Episoden aus meinem Leben

27. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Bundesgymnasium_Innsbruck
Serviten Kloster_Innsbruck
Bundesgymnasium und
1. Bundesrealgymnasium in Innsbruck
Wappen der Diener Mariens Servitenkloster in Innsbruck

Mit meinen Kollegen besuche ich das Bundesgymnasium und 1. Bundesrealgymnasium in Innsbruck. Mein Wohnsitz ist das Internat der Serviten in der Maria-Theresien-Straße. Schule und Wohnstätte ergänzen sich und beide sind unentbehrlich für meine Ausbildung. In der Schule steht das Wissen bereit, das mich für den Eintritt in eine Hochschule berechtigt. Die kirchliche Instanz hingegen ist die grundsätzliche Voraussetzung dafür, dass ich ein Gymnasium besuchen kann. Meine Mutter hätte mir das nie finanzieren können.

Im Juvenat, wie dieses Internat im Jargon des Ordens der Diener Mariens auf Lateinisch heißt, werden ich und meine Kollegen neben dem täglichen Besuch der Frühmesse dazu angehalten, möglichst viel Zeit im Studiersaal zu verbringen und sportliche Aktivitäten wie Basket- und Fussball im Klosterhof auszuüben. Tätigkeiten, die außerhalb der Klostermauern zu erledigen sind, bedürfen einer speziellen Erlaubnis, außer sie stehen im Zusammenhang mit dem Schulbesuch.

Unter solchen Voraussetzungen verhalten wir uns bemerkenswert aufgeschlossen. Ich engagiere mich beispielsweise beim Jugendrotkreuz und beteilige mich an dessen Hilfsaktionen. Für die Beladung mit Kleidungsstücken und anderen Gebrauchsgegenständen fertige ich zusammen mit dem Bruder unseres Pater Präfekten in der klostereigenen Tischlerei Kisten für den Versand nach Afrika an. Ich organisiere auch die vierzehntägige Zustellung von Coca Cola für meine Kollegen und mich in das Internat. Dieses befindet sich im streng abgegrenzten Bereich der klösterlichen Klausur, den keine Frau betreten darf. Das ist aber kein Hindernis für solche Lieferungen, weil diese ausschließlich von Männern durchgeführt werden.

Beschäftigungen innerhalb der geschlossenen Mauern sind sozusagen "zollfrei". Voll Interesse nutze ich diese Möglichkeit, um mich an einem bundesweiten Aufsatz-Wettbewerb für die Altersklasse, zu der ich mit meinen 15 Jahren gehöre, zu beteiligen. Der Aufsatz wird mit 24 auf der Schreibmaschine getippten Seiten zwar lang, aber die Vielzahl von Ideen, die ich vermitteln will, verlangt das.

Das Thema darf frei gewählt werden. Ich schreibe über eine Wochenschrift, weil ich ohnehin durch die Herausgabe eines Jugend-Blattes mit dem Themenkreis befasst bin und so die Details für künftige Aktivitäten durchspielen möchte. Mit Feuereifer schildere ich den geplanten Inhalt, den vorgesehenen Titel, das Layout und die rubrikenmäßige Struktur. Nach dem endgültigen Abschluss bin ich vom Wert meiner Arbeit überzeugt und wirklich stolz darauf. Selbstbewusst schicke ich also mein Elaborat an die zuständige Stelle im Unterrichtsministerium.

Nach Monaten des Wartens habe ich meine Beteiligung an dieser Aktion beinahe vergessen. Im Normalfall erhalte ich nur sehr wenige Briefe. Umso mehr fällt mir der Brief vom Unterrichtsministerium auf. Ich werde als Preisträger dazu eingeladen, zusammen mit anderen eine Österreichrundfahrt zu machen. Dieser Preis war bereits bei der Ausschreibung angekündigt, aber von mir nicht weiter beachtet worden. Tatsächlich ist mir die Anerkennung für meine Arbeit viel wichtiger. Teilnehmen möchte ich an dieser Fahrt schon. Es gelingt mir auch, mich dafür von allen anderen Verpflichtungen freizuschaufeln, und ich reise nach Wien zum Treffpunkt im Ringturm.

Ringturm_Wien
links: Ringturm in Wien      

Wedenig

Ferdinand Wedenig,
Landeshauptmann
von Kärnten

Einer der Kollegen - wir kennen einander ja noch nicht - bedankt sich für die Lobrede an unsere 15-köpfige Gruppe. Er ist dabei sehr aufgeregt und will diese Aufgabe bei künftigen Anlässen abgeben. Meinem beherzten Angebot, diesen Part zu übernehmen, können alle Beteiligten neidlos zuzustimmen.

Etwas weniger schneidig sehen mich die Mädchen, die bei uns in der Überzahl sind. An solche Situationen bin ich nicht gewohnt. Im Kloster haben wir eine 100%-ige, in meiner Schulklasse eine 86%-ige Männer-Quote. Einzelne Mädchen verwickeln mich in Gespräche und erhoffen sich von diesem Draufgänger entsprechend couragierte Reaktionen. Ich erwidere zunächst "schaumgebremst", werde aber bald lockerer, speziell als es sich um die Arbeiten handelt, aufgrund derer wir zu Preisträgern gekürt wurden. Erst jetzt wird mir bewusst, dass nicht nur Aufsätze sondern unabhängig davon auch Gemälde bei diesem Wettbewerb eingereicht werden konnten.

Diese Österreichrundfahrt führt uns über St. Pölten, Linz, Salzburg, Innsbruck, Bregenz, Klagenfurt, Graz und Eisenstadt zurück nach Wien. In all diesen Städten werden wir von Politikern, in Klagenfurt sogar von Landeshauptmann Wedenig geehrt. Ich habe also genug zu tun, den Dank unserer Gruppe von Preisträgern diesen Honoratioren in Form von kurzen Ansprachen zu vermitteln, sodass ich auch dabei immer routinierter werde.

Als wir uns in Wien, der letzten Station unserer Busreise, voneinander verabschieden, vereinbaren die meisten von uns, auch weiterhin in Kontakt zu bleiben. Zurückgekehrt in die klösterlichen Gefilde gibt man mir jedoch zu verstehen, dass Korrespondenz mit Mädchen nicht gern gesehen wird, was einem impliziten Verbot gleichkommt.

Als Gegenmaßnahme dazu - so sehe zumindest ich es - wird uns die Regel auferlegt, beim Aushang der Tiroler Tageszeitung auf unserem Schulweg vorbeizugehen, ohne darin zu lesen. Diese Anordnung animiert mich dazu, gerade das zu tun, wenn ich unbeobachtet bin. Tatsächlich kann ich es mir nicht verkneifen, zumindest dem Sportteil für mich interessante Informationen zu entnehmen. Prinzipiell jedoch beachte ich alle vorgegebenen Regeln. Ich möchte nämlich schon deswegen die klösterliche Laufbahn einschlagen, weil sie uns von unseren Vorgesetzten mustergültig vorgelebt wird. Zum Beispiel verhalten auch sie sich sehr vorsichtig beim Lesen von aktuellen Neuigkeiten.

Eines aber kann ich in die Tat umsetzen, ohne bestehenden Regeln zuwiderzuhandeln, weil sie nämlich in diesem speziellen Bereich gar nicht existieren. - Derzeit sind bei den Mädchen und Frauen unifarbene Strumpfhosen in grellem Rot, Grün oder Blau Mode. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, zu zählen, wievielen dieser Strumpfhosen ich auf meinem Weg in die Schule in der Angerzellgasse begegne. Es sind im Schnitt 10 bis 18. Irgendwie ist das ein Ausgleich für alles das, was mir meiner Meinung nach unnötigerweise verboten ist.




kostenfrei

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Titel-Tipps:
Leopold:
„Rhetorikperfektion auf Österreichrundfahrt“
WW:
„Strumpfhosen!“
Fritz:
„Der Strumpfhosen-Egon“
Helmut:
„Aufsätze schreiben JA, Briefe an Mädchen NEIN!“
Hannelore:
„Bildung ist wichtig, Mädchen sind wichtiger“
„..was kann wichtiger sein als….“
„Pubertät und sonstige Befindlichkeiten“

Kommentare (autorisiert):
Leopold:
„Ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen Ihrer Splitter erhalte. Ganz besonders auch deshalb, weil wir vorher nicht wissen, welches Thema Sie als nächstes behandeln. Dafür herzlichen Dank.“
Klaus:
„Wieder eine sehr liebenswerte Geschichte. Ich fühle mich ein wenig an Don Camillo erinnert. Außerhalb der Klostermauern hast Du Dich scheinbar sehr wohl gefühlt. - Da waren ja auch die Mädchen......“