Episoden aus meinem Leben

22. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at
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Fotografie
Emanuel_Frank
   

Wir schreiben das Jahr 2008 und ich erlebe meine ersten Tage in der Pension. Wer bin ich jetzt noch, enthoben aller meiner Funktionen? - Ganz einfach: Ich bin in der Position des viel geliebten Gatten meiner Frau und gerne auch eine Hilfskraft zu ihren Diensten, sofern das keinen Widerspruch darstellt. Daher freue ich mich ungemein auf die unterschiedlichen Funktionen, die meine Kontrolle passieren.

Im Moment fehlt meiner Frau zur Durchführung eines Selbstbewusstseins-Trainings eine – zweite - männliche Person. Ich nutze diese Situation und erkläre mich bereit, diesen Bedarf abzudecken. Ich finde nämlich, dass so ein Training ohnehin nie schadet. Tatsächlich lerne ich dabei nicht weniger als die anderen, die dabei mitmachen.

Die andere männliche Person, der ich dazu verhelfen soll und somit auch will, sich nicht von der weiblichen Überzahl beeinträchtigt zu fühlen, wird mir im Laufe des Geschehens immer vertrauter.

Er ist ein begnadeter Fotograf, Experte in Theorie und Praxis. Und das Wesentliche: mit seinem geübten Auge findet er fantastische Motive, die andere - wie beispielsweise ich - nicht einmal wahrnehmen können. In meiner Jugend habe ich mich sehr viel mit Photographie beschäftigt, auch nach Motiven gesucht, die Photos selber entwickelt und fixiert, es aber nie zum Meister gebracht. Daher fasziniert mich seine Kunst noch mehr als wenn ich überhaupt keine Ahnung von dieser Materie hätte. Ich werde sein Fan.

Ich kaufe mir einen neuen professionellen Fotoapparat und wir beschließen, gemeinsam wöchentliche Fotospaziergänge zu unternehmen. Ich profitiere dabei enorm. Er zeigt mir, welche Einstellungen bei welchen Lichtverhältnissen am Fotoapparat vorgenommen werden müssen, damit beeindruckende Fotos entstehen. Die Automatik ist zwar sehr hilfreich für Laien, aber künstlerische Fotos entstehen erst dann, wenn man die Logik eines Fotoapparats begreift und beherrscht. Er macht mich aufmerksam, wohin ich schauen muss, um ein Motiv zu erkennen, das andere staunen lässt. Er zeigt mir Kniffe, von deren Existenz ich keine Ahnung habe. Zudem begeistern die Fotos, die er bei Musik-Events von den Tonkünstlern in ihrer Ekstase macht, jeden.

Wie er mir sagt, hat er sich diese detaillierten Kenntnisse durch tagelanges intensives Studium von Foto-Handbüchern erarbeitet. Er ist ein Perfektionist und ich erfreue mich wie andere Betrachter an der einzigartigen Qualität seiner Bilder. Zusätzlich ziehe ich daraus den Nutzen, dass auch meine mit Sorgfalt aufgenommen Fotografien - aber nur diese - immer besser werden. Meine Lust zu fotografieren wächst und gedeiht zusehends. Er ist ein wunderbarer Lehrer.


Balustrade
Natur_Fotos
   

Unsere Spaziergänge führen manchmal über zehn Kilometer, manchmal erlaubt uns meine gesundheitliche Verfassung nur kurze Wege. Jedenfalls genieße ich es, mit einem so verlässlichen Freund auf Wanderwegen zu fotografieren und dabei unbewusst als Nebeneffekt meine Fitness zu stärken. Alte Männer sind eben keine Sprinter. Ich besorge mir dafür auch einen Schrittzähler, bei dem ich mir ein Soll wie beispielsweise 5.800 Schritte einstelle. Ich bin glücklich: Fitness, Kunst und Freundschaft – „drei auf einen Streich“.

Für eine Vernissage im Jahr 2015, bei der mein Freund einen Bruchteil seiner Kunstwerke im Seminarraum meiner Frau zeigt, habe ich eine Laudatio vorbereitet. Leider bin ich aufgrund einer schweren Erkrankung im Spital. Auf mein Ersuchen bekomme ich für diesen Zweck Ausgang. Ich fühle mich glücklich, dass ich die vorbereiteten Worte der Anerkennung kundtun kann, bevor ich mich - schwach wie ich bin - wieder ins Krankenhaus zurückbringen lasse.

Bei einem unserer nachfolgenden Ausflüge beschließen wir, Fotos mit längerer Belichtungsdauer zu machen und zu diesem Zweck ein Stativ zu verwenden. Ich befestige meinen Apparat gekonnt am Stativ. Beim Weitergehen zu einem neuen Standort möchte ich es genauso lässig machen wie mein Freund. Auch ich halte das Stativ in meiner Hand und nicht den Fotoapparat. Der Fotoapparat fällt dabei, nur stümperhaft befestigt, wie sich im Nachhinein herausstellt, schwungvoll zu Boden …

Ich kann nur sagen: "Schlimm, deprimierend, demotivierend!" Ich brauche eine gewisse Zeit, um mich von diesem Schock zu erholen. Aber man kann auch am Handy - wie mir mein Freund geduldig zeigt - professionelle Fotos machen und sogar bearbeiten.

Dass ich jedoch wieder auf meine normale Ausrüstung zugreifen kann, braucht es ein neues Objektiv, das nur teuer oder gebraucht sein kann. Folglich wende ich mich an eine Kette mit 160 Niederlassungen österreichweit, um dort mein Anliegen vorzubringen. Die Verkäuferin, die gerade meine Sympathie durch kostenloses Einsetzen neuer Brillen-Scharniere gewonnen hat, wird vom Verkäufer in der Fotoabteilung als Fachkundigste des aktuell verfügbaren Personals zu Hilfe gerufen. Sie sieht sich mein Problem an und zeigt mir voll Stolz ihre Lösung: "Wenn Sie das Objektiv einschrauben, brauchen Sie nur beachten, dass der weisse Punkt am Fotoapparat mit jenem am Objekt harmoniert." Sie zeigt es mir in der Praxis und ich bin so erleichtert, dass es kein Problem außer meiner Blödheit gibt, und bedanke mich entsprechend devot.

Ich packe meinen Fotoapparat hocherfreut wegen des eingesparten Geldes wieder ein. Zuhause erlebe ich ein paar Tage dieses Hochgefühl, bis ich den Apparat vertrauensvoll auf seine Funktionalität testen will. Jetzt erst bemerke ich, dass die Übereinstimmung der beiden weißen Punkte nicht genügt, um den ausgebrochenen Teil am Objektiv aufzuwiegen. Ich erkundige mich also neuerdings, wie teuer mich mein Schwung mit dem Stativ zu stehen kommt. Ernüchternd! Allerdings besteht kein Zweifel, dass ich mich bald wieder in die Riege derer einreihen werde, die mit einer imposanten Ausrüstung zum Fotografieren beeindrucken.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Lotte:
"Ein Freund mit Klasse"
Gerti:
"Meisterablichter"


Kommentare (autorisiert):
Lela:
"Am besten Weg zum Foto-Profi"
Lotte:
"Ich gratuliere dir zu deinem tollen Kumpel. Es ist fein, die Zeit in der Pension sinnvoll zu nutzen. Aufgaben gäbe es ja genug, aber wenn es nicht eine gewisse Herausforderung ist, macht es keinen Spaß."
Gerti:
"David Hamilton hat schöne Frauen mit Weichzeichner Linse abgebildet und du Pflanzen, Gitter, Türen und sogar Wassertropfen. Alles sehr künstlerisch. Für uns bist du fast wie Hamilton."
Brigitte:
"Der Egon ist ein Graf, ein Graf (?), ein Fotograf und eine Fotogräfin seine Frau ..."
Katriel:
"Zu deinem literarischem Herumsplittern erlaube mir, den geehrten G.E. Lessing zu zitieren: 'Wir wollen weniger erhoben - und fleißger gelesen sein.'
Ich will hoffen, dass du mir im xxxxten Splitter, voll Stolz berichten kannst, dass du den Quantensprung in die hoeheren Grade der Fotographie geschafft hast!
"