Episoden aus meinem Leben

30. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Familien-Pokal
Geburtstag

Ich bin fünfzig und lebe seit 3 Jahren in wilder Ehe mit meinem Herzblatt zusammen. Meine Auserwählte hat neben ihren Eltern sechs Geschwister samt Anhang als Familie. Ich bin in absoluter Minderzahl, was den Anhang betrifft.

Im Hintergrund schwelt in der Familie meiner Angebeteten eine Meinungsverschiedenheit. Es geht darum, ob ich in den Kreis jener aufgenommen werde, die zu ihrem fünfzigsten Geburtstag den Familienpokal erhalten dürfen. Wir sind noch nicht formal verheiratet. In dieser Familie ist es jedoch üblich, die jeweiligen Partnerinnen oder Partner als ordentliches Familienmitglied willkommen zu heißen. Es entsteht eine Diskussion, ob das auch für den Familienwanderpokal gelten darf. Unterstützt vom ältesten Sohn meiner Partnerin behält der liberale Zweig die Oberhand, obwohl ich nur der Lebenspartner und nicht der Ehemann eines Familienmitglieds bin. Ich werde also in den Kreis der Erlesenen aufgenommen, deren Namen in den Sockel des Pokals eingraviert wird.

Der Frau, die mir ans Herz gewachsen ist, fällt es daher um einiges leichter, ihre ganze Familie zu meinem runden Geburtstag zu uns einzuladen. Viele nehmen diese Einladung an. Vielleicht ist ein bisschen Neugier im Spiel, ob ich mich in die Familie eingliedern könne und ob ich es tatsächlich wert sei.

Ich freue mich und bin begeistert ob der unkomplizierten Aufnahme in den Familienkreis. Freilich läuft es dann doch nicht so reibungslos ab, wie mir ursprünglich vermittelt wurde. Eine meiner künftigen Schwägerinnen ist mir zwar durchaus wohl gesonnen, wie ich ihrer Begrüßung entnehme, aber da gibt es ein Problem. Mir erscheint es klein. Ihr mag es umso größer vorkommen, da sie die Betroffene ist. Sie ist nämlich seit 29, in Worten neunundzwanzig Jahren Mitglied der Familie, aber nur drei Wochen älter als ich. Sie hat daher den Pokal erst vor drei Wochen erhalten.

Was wir alle und besonders ich als Auszeichnung empfinden, das verbleibt ihr jetzt bloß drei Wochen, während ich die Aussicht auf zweijährige plus zweitägige Verfügungsgewalt habe. Ich begreife, dass eine solche Verkürzung dieser Periode durch einen neu Hinzugekommenen auf drei Wochen schwer zu ertragen, ja unzumutbar ist. "Du schnappst mir meinen Pokal weg! Nicht einmal meine Brüder haben ihn gesehen!", hält sie mir entgegen. Ich nehme es mit großem Bedauern zur Kenntnis, aber ändern kann und will ich es nicht. Ich freue mich so sehr darüber, von dieser Familie formal bestätigt zu werden. Das Einzige, was ich oder besser gesagt wir zur Deeskalation beitragen können, besteht darin, dass wir sie zusammen mit ihren Brüdern zu uns einladen.

Insgeheim habe ich mir vorgenommen, mich der Familie ausführlich vorzustellen. Nach ein paar Schritten im Hausflur, um meine Sammlung zu gewinnen, stelle ich mich in eine Ecke unseres Wohnzimmers, weil das der zentralste Punkt inmitten der Familiengemeinschaft ist und ersuche mit lauter Stimme um allgemeine Aufmerksamkeit. Ich beginne, alle Eckpunkte meines Lebens zu schildern. Die Themen meiner Ausführungen sind meine Kindheit mit Scheidung der Eltern, die Jugend im Internat, das Studium der Philosophie und Theologie, der Austritt aus dem Kloster, die Geburt meiner Tochter aus erster Ehe und das Kennenlernen meines Idols, der Schlüsselfigur, die mir den Kontakt zu allen Anwesenden ermöglicht hat.

Alle sind verblüfft über die umfassende Schilderung meiner Vergangenheit, vor allem meine Geliebte, die ich vorher nicht eingeweiht hatte. Die Tochter meiner so benachteiligten Vorgängerin beim beschlossenen Familienritual bedankt sich und meint sogar: "Jetzt weiß ich von Dir mehr als von jedem anderen Familienmitglied!"

Der Pokal kehrt im Rahmen einer beschwingten Festlichkeit anläßlich des fünfzigsten Geburtstags meiner Liebsten, die ich jetzt meine Gattin nennen darf, wieder in unsere Wohnung zurück. Hier wird er zu unserer Freude sieben lange Jahre bleiben. Die temperamentvolle Frau, von der ich damals den Pokal überreicht bekam, ist jetzt tatsächlich meine Schwägerin. Heute lachen wir gemeinsam über die Begebenheit von damals.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Lotte:
„Der Pokal“
Rica:
„Der Wanderpokal“
Gerti:
„Der unglaubliche Geburtstags-Wanderpokal“
Brigitte:
„Unglaubliche Familienrituale“
„Je größer die Familie, desto größer der (Feier-)Stress“

Kommentare (autorisiert):
Klaus:
„Die Geschichte wird durch die Art der Erzählung sehr lebendig. Ich habe das Gefühl bekommen, solche Situationen zu kennen, obwohl die Geschichte mit mir nichts zu tun hat. Ich bin sozusagen in die Haut des Erzählers geschlüpft und habe die Möglichkeit bekommen, die Welt mit deinen Augen und mit deiner Fähigkeit zur Leichtigkeit zu betrachten.“
Lotte:
„Das ist eine sehr liebe Geschichte und man möchte in diese Familie aufgenommen sein.“
Brigitte:
„Für den Außenstehenden unglaublich, unbegreiflich und die tiefgreifende Wichtigkeit nicht nachvollziehbar - für die betroffene Familie wie man sieht unverzichtbar und sehr wichtig. Wunderbar!“