Zu Sylvester wünsche ich allen Leserinnen und Lesern meiner "Splitter" ein erfolgreiches, erfülltes Jahr 2017.

Mich freut es, nach ein paar Fieber-Tagen wieder gesund zu sein, um die Episoden aus meinem Leben fortzusetzen.

Dabei danke ich meiner Frau Ina herzlich für ihr Lektorat. Sie macht meine Selbstverständlichkeiten auch für andere begreiflich und ist imstande, die Gefühle aus mir "herauszukitzeln".


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Episoden aus meinem Leben

20. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

Es ist möglich, mit diesem Link die früheren Splitter nachzulesen.
Unter dem folgenden Link kommt Ihr direkt zum Feedback dieses Splitters.
Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at
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Mondi_Neusiedler
Fabriksgelände der Mondi-Neusiedler (links) und Plattform PM 6 (rechts)
Papiermaschine

Im Jahr 1977 bin ich bei der Firma Neusiedler als Bereichsleiter für den Verkauf nach Italien und Griechenland und als Vertriebsvorstand für den Mittleren Osten angestellt. Dabei verursachen die zwei europäischen Länder mehr Arbeit als jene für die derzeit zwanzig Staaten von Middle East. Die Menge der Arbeit verhält sich also umgekehrt proportional zur Anzahl der betroffenen Nationen.

Ich fliege hauptsächlich nach Mailand und Athen, wo unsere Vertretungsfirmen beheimatet sind. In Italien führt mich unser lokaler Vertreter mit seinem Auto nach Bologna, Venedig, Turin, Genua, Florenz, Rom, ja sogar nach Bari. Durch meine Italienisch-Kenntnisse fallen mir diese Besuche bei unseren etablierten Kunden nicht schwer. Auch zu neuen Kunden können wir Kontakte knüpfen.

Meine persönliche Anwesenheit verkörpert das Interesse der österreichischen Firmenleitung, die Geschäfte mit unseren italienischen Kunden weiterzuführen und zu intensivieren

In Griechenland hingegen bin ich mit meinem nicht vorhandenen sprachlichen Wissen komplett verloren. Das derzeit dort gesprochene Griechisch hört sich für mich so an, als ob ich nie Griechisch gelernt hätte. Erst als einem meiner Kunden das Wort "κύριος" (kyrios) über die Lippen kommt, bemerke ich, dass doch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem aktuellen Griechisch und dem klassischen Altgriechisch, das ich sechs Jahre lang studiert habe, besteht. Dabei bin ich mir nicht ganz sicher, ob der Erkennungswert nicht vielleicht doch von der Verwendung bei katholischen Gottesdiensten herrührt. Auf Deutsch heißt dieses Wort jedenfalls "Herr".

Weil ich zumindest erahnen möchte, was meine Kunden zwischendurch in Griechisch besprechen, besuche ich ein Jahr lang einen Kurs in Neu-Griechisch. Somit täuschen sich meine Gesprächspartner, wenn sie annehmen, ich würde von ihren konspirativen Bemerkungen über meine Firma - und mich - überhaupt nichts verstehen.

Besuche bringen Gegen-Besuche. Meist hole ich die Kunden vom Flughafen Schwechat ab und fahre mit ihnen nach Theresienthal, unserer größten Fabrik, die sich in Ulmerfeld-Hausmening befindet. Dort zeige ich ihnen die Papiermaschinen und erkläre, wo und wie das Papier, welches sie von uns beziehen, produziert wird. Anschließend unterhalte ich mich locker mit ihnen beim Mittagessen im Gästehaus. Für ernsthafte Verhandlungen ist anschließend oder tags darauf Zeit in unserem Wiener Büro reserviert. Abends führe ich meine Kunden zum Ausklang in ein von mir sorgfältig ausgesuchtes Restaurant. Die nicht unerheblichen Rechnungsbeträge variieren meist nur nach Anzahl der Gäste. Meist sind es nicht mehr als vier. Bald bin ich sehr routiniert, gibt es doch monatlich zwei bis sechs solcher Besuche aus Ländern, für die ich zuständig bin.

Von Zeit zu Zeit gibt es größere Herausforderungen. Manchmal sind zehn bis zwanzig Besucher angekündigt. Heute - wir befinden uns im Juli 1990 - sind es sogar sechzig Mitarbeiter einer größeren italienischen Firma, die Computer, Bürogeräte und -maschinen herstellt und vertreibt. Ich freue mich schon darauf, so vielen Leuten mein Wissen über die Erzeugung von Papier und die Ausrüstung auf A4- oder A3-Pakete zu vermitteln. Ich werde ihnen erzählen, was ich über die verschiedenen Papiersorten weiß und für welche Geräte sie am besten geeignet sind. Ich kann das auch individuell gestalten, weil ich weiß, welche Sorten wir an diese Firma liefern, welche Formate sie normalerweise beziehen und auf welchen Geräten sie verwendet werden.

Sehr pünktlich um 9:30 Uhr treffen die beiden Busse, begleitet von unserem Generalvertreter für Italien, in der Fabrik ein und werden von mir willkommen geheißen. Da unser Portier vereinbarungsgemäß die italienische Flagge gehisst hat und ich sie in italienischer Sprache begrüße, fühlen sich unsere Gäste gleich wohl.

Vor dem Eintritt in die Produktionshalle, die einen fast unerträglichen Lärmpegel hat, erkläre ich vorab einige allgemeine Details, seit wann die Firma Neusiedler besteht, wann die aktuellen Papiermaschinen installiert wurden, wie breit sie sind und wie schnell sie fahren. Für die Kommunikation innerhalb der Erzeugungsstätten teilen wir Kopfhörer aus, über die wir weitere Informationen geben können.

Vorausblickend trennen wir die sechzig Leute in vier Gruppen zu je fünfzehn, zwei unter der Führung des italienischen Vertreters, der sich nach vielen Besuchen schon sehr gut in unserer Fabrik auskennt, und zwei mit meiner Begleitung, wobei geplant ist, dass wir die Gruppen zeitlich versetzt durch die Fabrik lotsen.

Ich starte unmittelbar vor meinem Kollegen aus Italien und führe meine erste Gruppe in die Nähe der Papiermaschinen, um ihnen deren Dimensionen - die beiden Maschinen, PM 5 und PM 6 haben immerhin eine Breite von je 4, 4 Meter - vor Augen zu führen. Nach der allgemeinen Einführung beginne ich mit der detaillierten Besichtigung beim sogenannten Stoffauflauf, wo der Faserbrei aus Zellulose, vermischt je nach Papiersorte mit unterschiedlichen Füllstoffen noch 99% Wasser enthält. Auf der unmittelbar anschließenden Siebpartie wird der Feuchtigkeitsgehalt auf 80% reduziert. Erst dahinter beginnt die Pressenpartie mit vielen dampfbeheizten und filzbespannten Trockenzylindern. Zuletzt wird das Papier mit einer Feuchtigkeit von immer noch 8% aufgerollt.

Bei allen unseren Fabriksführungen gibt es einen Fix-Bestandteil, bei dem wir unseren Gästen den Produktionsprozess bildhaft vor Augen führen können. Deswegen lade ich meine Gruppe
dazu ein, die Siebpartie, einen neuralgischen Punkt jeder Papiermaschine, auf der die Blattbildung beginnt, von der Nähe zu besichtigen. Anstandslos leisten alle fünfzehn meiner höflichen Aufforderung Folge und begleiten mich über die Aluminium-Leiter hinauf zur Besichtigungs-Plattform der PM 6 in zirka 4 Meter Höhe. Sie ist geschützt durch solide Geländer. Dieser Exkurs ist nichts Ungewöhnliches.

Also überrascht es mich, dass der Boden der Plattform unvermittelt "weich" wird. Diese Überraschung gerät zur Panik, als sich die Eisenstreben verbiegen und uns auf den Boden "abladen". Wir begreifen nicht sofort, was da gerade passiert. Umso rascher erfassen das die Umstehenden, die schockiert reagieren, weil sie einen kunterbunt hingeworfenen Menschen-Knäuel ausmachen. Noch entsetzter sind jene von unserem Personal, die die Produktion überwachen und die Verantwortung für die Sicherheit tragen.

Ich bin zum Glück der einzige, der sich eine nennenswerte Verletzung, nämlich den Bruch eines kleinen Fingers, zugezogen hat. Bevor ich noch ins Spital eingeliefert werde, organisiere ich, dass mich der Fabrikschef bei der weiteren Besichtigung vertritt. Er spricht zwar nicht Italienisch, aber mit dem Umweg über das Englische gelingt ihm das mühelos, kennt er doch alle Details in seiner Fabrik um vieles besser als ich.

Nach meiner Rückkehr vergewissere ich mich, dass keine der anderen Personen gröbere Verletzungen erlitten hat. Die wenigen, die geringfügige Abschürfungen hinnehmen mussten, bedauere ich voll Anteilnahme. Ich versuche, unsere Gäste bei guter Laune zu halten, denn was wäre, wenn wir durch mein stümperhaftes Verhalten einen so großen Kunden verlieren würden. Und sicher bin ich mir dessen nicht, wenn ich in die teils sehr entrüsteten Mienen blicke. Wie froh bin ich doch, dass ich derjenige bin, der die schlimmsten Folgen aus diesem Absturz zu tragen hat, und niemand anderer.

Meine Kollegen in der Fabrik sind nicht so locker und ermahnen mich vorwurfsvoll und mit Nachdruck, nie wieder so unbedarft die Gesundheit von Fabriksbesuchern zu riskieren.

Bei einem Telefonat mit der Frau meines Herzens versuche ich - wie knapp zuvor bei meinen Gästen - meine Verletzung zu bagatellisieren. Da sie aber zwischen meinen Worten hören kann, dass ich mit dem Arm in der Schlinge ziemlich gehandikapt bin, kommt sie sofort voll Besorgnis mit dem Zug angereist, um mich abzuholen und mit dem bei der Fabrik geparkten Auto nach Hause zu bringen. Ich bin sehr erleichtert, denn mittlerweile bemerke ich, wie schwierig manche Situationen sind oder werden können, wenn man nur über eine intakte Hand verfügt.

Beim gemeinsamen Abendessen mit allen sechzig Gästen stelle ich mich nach der Vorspeise - für alle unerwartet - in den Türrahmen zwischen den beiden Sälen. Ich erhebe meine Stimme und beginne mit einer gefühlvollen Rede, mit der ich mich in linkischem Italienisch für meinen folgenschweren Fehler entschuldige. Voll Empathie bemitleide ich die Betroffenen und gestehe ein, dass ich Schuld an diesem "verunglückten" Fabriksausflug trage.

Der Delegationsleiter bemitleidet auch mich und spricht mich von meiner Schuld frei.

Papiermaschinen_Unfall

Als ich das nächste Mal zur PM 6 komme, ist die Plattform repariert und ein Warnschild angebracht: "Maximal 6 Personen".

 
Papiermaschine
Alte PM3 der Neusiedler Kematen
Papiermaschine
PM5 der Mondi-Neusiedler in Betrieb


kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Bea:
"Firmenbesichtigung mit unsanfter Landung"
"Firmenausflug oder was sagt man dazu!?"

Gerti:
"Der gestürzte Vortragende"
Elisabeth:
"Das passiert mit mehr als 6"
Helmut:
"Beinahe hätte ich ungewollt Besucherzahlen und Gästeessen in unserem Werk rapide abgesenkt."

Kommentare (autorisiert):

Bernhard:
"Super Egon! Und diese Story wurde mir 2008 noch erzählt als ich den "mill-visit-Führerschein" gemacht habe."
Ilona:
"Ich finde diese Kurzgeschichten wundervoll und werde mich immer freuen, sie zu lesen!"
G.:
"Als großer Fan deiner Splitter erlaube ich mir diesmal eine Kritik: Die Beschreibung der Papiererzeugung scheint mir zu detailliert. Entweder du solltest eine Provision von der Firma Neusiedler kassieren oder du solltest es drastisch kürzen!" Egon: "Den vielen Splitter-lesenden Mondi-/Neusiedler-Menschen will ich zeigen, dass ich noch nicht alles vergessen habe."
Michael:
"Mit ganz besonderer Aufmerksamkeit habe ich deine Erzählung über Neusiedler verfolgt… eh klar warum."
Elisabeth:
"Gespannt bis zum letzten Satz wartete ich auf die Auflösung."
Doris*:
"Ich kann mich noch an dieses Ereignis erinnern. - Es war eine ziemliche Aufregung damals!"