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Episoden aus meinem Leben

18. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel


Es ist möglich, mit diesem Link die früheren Splitter nachzulesen.



Elektriker Pfuscher

Mein Vater verliert bei einem Unfall am Verschub-Bahnhof einen Fuß. Anschließend wird er pensioniert und erhält eine Invalidenrente. Er lernt danach in Karlstein den Beruf des Uhrmachers, den er im Sitzen ausüben kann, was er auch tut.

Er wird mit seiner Prothese wieder relativ beweglich. In der Zeit, in der fast alle wehrfähigen Männer im Krieg dienen müssen, kann er die handwerklichen Kenntnisse, die er sich im Beruf erworben hat, nützen. Er tischlert und zimmert. Er bearbeitet Blech und Eisen. Er behebt Kurzschlüsse und verlegt Strom-Leitungen für Beleuchtung in Haus und Stall. In dieser Zeit, in diesem kleinen Ort im Ötztal wird er als Tausendsassa angesehen und verdient sich viele Kannen Milch, Butter und ab und zu sogar Teile vom Geschlachteten. Für die Reparatur von Uhren wird er sogar bezahlt.

Meine Mutter, die in einer feuchten Kellerwohnung aufgewachsen ist, ist dadurch blind geworden. Sie lebt in einem Blindenheim und bekommt erst nach neunzehn - ich werde es nie vergessen, weil ihr offensichtlich die zwanzigste erlassen wird - Abschabungen der Hornhaut einen kleinen Teil ihres Sehvermögens zurück. Sie verdient sich ihr Geld zunächst als Stubenmädchen und dann als Haushälterin. Von meinem Vater, ihrem letzten Dienstgeber bekommt sie mich gratis dazu. Ich bin der einzige in der Familie, der kein körperliches Handikap hat.

Als solcher werde ich schon sehr bald mit kleinen Hilfsdiensten betraut. Ich darf die vom Vater verdienten Kannen Milch von der Bäuerin abholen. Ab und zu ist auch ein in einer aufwendig geschnitzten Passform schön modelliertes Stück Butter dabei. Ich bin ein dreieinhalbjähriger "Zuagroaster" und damit Ausländer, weil unsere Familie im Krieg aus dem 70 km entfernten Innsbruck evakuiert wurde. Als solcher erlebe ich Anfeindungen von 7-8-jährigen Buben, die mir zurufen, ich möchte hingehen, von wo ich hergekommen bin. Sie zeigen mir die Zunge und werfen sogar kleine Steine auf mich. Sie treffen nicht, aber ich fürchte mich vor diesen Botengängen, bis mein Vater bei der Bäuerin ein Machtwort spricht, diese Bedrohungen für seinen Sohn zu unterbinden.

Ein Jahr später geht mein Vater - trotz seines künstlichen Beines - in den Wald, um Bäume umzuschneiden, zu "holzen". Weil ihm jeder Schritt schwer fällt, nimmt er mich mit, damit ich für ihn die Äste zusammentrage. Das Gelände ist abschüssig und ich falle ein paar Meter tief in eine Grube. Der Vater ist ganz perplex. Mir ist zwar nichts passiert, aber er befürchtet, dass ich Mutter von diesem "Abenteuer" berichten könnte. Mein Papa zieht mich zu sich und sagt zu mir: "Erzähl aber der Mama nichts." So von meinem Vater ins Vertrauen gezogen, verschweige ich der Mama gegenüber dieses Ereignis, worauf ich ganz stolz bin.

Ich bin begeistert, dass mir mein Papa "Werkzeuge" zusammenbastelt, mit denen ich zumindest symbolisch verschiedene handwerkliche Tätigkeiten ausüben kann. Als ich von ihm gefragt werde, was ich mir zu meinem fünften Geburtstag wünsche, fällt mir ein, dass ich gerne einen Kasten hätte, wo ich diese Werkzeuge aufheben könnte und sage „einen Baukasten“. Tatsächlich bekomme ich an meinem Ehrentag einen Baukasten. Ich bin jedoch gar nicht erfreut sondern sehr traurig, weil dieser Baukasten voll mit Bausteinen ist. Meine Mutter fragt mich, warum ich mich nicht freue. Jetzt bricht es aus mir heraus: "Unter einem Baukasten habe ich mir einen Kasten vorgestellt, in dem ich meine Werkzeuge verstauen kann."

Als ich mit 7-8 Jahren meinem Vater bei Elektroarbeiten zuschaue, passe ich interessiert genau auf und bewundere ihn sehr.

Sobald wir nach Lermoos übersiedeln, ist meine Mutter da, um im Auftrag meiner Tante die Umbauarbeiten vom Bauernhof zur Frühstückspension zu überwachen. Das gibt mir erneut die Gelegenheit, den Handwerkern zuzusehen. Besonders interessieren mich die Elektriker und wie sie hantieren. Der Hang zum Handwerker bleibt mit erhalten, obwohl uns der Vater verläßt. Auch die Tatsache, dass ich nicht eine Lehre mache, sondern in eine höhere Schule gehe, tut dem keinen Abbruch.

Als im Kloster Probleme wegen der veralteten elektrischen Leitungen auftauchen, melde ich mich mit meinen zwanzig Jahren, ich hätte genügend Erfahrung, um die Reparaturen durchzuführen. Die Aufgabe wird mir übertragen und ich erwerbe mir damit das Hochgefühl, von meinen Mitbrüdern wegen meiner nicht alltäglichen Fähigkeiten geachtet zu werden.

Selbstverständlich übernehme ich alle Reparaturarbeiten, die nach meiner Hochzeit im 28. Lebensjahr im gemeinsamen Haushalt anfallen. Mit besonderem Vergnügen widme ich mich den elektrischen Problemen. Da kenne ich mich ja schon aus. Dass ich bei einem Lichtschalter wegen zu kurzem Kabel ein wenig pfusche, fällt niemandem auf. Aber von unserem Nachmieter wird es beanstandet und kürzt unsere Abfertigung beträchtlich.

In der neuen Wohnung ist die Stromleitung auf Putz verlegt. Ich fühle mich bemüßigt, das zu verändern. Ich stemme eine acht Meter lange Rinne in das Mauerwerk und verlege die elektrischen Leitungen in einem Plastikrohr. Dann verputze ich das Ganze. Ich mache alles ohne Hilfe von Professionisten. Nur den Anschluss an den Zähler muss ich einem solchen überlassen, damit der zuständige Inspektor die Bewilligung erteilt.

Heute bin ich 74 und kein bisschen weise, zumindest nicht am Gebiet von Elektro-Arbeiten. Im Badezimmer ist das Licht ausgefallen. Ich bin gewohnt, kompliziert zu denken. Das ist bei Arbeiten an Computer-Programmen und Homepages erforderlich, nicht aber hier. Also entferne ich nicht die einzige Schraube, die die Lampen-Abdeckung hält. Das würde ja genügen, um die kaputte Halogenstablampe, die ich ohnehin zuhause habe, auszutauschen.

Ich vermute gleich, dass das Problem in der Zuleitung liegt. Daher schraube ich die Kabelenden aus den Klemmen, damit ich mich dann, ohne die Befürchtung, elektrisiert zu werden, den Leitungen direkt am Lampenhalter widmen kann. Die Sicherung habe ich nicht ausgeschaltet. Ich muss ja etwas sehen. Prompt elektrisiere ich mich, weil sich die kleinen Schrauben in der Klemme nur schwierig bis gar nicht lösen lassen. Dann beginne ich - weil das leichter geht, die Halterung für die Lampe abzuschrauben. Als ich zwei Drittel dieser Zusatzarbeit erledigt habe, kommt mir endlich der Gedanke: "Vielleicht ist es doch nur die Halogenlampe". Also belasse ich die restlichen zwei Schrauben der Halterung dort, wo sie sind. Ich hole mir eine bewegliche Lampe an einer langen Verlängerungsleitung, um besser zu sehen. So wird es mir nicht mehr passieren, dass ich mich elektrisiere. Aber es passiert wieder und so, dass mir die Leuchte zu Boden fällt und die Birne kaputt geht. Ich habe keinen Ersatz und muss mir diese Glühbirne mit dem kleinen Gewinde kaufen. Weil die Lampenhalterung beim Sturz auch ramponiert wurde, verabschiedet sich die Ersatzbirne auch gleich. Glücklicherweise habe ich Ersatz für den Ersatz mitgekauft und kann mein Unterfangen nach Ausschalten der Sicherung fortsetzen. Danach komme ich drauf, dass ich meinen Computer vorher nicht abgeschaltet habe, sodass ich ihn dem Schock der abrupt ausfallenden Stromzufuhr aussetze. Außerdem stelle ich fest, dass die Klemmen kaputt sind und ich neue brauche, die ich zu meiner Genugtuung zuhause habe. Ich schraube alle Kabeln wieder in die neue Klemmen, tausche die ursprünglich ausgefallene Halogenstablampe aus, drehe die letzte Schraube ein und wische mir den Schweiß von der Stirn.




Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
"Hand schlägt Hirn"
Helmut:
"Ich kann zwar nicht gar alles, aber ich habe viel probiert!
- Vor allem zu helfen und das macht Freude."

Brigitte:
"Fachmann bleibt Fachmann"
"G'lernt is g'lernt - vielseitiges Können bringt dich im Leben weiter"

" Christian:
"Man(n) lernt nie aus!"
"Auch durch Umwege kommt man(n) ans Ziel!"
"Perfekte Menschen sind langweilig, zum Glück bin ich es nicht!"

"Elfie:
"Manchmal ist einfach nur die Sicherung kaputt"
Lela:
"Doppelt gemoppelt"
Klaus:
"Handwerkliches Geschick(sal)"
Lotte:
"Begabungen im Wandel der Zeit"
Gabi:
"Egon unter Strom"
Adalbert:
"Kindheitserinnerungen"
Elisabeth:
"Ein Elektriker vom Fach"
Gerti:
"Der Mann, der unter Strom steht"

Kommentare (autorisiert):

G.:
"Potz Blitz! Elektrisierend geschildert ...
Besonders das Missverständnis mit dem Baukasten finde ich besonders rührend"

Brigitte:
"Es stockte mir fast der Atem bei so vielen Aktivitäten rund um eine kaputte Halogenstablampe und dass du da zum Glück doch noch heil davongekommen bist."
Helmut:
"Vieles könnte auch aus meiner Lebensreplik sein."
Jaleh:
"Es ist erstaunlich wievel Ereignisse im Leben zusammenkommen, wenn man sie mal schwarz auf weiß niedergeschrieben hat."
Klaus:
"Die Erzählung über Deine Eltern und Deine Kindheit hat mich sehr berührt. Die Schilderung Deiner Vorliebe für Elektroarbeiten und der nicht immer sofort eintretende Erfolg ist äußerst liebenswert."
Lotte:
"Es ist praktischer, sich mit zunehmendem Alter mehr auf die geistigen Qualitäten als auf die handwerklichen zu fokussieren."

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