Episoden aus meinem Leben

33. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ford_Galaxy
Ford Galaxy
EpilepsieVerwirrung

Ich blicke auf ein relativ langes und erfülltes Leben zurück, auch auf ein Leben als versierter und begeisterter Autofahrer mit Einstieg übers Motorrad, was nicht unwesentlich zu meiner rasanten Fahrweise beigetragen hat. Mit meinen 72 Jahren kann ich mir vorstellen, noch lange in gleicher Weise dynamisch, mobil und motorisiert zu sein.
Meine geliebte Frau und zugleich mein Alter Ego, mein zweites Ich, sieht das etwas problematisch, weil sie die verminderte Konzentrationsfähigkeit ihres eigenen, älter werdenden Vaters beim Autofahren vor Augen hat.

Heute habe ich einen Termin auswärts, bei dem ich gar nicht auf die Idee komme, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Ich fahre zu meiner hoch geschätzten Zahnärztin, um mich von einem kläglichen Relikt eines Zahnes befreien zu lassen.

Die Betäubungsspritzen machen die Prozedur zu einem Unterfangen, bei dem es nur darauf ankommt, still zu halten, bis die letzten Reste des Zahnes gefunden und entfernt sind. Von Schmerzen keine Rede! Entsprechend erleichtert mache ich mich auf den Heimweg, wobei ich die Anweisung, ich dürfe nicht selber Auto fahren, nicht einmal in mein Bewusstsein dringen lasse.

Ich nehme also mit unserem Ford Galaxy Kurs heimwärts und bin schon fast zuhause. Plötzlich verschwimmt alles. Als ich meine Umgebung wieder wahrnehme, bemerke ich mit Erstaunen, dass ich mich offensichtlich schlampig am Rand de Schanzstraße eingeparkt habe, aber unmittelbar nach und nicht bei der Abzweigung zu unserer Garage.

Automatisch, aber vollkommen benommen, starte ich mein Auto, ohne nach links, rechts oder gar rückwärts zu blicken. Ich fahre aus der Parklücke und nehme jetzt eben die nächste Querstraße, um zur Garage zurückzufahren. Ich schaffe es, das Garagentür zu öffnen und in das zweite Untergeschoß hinunterzufahren. In meiner Trance irritiert mich nicht einmal sehr, dass ich zweimal an einer Trennwand in der Garage unseres Wohnhauses anecke.

Am Stellplatz angekommen betrachte ich die Folgen der Karambolagen und überlege, wie ich die Karosserieschäden und den „Patschen“ links vorne wieder instandsetzen könne. Ich fahre mit dem Aufzug in die Wohnung und sage zu meiner Frau niedergeschlagen und halb abwesend: „Das Auto ist links leer.“ Immerhin kann ich vermitteln, dass ich einen Unfall hatte. Meine Frau ist entsetzt und schiebt das Abartige meiner Aussage auf meinen durch den Unfall erlittenen Schock zurück. Ich verwende nämlich bei meinem erklärenden Gestammel phasenweise auch italienische Worte. Sie begutachtet den Schaden am Automobil und kehrt daraufhin fassungslos zurück. Sie fragt mich eindringlich, wie das passiert wäre. Mir fällt darauf keine passende Antwort ein, ich schweige also.

Kurz darauf läutet es an der Wohnungstür, die Polizei steht vor der Tür, ein Mann und eine Frau (ein Freund und Helfer samt Helferin). Sie fragen bei mir nach, ob meine Frau, die offizielle Fahrzeughalterin vom PKW mit Kennzeichen soundso, hier wohne beziehungsweise gerade damit unterwegs gewesen wäre. Ich bejahe das eine, verweise aber darauf, dass gerade ich mit diesem Auto gefahren wäre. So schnell kann ich gar nicht schauen – besonders nicht in dieser Situation – und schon blase ich in ein Röhrchen, wozu mir „Alkotest“ einfällt. Beim Ergebnis „negativ“ entkommt mir ein hämisches Grinsen. Das „Sich-Hämisch-Gebärden“ ist flugs vorbei, als die Polizistin meine Frau und mich davon informiert, dass ein Nachbar angezeigt hätte, unser Auto hätte sechs Personenkraftwagen angefahren und erheblich beschädigt.

Wie ein Scheunentor öffnet sich mir im Nu die Erkenntnis, was vor meinem Auspark-Manöver passiert ist. Offensichtlich habe ich bei voller Fahrt das Bewusstsein verloren und bin in diesem Zustand geradeaus weitergefahren und habe Spuren in Form von Trümmern hinterlassen. Geschockt, beunruhigt und irritiert zeige ich den mittlerweile vier Wachmännern und -frauen das Wrack meines Vehikels und eine der Stellen, wo ich in der Garage angefahren bin. Ich beteuere, die mir angeschuldigte Fahrerflucht nicht wissentlich begangen zu haben und ernte erneut Vorwürfe in dieser Richtung. Trotzdem bleibe ich ruhig und unbeteiligt. Ich kann mich nämlich nicht wehren und sehe auch keine Veranlassung dafür. Ich befinde mich in einem Zustand der Resignation.

Meine liebe Frau ist äußerst schockiert und vermutet – wie sie mir später erzählt – einen Schlaganfall. Sie ruft ein Taxi und bringt mich in die Notaufnahme ins nächste Krankenhaus. Dort stellt sich - nicht zuletzt wegen meiner Verwirrtheit, verbunden mit Wort-Findungs-Störungen - tatsächlich heraus, dass ich "nur" einen epileptischen und keinen Schlaganfall hatte. Ich bekomme all das gar nicht mit.

Aber meiner Frau und sogar mir selbst wird klar und immer deutlicher, dass ich bei all dem Schlamassel kolossal froh sein muss, nicht an einem belebten Knotenpunkt ein Blutbad angerichtet zu haben.

Zuhause erkläre ich, das Großmaul, meiner Frau, dass das Problem, mit dem Autofahren nicht rechtzeitig aufhören zu können, jetzt ja gelöst wäre. - Dass sie jetzt keinen Ford Galaxy mehr hat, mache ich nicht zum Thema.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Helmut:
„Und so war der Ford fort!“
Hannelore:
„Fassungslos“
Ursula:
„Ein Schuss vor den Bug?“
Brigitte:
„Glück im Unglück“
„Trotz Unglück noch viel Glück“
„Alle verfügbaren Schutzengel im Einsatz“
„Alle verfügbaren Schutzengel Gewehr bei Fuß“
Bea:
„Glück im Unglück“
„Glück gehabt “
„Zahnarztbesuch mit Blechschaden“
Gerti:
„Besser Ford kaputt und Egon ganz“
Lotte:
„Wieviel Herzblut hängt an einem Auto?“


Kommentare (autorisiert):
Hannelore:
„Das war bis jetzt die traurigste Geschichte"
Ursula:
„Was hast Du für ein Glück gehabt!"
Toni:
„Deine Gschichtln sind sowohl poetisch theatralisch als auch prickelnd spannend."
Gerti:
„Wie man sieht, lebt es sich auch ohne Auto."
Brigitte:
„Es rinnt einem eiskalt über den Rücken bei der Vorstellung, wie das alles noch schrecklicher hätte stattfinden können. Um so froher bin ich, dass wir dich heute so lebendig und humorvoll erleben können und im Nachhinein - mit Ausblick auf ein "relatives happy end" - einen äußerst spannenden und erschütternden Splitter konsumiert haben."
Catriel:
„Zum Kuckuck mit dem Blechschaden. Bin überglücklich, dass du heil "overlived" hast, wie sich ein Interviewer zu meiner Odysse durchs Leben ausgedrückt hat."