Episoden aus meinem Leben

26. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

Es ist möglich, mit diesem Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter die früheren Splitter nachzulesen.
Unter dem folgenden Link zum Feedback auf diesen Splitter kommt Ihr direkt zum Feedback dieses Splitters.
Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at
Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.


Meine liebe Frau verreist nicht gerne, außer es handelt sich um eine Kreuzfahrt. Besonders Flüge mag sie nicht. Trotzdem frage ich sie, ob sie mich nicht doch einmal auf einer Flugreise in eines meiner Verkaufsgebiete begleiten wolle. Nach längerem Zögern knüpft sie ihre Zustimmung zu einer solchen Reisebegleitung an eine Bedingung: "Nur dann, wenn es sich um eine Hochzeit handelt." Sie hofft nämlich, dass eine solche Einladung seitens eines meiner Geschäftspartner nie erfolgen wird.

Wir schreiben 1993. Einer meiner ägyptischen Kunden heiratet und lädt meine Gattin und mich zu seiner Trauung nach Kairo ein. Wie froh bin ich doch, dass ich eine solche Vereinbarung, wie oben geschildert, getroffen habe. Also kann ich meine Ehepartnerin daran erinnern. Ich habe den Eindruck, sie hält sich nicht nur konsequent an ihr Versprechen, sondern tut es sogar gerne.

Für mich ist diese Flugreise reine Routine, für meine liebe Frau ungewohnt. Ich freue mich riesig, dass ich sozusagen gewonnen habe und von ihr begleitet werde, wenn das Vergnügen auch nur zwei Tage dauert, denn danach müssen wir uns wieder trennen.

Bereits am Flughafen in Kairo werden wir abgeholt. Dass eine weibliche Begleitperson extra zu unserer Betreuung abgestellt ist, finden wir besonders aufmerksam. Mit ihr können wir uns in Englisch unterhalten. So wird uns bewusst, welch spezielle Stellung wir Gäste aus dem fernen Ausland unter der großen Schar der übrigen Geladenen genießen. Im Hotel angekommen haben wir ausreichend Zeit, uns frisch zu machen. Meine vorausschauende Frau rät dazu, im italienischen Lokal des Hotels eine Kleinigkeit zu speisen. Sie glaubt nämlich zu wissen, dass es lange dauern kann, bis wir bei dem bevorstehenden Fest etwas zu essen bekommen. Hut ab!


Koptische_Kirche
koptische_Hochzeit
   

Zum vereinbarten Zeitpunkt werden wir von unserer umsichtigen Begleitperson zur Kirche geführt, in der die koptisch-orthodoxe Trauungszeremonie stattfindet. Bei unserem Eintreffen verblüffen uns die vielen bunten Teppiche, die uns bereits in der Zufahrt-Straße beim Aussteigen aus der Limousine empfangen und dann durch den Kirchhof bis zu unseren Ehren-Plätzen in der ersten Reihe geleiten. Wir fragen uns, ob das bei jeder Hochzeit oder nur bei Vermählungen betuchter Familien so wäre. Während wir zwei uns über diesen Umstand unterhalten, füllt sich die verhältnismäßig kleine Kirche immer mehr. Wir alle sind in froher Erwartung der bevorstehenden Feierlichkeiten und bestaunen dabei die extravagante Gewandung der anwesenden Gläubigen. Vor allem aber imponiert uns die Tatsache, dass alle so fröhlich lachen und miteinander plaudern. Bei dieser Gelegenheit bemerken wir, dass auch wir interessiert beobachtet werden. Ich bin nur im üblichen Business-Look, aber meine Gemahlin trägt zu ihrem eleganten Kleid einen breitkrempigen roten Hut. Ich weiß, dass da die Absicht dahintersteckt, in dieser Gesellschaft aufzufallen. Ich bin jedenfalls stolz auf das zauberhafte Wesen an meiner Seite. Andererseits freut es mich auch, dass sie bemerken kann, wie mich meine Kunden schätzen.

Der Termin für die Zeremonie ist längst vorbei und nicht nur wir fragen uns, wo denn die Brautleute blieben. Einige der Hochzeitsgäste gehen nach draußen und halten Ausschau. Erfolglos! Aus diesem Verhalten schließen wir, dass solche Verzögerungen nicht üblich sind, harren aber trotzdem aus, denn was hätten wir sonst auch tun können. Beschwingt erscheinen endlich die beiden Hauptpersonen. Ich schaue auf die Uhr. Zwei Stunden (!) sind seit dem vereinbarten Zeitpunkt verstrichen.

Die Zeremonie selber, an sich einer katholischen Trauung nicht unähnlich, ist uns eine willkommene Abwechslung. Wir können dabei mitverfolgen, wie sie gefilmt und vor der Kirche auf den zwei Großbildschirmen, die uns bereits bei unserer Ankunft aufgefallen sind, gezeigt wird.

Wir sind ziemlich überrascht, als wir am Ort der anschließenden Feier eintreffen. Es ist ein riesiger Ballsaal mit geschätzten 600 Plätzen. Wir zählen zu den ersten Festgästen und werden mit beschwingter "Zigeunermusik" empfangen.

Diesmal beginnt die Feier pünktlich. Der Saal ist voll mit Gästen. Ansprachen, von denen wir nichts verstehen, werden gehalten. Dann aber wird es locker und heiter. Das Brautpaar singt in der freigehaltenen Mitte des Ballsaals nach den lebenslustigen Klängen der Musik mehrere Lieder und schließt die Darbietung mit einem schwungvollen Tanz.

Dann setzen sich die Frischvermählten an einen Tisch und beider Lebenslauf wird in einer Diashow auf einer riesigen Leinwand vorgeführt. Davon verstehen wir aufgrund der Bilder etwas mehr.

Es ist Mitternacht, als wir nach dem Auftischen eines Festmahls für die Brautleute zum Buffet geladen werden. Zögerlich folge ich den "Hungrigen" als einer der Letzten und wähle vorsichtig aus. Meiner lieben Frau wird ein randvoller Teller serviert, von dem sie nur vorsichtig kostet. Anschließend geht auch sie interessehalber zum Saal, in dem das Buffet steht oder besser stand, weil nichts mehr da ist und nur mehr kärgliche Reste von Nachspeisen die riesigen Tische "bevölkern".

Noch bevor wir ins Hotel geführt werden, fragt der Bräutigam-Vater meine Gattin, ob wir am nächsten Tag mit ihnen Fish and Chips essen wollten. Nach einem Blick zu mir willigt sie etwas zögerlich ein.

Tags darauf werden wir vom Bräutigam höchstpersönlich abgeholt. Er führt uns zu einer Lokalität, die den Gärten bei unseren Heurigen mit Tischen und Bänken gleicht. Ganz unkompliziert wähle ich mein Mittagsmahl aus. Meine mir angetraute Frau ist heute bekleidet mit einem pinkfarbenen Blazer und zur Abwechslung geschmückt mit einem schwarzen breitkrempigen Hut, umwunden von einer Schleife in Pink. Sie achtet mehr darauf, bei meinem wichtigen ägyptischen Kunden einen guten Eindruck zu machen als hier beim Essen zuzugreifen. Nach mehreren drängenden Versuchen seitens unseres Gastgebers gibt sie nach und kostet von dem Angebotenen.

Zur Fahrt in unser Hotel haben wir den großen Boss und nicht mehr irgendeinen Angestellten zum Chauffeur. Das hält den Eigentümer dieser vielseitig tätigen reichen Handelsfirma nicht ab, mit mir eine Diskussion zu beginnen. Endlich hat er mich, den Geschäftspartner seines Sohnes, der in der Firma derzeit nur für Papier zuständig ist, an der Hand. Da ich nicht der Generaldirektor unseres Papierkonzerns bin, ist er davon überzeugt, mich mit schlauer und scharfzüngiger Argumentation in die Enge treiben zu können. Ich lasse mich nicht einschüchtern. Animiert durch seine direkte Art antworte ich ebenso brüsk, dass ich weder qualitätsmäßig noch am Sektor des Transports Zugeständnisse machen kann und schon gar nicht beim Preis. So bleibt alles beim Alten und auch sein Sohn ist betreffend seiner Verhandlungsführung rehabilitiert.

Meine Frau, die ich nicht mehr aus meinem Leben wegdenken kann und will, reist anderntags heim nach Wien, während ich zur nächsten Station meiner Geschäftsreise, Paphos in Zypern, aufbreche. Sie leidet beim Heimflug permanent unter den Folgen des "Genusses" eines ägyptischen Salats.

Nach längerem Überlegen scheint mir, sie hätte tatsächlich recht gehabt mit ihrer Zurückhaltung in Betreff auf Flugreisen mit mir. Sie muss nämlich die unliebsamen Flüge auf sich nehmen und darauf achten, was sie wann anzieht um mein Image zu stärken. Im aktuellen Fall muss sie zusätzlich mit mir ewig in der Kirche warten, hat keine Gelegenheit zum Sightseeing, muss sich in ihr ungewohntem Englisch unterhalten, muss ihre Essens-Gewohnheiten total verändern, die Allüren unseres Gastgebers aushalten und noch diesen unerfreulichen Abschluss ertragen. Wer Vorteile aus dieser Reise hat, das sind nur ich und vor allem die Firma Neusiedler.

Über eines allerdings freut sie sich. Sie erfährt aus berufenem Munde, dass die hartnäckige Weigerung einer Frau, angebotenes Essen anzunehmen, exakt den kultivierten arabischen Verhaltensmaßregeln entspricht.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Bea + Hannelore:
„Andere Länder, andere Sitten“
Helmut:
„Wenn Biechls eine Reise tun ...“
Erika:
„Mein aufregendes Leben - mit oder ohne Frau“
Gerti:
„Wenn einer eine Reise tut, kann er viel erzählen“
„Bleibe im Lande, ernähre dich 'europäisch', dann ersparst du dir Montezumas Rache“

Kommentare (autorisiert):