Episoden aus meinem Leben

32. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Hilde_Hofherr
Hilde Hofherr
SchiMeine Schi

In Lermoos haben wir keine Verwandten. Meine Mutter braucht also 1954 für meine Firmung im Nachbarort Ehrwald jemanden, der ihr diesen Gefallen tut und dem es nichts ausmacht, dass ihm so etwas in Form eines Firmungs-Geschenkes auch etwas kostet. Als einzigen Ehrenmann solcher Art erkennt sie den Schuster in unserer Nachbarschaft. Ihm bringt sie manchmal vertrauensvoll unsere Schuhe zur Reparatur. Sie ist zwar ziemlich gehemmt, traut sich dann aber doch, an ihn diese Bitte zu richten. Sehr freundlich sagt der umgehend zu. Allerdings informiert er sie, dass seine Tochter bei der Zeremonie die Firmpatin sein wird. Mir gefällt das noch besser, handelt sich dabei doch um die bekannte Schi-Rennläuferin Hilde Hofherr.

Sie ist gleichzeitig die Firmpatin ihrer Nichte, der zum aktuellen Zeitpunkt von mir Angebeteten. Bei der Fahrt zur Firmung im Nachbarort ergibt sich außer dem Sitzen zu viert im Fond des VW-Käfers erwartungsgemäß nichts Außergewöhnliches. Immerhin darf ich dicht gedrängt neben meinem Schwarm sitzen.

Beim Enthusiasmus meiner Firmpatin für den Schisport ist es nicht verwunderlich, dass ich in ihre Fusstapfen treten will und mich daher ernsthaft für's Schifahren interessiere. Ich halte mit diesem Wunsch nicht hinter dem Berg. So schenkt mir ihr Vater ein abgenutztes Paar Schi, das er in seiner Jugend verwendet hatte. Als Vorkriegsmodell verfügt es leider nicht über die jetzt üblichen Stahlkanten.

Das schmälert meine Freude jedoch nicht wirklich, geht doch der Stern meiner Firmpatin immer weiter auf. Hilde Hofherr wird knapp nach der Firmungs-Zeremonie Zweite in der FIS-Abfahrt um den Goldenen Schild vom Wallberg in Rottach Egern.

Umso mehr bin ich animiert zu trainieren. Mein Eifer ist wie immer zur Genüge vorhanden, aber kein Schilehrer. Ich schaue mir das Schifahren von den Engländern und Holländern ab, die das Metier genau so wenig beherrschen. Ab und zu necken mich deshalb meine Schulkollegen. Einmal animieren sie mich sogar, vier Tore im Stil eines Slalomfahrers zu nehmen. Ich schaffe nicht einmal zwei und nehme zur Kenntnis, dass Slalom nicht zu meinen bevorzugten Sportarten gehört. Es verläuft hier ganz ähnlich wie beim Singen. Eine Lehrerin bemerkt meinen anfänglichen Misserfolg, beanstandet mich und lässt mich damit für immer verstummen.
Bis heute kann ich weder singen noch Slalom fahren.

Die Diskrepanz zwischen den weltbewegenden Erfolgen meines Vorbilds und meinen bescheidenen Kenntnissen wird immer größer. Hofherr gelingt der Durchbruch, als sie in der Saison 1954/1955 mit Abfahrt, Slalom und Kombination von Rottach-Egern ihre ersten Siege feiert. Riesenslaloms gewinnt sie an anderen Plätzen.

Ich tobe mich beim Stemmbogen-Fahren aus, das bei mir verhältnismäßig rasch in die Senkrechte wechselt. Das führt mich dann umso leichter an den Rand der Schneefahrbahn, der nicht pistenmäßig präpariert ist. Es ist tatsächlich kein Wunder, dass mir die Kanten, die auf meinen Schiern fehlen, abgehen. Mir fehlt neben meinem Können einfach auch das Werkzeug, um "Randsteine" oder Zäune zu vermeiden.

Meine Firmpatin wird inzwischen Österreichische Meisterin in Abfahrt und Riesenslalom und 1956 Vierte in der Abfahrt bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d'Ampezzo.

Währenddessen bricht mir bei einem ungewollten Zusammenstoß mit der Pistenbegrenzung mein rechter Schi. Schi kaputt, Mutter arm, Bub zur Strafe daheim bei Hausarbeit. Doch nein, meine Mutti - ich nenne sie selten, eigentlich nie so - findet heraus, wie und wo man gebrochene Schier richten lassen kann, kratzt ein paar Schillinge zusammen und versetzt mich in die Lage, meinen Schi bei einem Tischler schäften zu lassen. Dabei werden beide Teile des Schies mit fachmännischem Geschick aneinandergefügt, verklebt, gepresst und als repariert wieder zur Verfügung gestellt. Was will man mehr? Vor allem: was will ich mehr? Ja, dass er nicht mehr bricht! Er tut es auch nicht. Diesmal ist es der Linke. Jetzt kenne ich die Prozedur schon, aber der Canossa-Gang zu meiner Mutter bleibt mir nicht erspart. Willig setze ich mich den verbalen Angriffen aus. Wichtig ist nur, dass auch dieser Schi geschäftet wird. Jetzt können sich die beiden Leidensgefährten nichts mehr vorwerfen.

1960 wird Hilde Hofherr Fünfte im Slalom bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley.

1969, im Erwerbsalter angekommen - die Klosterzeit war für mich keine Zeit zum Schifahren - kaufe ich mir gebrauchte Schier mit Stahlkanten, passende Schischuhe ganz neu und ebenfalls neu einen Anorak. Ich kann deswegen nicht - wie einst erträumt - in die Fussstapfen meines Idols treten, aber ich bin zumindest dem Unbill der Piste nicht ganz so wehrlos ausgeliefert.

Beim Anpassen der Bindung erstaunt sich der Experte, ich hätte "Zehner-Knie". Bis heute weiß ich nicht, was er mir damit sagen wollte. - Wer weiß, was das bedeutet?



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Antal:
„Hofherrliche Protektion macht noch keinen Egon Sailer“
Gerti:
„Egon, Meister des Lebensslaloms “
Lotte:
„Egon, der Schifahrer“
Helmut:
„Nur weil ich Einstein kenne, bin ich kein besserer Physiker!“
„Tiroler Traditionstragödie: Schi ab!“

Kommentare (autorisiert):
Lotte:
„Was ein Zehnerknie ist, ist mir unbekannt, aber vielleicht so etwas wie die Schranzhocke. Das heißt du warst ein Schussfahrer!“
Helmut:
„Kenne das, weil ich die gleichen Schi fuhr, später erst Kanten – Schi-Eigentümer Vater. - Bin mit Neffen von Hilde Hofherr befreundet.“
„Zum Zehnerknie: es ist nach einem Dr. Zehner benannt, der eine Knieprothese entgegen aller Versprechungen schlecht eingesetzt hat.“
Gerti:
Nur Slalom zwischen den Stangen im Schnee zu fahren ist zwar nett, doch innerhalb der Tore des Lebens - und das waren mehr als zwei - zu bleiben, das ist Erfolg!“