Episoden aus meinem Leben

23. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Ehrwald

Blick von der Zugspitze auf Ehrwald (vorne), Lermoos (Mitte rechts)
CC BY-SA 3.0

Lermoos

Teile von Lermoos im Schnee
CC BY-SA 2.5

   

Im Jahr 1952 beginne ich mit dem Besuch der Hauptschule in Ehrwald, dem Nachbarort von Lermoos, meinem Zuhause im Tiroler Außerfern. Weit ist es dorthin nicht, aber die zwei km über die Felder des Talkessels sind nervig, vor allem weil ich fast immer allein unterwegs bin und weil der Rückweg auch nicht kürzer ist. Ich mag das nicht, weil ich daheim mit meiner Mutter auch immer allein bin. Es ist so eintönig und deprimierend, diesen Weg ohne Blödeleien mit einem Gleichaltrigen auf schnurgeraden Wiesenwegen zurückzulegen. Das Kind unseres Nachbarn, der mich ab und zu begleitet, wird meist mit dem Auto in die Schule geführt, sodass ich mich noch einsamer fühle wie zuvor.

Im Winter verschärft sich das Thema Schulweg, weil man zu dieser Jahreszeit statt über die Felder auf der vom Schnee geräumten Straße gehen muss. Das bedeutet eine Verlängerung der Wegstrecke auf drei km. Ich prüfe daher sehr sorgfältig, ob tatsächlich so viel Schnee gefallen ist, dass meine Entscheidung eindeutig zugunsten der Straße ausfallen muss. Zusätzlich sind Anorak, Haube und Winterstiefel erforderlich, Dinge, die ich nicht mag, weil sie mich einengen.

In der Schule selber gefällt es mir sehr. Erstens lerne ich jede Menge neuer, interessanter Kollegen in meiner und den anderen drei Klassen der Schule kennen. Zweitens gefällt mir die Abwechslung bei den Lehrpersonen, die wir Schüler im Gespräch miteinander nach gründlicher Abschätzung ihrer unterschiedlichen Eigenschaften im Umgang mit uns bewerten. Wir brauchen nicht lange um festzustellen, ob sie uns gefallen oder nicht. In der Volksschule hatten wir ja nur eine Klassenlehrerin und den Dorfpfarrer.

Bald entdecke ich auch mein Talent, bei der Hausaufgabe für Erdkunde die Skizzen der einzelnen Tiroler Bezirke zu zeichnen. Ich entwickle darin eine Fertigkeit, dass ich sie bis kurz vor Beginn der Unterrichtsstunde in die Hefte ausgewählter Kollegen zeichnen kann. Statt irgendwelcher Kollegen ziehe ich Kolleginnen vor, die mir sympathisch sind. Besonders gern mache ich es, wenn mich das hübsche Mädchen darum ersucht, das ich schon seit drei Jahren anbete. Bei unserer gemeinsamen Fahrt zur Firmung, nebeneinander eingepfercht in einem kleinen Auto, hoffte ich, dass unsere körperliche Berührung den Durchbruch schaffen könnte. Nichts dergleichen! Jetzt aber rechne ich fest damit, dass diese meine Liebesdienste das ändern können. Sie dankt zwar, zeigt aber nicht einmal die Anerkennung, die ich von anderen bekomme. Enttäuschend! Enttäuschend!

Bald habe ich mich an den neuen Schulbetrieb gewöhnt. Meiner neuen Deutschlehrerin, die gleichzeitig unsere Frau Klassenvorstand ist, gefallen meine Aufsätze, die bildhafte Schilderungen enthalten. Manchmal ordnet der Herr Hauptschuldirektor an, meine Aufsätze in allen Klassen vorzulesen. Das ehrt mich sehr und stärkt mein Selbstbewusstsein. Allerdings ist mir nicht bewusst, dass dieser Umstand mein Image bei den Mitschülern und - was besonders bedauernswert ist - Mitschülerinnen erheblich beeinträchtigt.

Wenn es sich um die freihändige Wiedergabe von vorgegebenen Themen handelt, fühle ich mich nicht so sicher. Daher will ich - der rundum so Begabte - nicht die Anerkennung bei meinen Schulkameraden verlieren oder mich gar ihrem Spott preisgeben.

Da ich aufgrund meiner Gehirnerschütterungen ständig an Kopfschmerzen leide, nütze ich an Tagen, an denen Zeichnen im Stundenplan vorgesehen ist, die Gelegenheit, um meiner Mutter frech vorzumachen, ich hätte Kopfschmerzen. Das befreit mich zwar von den befürchteten Folgen meiner Ungeschicklichkeit, hindert mich aber bei meiner Entwicklung zu einem bildenden Künstler.

Aufgrund meiner tatsächlichen und nicht nur der vorgetäuschten Kopfschmerzen verliere ich das zweite Schuljahr in der Hauptschule, das ich anschließend nachhole. Danach empfiehlt die Frau Klassenvorstand meiner Mutter, mich wegen der außergewöhnlich guten schulischen Leistungen ins Gymnasium zu schicken. Meine Mutter verfügt leider nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um mir das zu ermöglichen. Auch meine Tante, die sich bei jeder möglichen Gelegenheit als sehr großzügig erweist, lehnt es ab, eine solche Verpflichtung über mehrere Jahre auf sich zu nehmen.

Mutter informiert meine Klassenlehrerin, dass es leider keine Möglichkeit gibt, ihrem gut gemeinten Vorschlag nachzukommen. Daraufhin legt diese ihr nahe, mich in das Internat einer Klosterschule mit Gymnasium zu geben, wo das Studium aufgrund der Sorge um Nachwuchs für den Orden kostenlos möglich wäre. Insgeheim beruhigt sie meine Mutter auch, dass es nicht notwendig wäre, auch nach der Matura dort zu bleiben und Priester zu werden.


Beim Eintritt in die Klosterschule verliere ich wegen meiner mangelnden Lateinkenntnisse ein weiteres Schuljahr. Dass es nicht zwei Jahre sind, verdanke ich dem engagierten Pater Prior, der mir Privatunterricht in Latein gibt. So kann ich zwei Jahre Latein in einem Jahr absolvieren. Zugute kommt mir natürlich, dass ich bei Fächern, die ich schon in der Hauptschule hatte, locker mithalten kann.

Diese Mischung aus müheloser Wiederholung von bereits Gelerntem und intensivem Nachhilfeunterricht von Neuem bringt mich in eine beneidenswerte Position. Ich blühe auf.

Latein

Der Pater Prior, der über meine Lateinkenntnisse Bescheid weiß, befreit mich von der Schularbeits-Vorbereitung, die für meine Kollegen verpflichtend ist. Er gestattet mir, den hinderlichen Baum an der Einfriedung des Kloster-Areals zu fällen, weil er weiß, dass ich solche Arbeiten verlässlich und mit großem Vergnügen mache. Er selber traut es sich aufgrund seines Alters nicht zu. Ich genieße diese Anerkennung in vollen Zügen. Wegen meines "fortgeschrittenen" Alters avanciere ich auch zu einem Wortführer in unserem Privatgymnasium, das sich auf die ersten drei Mittelschul-Klassen beschränkt. Ich animiere meine Kollegen, manche meiner Einfälle zu verwirklichen. Beispielsweise rege ich dazu an, auf unserem Sportplatz nicht nur Fußball zu spielen, sondern auch Leichtathletik zu betreiben. Wir üben Hochsprung, Weitsprung und Sprint. Warum ich das mache? - Ich weiß, dass ich in diesem Sport zu den Besten zähle.

Da wir unseren Sportplatz mit auffällig gewordenen Jugendlichen aus einem nahegelegenen Erziehungsheim teilen müssen, sind wir angewiesen, darauf zu achten, das Gelände nicht zu spät zu verlassen, um irgendwelche Zusammenstöße zu vermeiden. Dabei hoffen wir natürlich auch darauf, dass die Burschen aus dem Erziehungsheim nicht zu früh dran sind, um uns in die Quere zu kommen. Der Leiter des Erziehungsheims und unser Pater Prior haben sich auf diese Regelung mit einer halben Stunde Zwischenraum geeinigt, damit keine Schwierigkeiten entstehen können. Sie befürchten zu Recht, dass die Jugendlichen, zwangseingewiesen aus einem vernachlässigten Milieu, nicht optimal zu den behüteten Klosterschülern aus dörflich religiöser Umgebung passen.

Heute jedoch gibt es trotz allem eine solche Begegnung. Ich weiß nicht, wer sich in der Zeit geirrt hat. Jedenfalls sehen wir die Halbwüchsigen, etwas älter als wir, aufgestachelt durch unseren Anblick heranstürmen. Ich schreie meinen Kollegen zu, sofort wegzulaufen. Einer von ihnen schafft es nicht rechtzeitig. Um ihn vor Gröberem zu bewahren, stelle ich mich - pflichtbewusst als Ältester - zwischen ihn und die Horde von Angreifern. Zwei von ihnen stürzen sich auf mich, werfen mich zu Boden, treten auf mich ein. Panik erfasst mich.

Ich fühle mich erlöst, als ein Erzieher schreiend und im Laufschritt heran eilt und die beiden zurückpfeift. Stolz bin ich natürlich auch, als Beschützer der Unsrigen zu gelten. Meine Aktion dauert zwar nur wenige Minuten, bewundert werde ich trotzdem.

Unsere Zeit in Volders endet mit dem Übertritt in das öffentliche Gymnasium in Innsbruck. Das ist zwar nicht schwer, aber leicht auch nicht. Wir müssen im Verlauf von drei Tagen nicht nur in Latein, Mathematik, Deutsch und Altgriechisch eine Aufnahmeprüfung machen, sondern auch in Geschichte, Erdkunde, Physik und Religion, was beim Übertritt aus einer Klosterschule in ein öffentliches Gymnasium besonders pikant ist. Darüber hinaus müssen wir sogar in Turnen, bildnerischer Erziehung und Musik einen Eignungstest bestehen.

Was fällt mir dabei wohl am schwersten?



kostenfrei

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Lotte:
"Die Schule als Prüfung"
Fritz:
"Der ruhige Streber in positivem Sinn"
Helmut:
"Non scholae, sed vitae discimus"
Bea:
"Freud und Leid des Musterschülers"

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