzgänger"
Christof:
"(Nicht) auf den Kopf gefallen"
"Das Leben ist ein Fallen und Aufstehen"
"Harter Stein - härtere Nuss"
"Ein Gehirn ist erschüttert - Egon bleibt ungerührt"
Günther
"Das kann doch einen Egon nicht erschüttern"
Bea:
"Gehirnerschütterung(en)"

Kommentare (autorisiert)

Hannelore:
"Mutig bis an die Grenzen gehen, zeichnet Dein Leben offensichtlich aus. Es macht Mut, auch selbst weiter zu schreiben."
Gerti:
"Egons armer Kopf. So viele Unfälle und Gehirnerschütterungen reichen ja für mehrere Kinder. Dass du alles so gut überstanden hast, zeigt, dass du einen wirklichen Tiroler Schädl hast. Jetzt wissen wir alle, wie das Training zum ausgeprägten Tiroler (Stur-)Schädl verläuft."
Brigitte:
"Ich bin erschüttert: Beim bloßen Lesen Deiner kindlichen Aktivitäten und deren Folgen habe ich begonnen Kopfschmerzen zu spüren. Du hast ja zum Glück ziemlich viel ausgehalten !"
G:
"Das ist ja unfassbar.... komisch!"
Helmut:
"Ich glaube nicht ans Glück, sondern felsenfest an Schutzengel."
Christof:
"Dass das dein Kopf unbeschadet überstanden hat, wundert mich. Du scheinst wirklich ganz schön was auszuhalten."

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