Episoden aus meinem Leben

31. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel

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Buette
Geburtstag

Oft bin ich mit meinen Kunden aus fernen bis exotischen Ländern in unserer Papierfabrik in Ulmerfeld-Hausmening und lasse anlässlich ihrer Besuche vom Portier die Flagge des entsprechenden Landes aufziehen. Das heißt, dass neben der österreichischen Fahne manchmal die israelische, die griechische, die ägyptische, die türkische Flagge weht. Manche Fahnen, wie beispielsweise die saudiarabische oder syrische sind leider nicht verfügbar. Je mehr Mühe ich meinen Kollegen in der Fabrik bereite, desto bekannter bin ich dort. Im Gästehaus muss ich die Belegschaft nicht nur über die Anzahl der Gäste informieren, sondern oft auch über die unterschiedlichen Ansprüche ans Essen. Zum Beispiel wollen Italiener viel Weißbrot zum Mittagsmahl. Gäste aus islamischen Ländern hingegen müssen ihre religiösen Vorschriften beachten. Mit anderen Worten: ich bin dort bekannt wie ein bunter Hund. Beliebt bin ich wegen meiner freundlichen Art.

Ich bemerke, dass ich den Respekt der Mitarbeiter in der Fabrik, mit denen ich bei meinen Fabriksbesichtigungen Kontakt habe, genieße. Das trifft nicht nur auf meine Kolleginnen im Gästehaus, sondern auch auf die Verantwortlichen aus Produktion, Ausrüstung und Planung zu. Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. Das macht mich selbstsicher. Ich traue mich also meine Meinung zu sagen und auch hartnäckig zu vertreten.

Aufgefallen ist mir bei so einem Rundgang, dass fertiges Papier wieder in den Zellulose-Brei eingetragen wird, erneut auf der Papiermaschine landet und nicht den normalen Weg zu den einzelnen Ausrüstungsstraßen (Dort wird das Papier zu großen Rollen oder Formaten, geeignet für den Offsetdruck, oder zu Kleinformaten wie A4 und A3 für Kopiergeräte und Laserdrucker geschnitten und verpackt.) nimmt. Das ist und bleibt mir unverständlich, weil ich nur die Auskunft erhalte, dass das seit jeher aus Gründen verlässlich hoher Qualität so gemacht wird. Mich ärgert das und ich nehme mir fix vor, bei nächster Gelegenheit dieses Thema zur Sprache zu bringen.

Als Referatsleiter decke ich den Export an 130 Kunden in 22 Ländern ab. Das sind Nationen zwischen Marokko und Iran, in denen keine hohen Erlöse zu erwirtschaften sind. Der Preis muss ja auch die hohen Transportkosten für die Lieferung in diese weit entfernten Regionen abdecken. Im Kaufpreis müssen auch die Zollspesen und die Auslagen für gesicherte Zahlungskonditionen enthalten sein. Das ergibt einen eindeutigen Nachteil gegenüber Lieferungen in das europäische Ausland. Auf diese Weise können meine fünf Kollegen im Export locker den Mehrpreis für erstklassige Qualität erzielen. Im Bewusstsein dieser Situation, die offensichtlich nicht zu ändern ist, füge ich mich gerne in dieses Netzwerk ein. Unser gemeinsamer Einsatz für den Erfolg der Firma kittet uns zusammen.

Heute ist einer der monatlichen Termine für die Besprechung zwischen Verkauf und Produktionsplanung, zu der der Direktor und Leiter der Produktionsplanung nach Wien kommt. Wir haben schon einige Gespräche geführt und finden einander sehr sympathisch. Trotz unserem gemeinsamen Interesse am Wohlergehen unseres Unternehmens sind gegenseitiges Verständnis und Koordination oft nicht einfach. Aber es gelingt uns fast immer, einen vertretbaren Kompromiss für alle Seiten zu finden. Das trifft auch dann zu, wenn sich die Produktions-Prognosen pro Papiermaschine und Ausrüstung-Aggregat vom Bedarf des Verkaufs unterscheiden. Auch heute tauchen diese Widersprüche wieder auf. Wie immer bin ich mit meinem Referat der erste, der die Ansprüche auf ausreichende Menge drosseln soll, weil diese exotischen Länder ohnehin nur deshalb beliefert werden, um den zeitweisen Produktionsüberschuss auszugleichen.

Nun ist die Gelegenheit und der geeignete Zeitpunkt, um das Thema Recycling verkaufsfähigen Papiers anzusprechen. Daher stelle ich jetzt dem Herrn Direktor und Leiter der Produktionsplanung die Frage: "Warum wird fertiges Papier nicht ausgerüstet, sondern erneut dem Kreislauf hinzugefügt, der es noch einmal über die Papiermaschine laufen lässt?" Wie aus der Pistole geschossen kommt die empörte Antwort: "Dieses Papier ist zwar verwendbar, entspricht aber nicht unseren Qualitätsstandards, für die wir bekannt sind. Unsere unumstrittene Qualität ist die Garantie, dass unsere Kunden weiterhin bei uns einkaufen! Ganz sicher werden wir von dieser jahrzehntelangen Praxis nicht ablassen!" Angeregt durch die durchgeklungene Entrüstung erhebe auch ich meine Stimme und versuche, meinen Standpunkt darzulegen. "Ich betreue Märkte, die unser Papier nicht kaufen können, weil es zu teuer ist. Dort stehen unsere Kunden in Konkurrenz zu Firmen, die Erzeugnisse anderer europäischer Hersteller zu einem niedrigeren Preis beziehen. Wieso können wir da nicht mithalten?" - Er: "Die achten eben nicht so auf erstklassige Qualität, wie wir es tun." - Und ich: "Ich sehe das für die europäischen Länder, in denen viel höhere Ansprüche gelten, durchaus ein. Aber für Märkte, denen solche Qualität nicht so wichtig ist, sollte man überlegen, dieses Papier, von dem mir gesagt wurde, dass es funktionstüchtig für den Einsatzzweck ist, zu verkaufen! Außerdem schrecke ich nicht davor zurück, es ganz offiziell als zweite Qualität zu deklarieren." Ich füge meiner Stellungnahme noch hinzu, dass es dabei einen doppelten Vorteil gibt: Geld für bisher Unverkauftes und mehr Menge für Qualitätsbewusste.

Nach eingehender Diskussion trennen wir uns mit der Zusage des Leiters der Produktionsplanung, er werde sich meine Argumente überlegen und mit den Entscheidungsträgern besprechen.

Schon nach kurzer Zeit liefert mein Referat ein Drittel der Menge in zweiter Qualität.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
G + Antal:
„Ein Mann mit mehreren Qualitäten“
Helmut:
„Weniger kann auch mehr sein!“
Adalbert:
„2. Wahl“
Bea:
„Bekannt und beliebt - der bunte Hund traut sich was“
„Bunter Hund - gewusst wie“
„Bunte Hunde sind bekannt ... und gefürchtet“
„Bunte Hunde sind bekannt ... und beliebt“
„2. Wahl - gewusst wie“
„Qualität trotz Effizienzsteigerung“

WW:
"Wer immer strebend sich bemüht, (den können wir erlösen.)"
Faust II, Bergschluchten, Vers(e) 11936 (-11937)
Gerti:
"Papierverkäufer erster Wahl"
Hannelore:
"Mit zweierlei Maß gemessen"

Kommentare (autorisiert):
Adalbert:
„Es wäre echt schade wenn die Einführung der 2. Qualität nicht geklappt hätte…“
Antal:
„Ich werde das an die u.a. für Übersee zuständige Sales Managerin bei einer Kartonfabrik weiterleiten – sie kennt diese Nöte nur allzu gut!“