Episoden aus meinem Leben

26. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Gablonzer

Nach vollzogenem Austritt aus dem Kloster kann ich bei meiner Tante in Salzburg wohnen. Sie ist es auch, die mir bei meiner weiteren Lebensplanung hilft. Ich bin komplett ahnungslos, wie man sich in der freien Welt bewegt. Befreit von den Fesseln des Klosters, fehlt mir auch der Halt, den ein bis ins kleinste Detail geregeltes Mönchs-Leben bietet. Dass mir meine Tante die Anstellung bei einem Unternehmer ausredet, der mich sogar besuchen kommt und mir vertrauenswürdig erscheint, irritiert mich. Freilich verlasse ich mich auf ihre Lebenserfahrung und Menschenkenntnis. Ein anderes Angebot überzeugt meine Tante und dadurch auch mich.

Die Gablonzer Genossenschaft in Oberösterreich bietet mir aufgrund meiner Sprachkenntnisse in Italienisch, Englisch und Französisch, - wobei ich Italienisch am besten kann, es hier aber am wenigsten gebraucht wird - eine Stelle in der Exportabteilung an, wenn auch nur mit einem sehr geringen Gehalt. Bis jetzt wurden meine Leistungen im Kloster immer nur mit Sachwerten abgegolten. Folglich habe ich keine Ahnung, was für so eine Anstellung üblich ist. Ich stürze mich in meine neue Aufgabe. Wie die anderen schreibe auch ich im Jahr 1969 die Geschäftsbriefe mit einer Schreibmaschine. Beispielsweise sind es Briefe nach Skandinavien in englischer Sprache. Anschließend beantworte ich die Reaktionen und bekomme ein Gefühl für unsere Produkte, für Skandinavien und für mehr oder weniger geschäftstüchtige Kunden.

Mein Schreibtisch steht in Enns. Meine beruflichen Auto-Ausflüge mit angereisten Abnehmern aus Schweden, Norwegen und manchmal sogar Finnland führen mich zu einzelnen der mehr als hundert Mitgliedsbetriebe in Enns und Kremsmünster. Das fordert nicht nur meine Künste als Dolmetscher, sondern auch diplomatisches Geschick.

Unkompliziert erhalte ich über Vermittlung des Direktors der Genossenschaft eine nette Wohnung in einer naheliegenden Gartenbausiedlung. Ich wohne im ersten Stock und schaue nach der Arbeit gerne aus dem Fenster. Gegenüber sehe ich eine meiner Kolleginnen in ihrer Wohnung herumspazieren. Sie ist - wie ich weiß - gehbehindert. Ich finde sie nicht besonders attraktiv. Trotzdem beobachte ich sie intensiv und immer intensiver. Sie ist ein Frau. Mir kommt in den Sinn, dass Frauen ja nicht mehr tabu für mich sind. Jetzt bin ich frei und kann ganz offiziell mit Frauen in Kontakt treten, mit ihnen plaudern und das - nach meinem Gefühl - sogar mit unverhohlen zweideutiger Ausdrucksweise. Meine Phantasie ist geweckt.


Gablonzer
Gablonzer
   

Bei der für mich ersten Firmen-Weihnachtsfeier fühle ich mich wohl im Kreise meiner Kolleginnen und Kollegen. Ich genieße es, mich mit ihnen ungestört privat unterhalten zu können. Ich bemerke auch zwei Frauen, die mir fremd sind. Neugierig frage ich, ob die beiden, die zwanglos unter uns sitzen, auch Kolleginnen wären und woher sie kämen. Bereitwillig erzählt mir der Kollege, mit dem ich schon ein wenig näher bekannt bin, sie kämen von unserer Wiener Niederlassung. Das ist mir neu. Ich kenne weder die Niederlassung in Wien noch die beiden Damen, die für mich eine optische Bereicherung der Firmenbelegschaft darstellen.

Fast alle Männer scharen sich um die beiden. Sie genießen es, sich mit diesen "exotischen" Mitarbeiterinnen aus Wien zu unterhalten und ihnen Komplimente zu machen. Da sie sich aber auch mit der übrigen Belegschaft Kontakt aufnehmen wollen, ergreife ich die Gelegenheit, mich mit ihnen bekannt zu machen. Besonders die Schlanke, die mit den fein ziselierten Gesichtszügen und der elegant nach hinten gekämmten Frisur, hat es mir angetan. Erfreut reagieren Sie auf meine Kontaktnahme, bin doch auch ich ein Neuer, ein "Exot" für sie. Wissbegierig wie ich bin, frage ich die beiden Kolleginnen über den Schauraum am Wiener Hohen Markt aus. Bereitwillig geben sie mir Auskunft und laden mich ein, sie dort zu besuchen.

Wir sind gut gelaunt, die Stimmung ist angeregt und die Unterhaltung zwischen uns dreien amüsant. Allerdings bedeutet mir die Rückfahrt der beiden nach Wien ein zu abruptes Ende für unser kurzweiliges Treffen und ich bedauere das sehr. Vor allem deshalb schmerzt es mich, weil ich die Schlanke mit dem anziehenden Lächeln im Gesicht und mit den fröhlich blitzenden Augen längere Zeit nicht sehen werde.

Ich versuche, von meinen Kollegen Näheres über die beiden herauszufinden, und lasse mich gerne für Botenfahrten nach Wien einteilen. Besonders mit der einen, der für mich Attraktiveren, die - wie ich bald herausfinde - derzeit keinen Partner hat, unterhalte ich mich prächtig und komme bald auch zu Themen, die tiefere Einblicke in mein und ihr bisheriges Leben gewähren. Mein Eingeständnis, dass ich bis Anfang des Jahres 1969 in einem italienischen Serviten-Kloster war, überrascht sie offensichtlich enorm. Ich erzähle ihr, dass ich den Rang eines Subdiakons hatte, jedoch vor der nächsten Karriere-Stufe, der Weihe zum Diakon, austrat. Ich will kein zur Ehelosigkeit verpflichteter Pfarrer werden.

Das veranlasst sie, mir aus ihrem Leben zu erzählen. Sie war bis zu ihrer Scheidung in Italien verheiratet. Der Sohn, der aus dieser Verbindung stammt, lebt bei ihr in Wien. Sie wollte das Schicksal einer italienischen "Mamma", die nur für die Familie da ist, vermeiden.

Ich mag sie sehr. Sie unterhält sich aufmerksam und vertrauensvoll mit mir. Sie betrachtet mich nicht von oben herab, sondern achtet auf das, was ich ihr erzähle. Ihren natürlichen Humor bei allen Gesprächen finde ich bezaubernd.

Sie zeigt mir die Skizze eines super-eleganten Ballkleides, das sie sich selbst genäht hat. Ich bewundere die Zeichnung und noch mehr das Resultat. Dieses Kleid zieht sie sich bei der Tanzveranstaltung an, die sie mit mir besucht. Ich bin tief beeindruckt, wie souverän, elegant und mondän sie sich bei dieser Gelegenheit zeigt.

Es ist kein Wunder, dass ich mich in sie verliebe. Offensichtlich mag mich diese attraktive Frau ebenfalls. Welch ein Glück für mich! Unsere Beziehung entwickelt sich in nur vier Monaten so weit, dass wir an ein gemeinsames Leben denken. Wir schmieden hoffnungsvolle Pläne und malen uns die Zukunft in den schönsten Farben aus.

Ich will keine Fernehe zwischen Enns und Wien. Eine Wohnung in Wien kann ich mir ganz ohne Ersparnisse und mit meinem geringen Gehalt noch nicht leisten. Wie aber finde ich Wohnung und Arbeit in Wien? Wie kann unsere gemeinsame Zukunft gelingen? Wer hilft uns dabei?

Doch alles ist leichter als wir vermuten. Sie erzählt mir, dass sie zusammen mit ihrem Sohn bei ihren Eltern wohnt und dass diese bereit sind, mich in die Wohngemeinschaft aufzunehmen, wofür bei meinen wenigen Habseligkeiten auch ausreichend Platz vorhanden ist. Und der Partner ihrer Freundin vermittelt mir einen Job in der Wiener Zentrale einer Papierfabrik.

Ich freue mich darüber, dass es keine unüberwindbaren Hindernisse mehr gibt. Offensichtlich genießt sie die Vorstellung, einen verlässlichen Mann an ihrer Seite zu haben. Und sie meint, dass ihr vierjähriger Sohn und ich uns sicher vertragen werden. Ich halte sie für eine Frau, die mitten im Leben steht. Ihr Vertrauen in mich ehrt und beruhigt mich.

Aufgeregt warte ich auf die passende Gelegenheit, ihrer Familie vorgestellt zu werden. Das macht mich nervös und wühlt mich auf, ist es doch das allererste Mal, dass ich in so einer Situation bin. Wie werde ich mit ihnen zusammenleben können? Wie wird es überhaupt weitergehen?

Ich bin zuversichtlich. Optimistisch sehe ich in die Zukunft.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Helmut:
„Trotz Klosterexidus steuert das Christkind mein Leben weiter“
„Dass Gott gnädig ist, merkte ich bei der ersten weltlichen Weihnachtsfeier“

Elisabeth:
„Möge es so weitergehen!“
Gerti:
„Von Lebenseinschränkung zu neuen Fesseln“
Hannelore:
„Briefverkehr“
Bea:
„Vom Ordensbruder zum Familienvater“


Kommentare (autorisiert):
Anton:
"Du hast einiges erlebt, einige positive und leider auch negative Erfahrungen gemacht. Aber das Leben geht weiter!"
Hannelore:
"Schön wäre es, die vielen Geschichten aus Deinem Leben
einmal in einem zu lesen. Langsam bildet sich ein Gesamtbild
Deines Lebenslaufes heraus, ist das das Ziel Deiner Arbeit?"