Episoden aus meinem Leben

35. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Liebespaar

Wir machen Flitterwochen. Im Jahr 1990 sind wir zwar noch nicht verheiratet, aber was kümmert’s uns. Wir feiern unseren Honeymoon.

Zugegeben, wir beide sind, aufgehalten durch unsere ersten Ehen, nicht mehr die Jüngsten. Der Altersunterschied zwischen uns beiden beträgt sechs Jahre. Meine 48 Jahre sind erkennbar. Frisch verliebt wirkt sie jedoch um vieles jünger.

Was liegt näher als eine Reise nach Italien, wo ich mich relativ gut auskenne und wo ich einmal mehr mit meinen Italienisch-Sprachkenntnissen brillieren kann. Meine Liebste mag es sehr wenn ich diese Sprache spreche, obwohl sie diese nicht versteht. Als Ziel wählen wir die Toskana, explizit l’Isola d’Elba. Die Wohnung dort gehört dem italienischen Vertreter meiner Firma. Das bringt den zusätzlichen Vorteil, dass die Unterkunft an diesem exklusiven Ort erschwinglich bleibt. Wir haben den Schlüssel erhalten und genießen es, ganz unter uns zu sein. Wir beschäftigen uns gerne und ausführlich miteinander.

Wir erfreuen uns am Meerblick, der uns auf unserem Balkon geboten wird. Kein Baum verstellt uns die Sicht. Das verstärkt das Glücksgefühl, das uns in dieser Situation ohnehin erfüllt.

Wir treiben uns in Portoferraio herum. Besonders der malerische Markt mit den satten sommerlichen Farben hat es uns angetan. Bereits bei unseren ersten Streifzug fällt mir ein dekorativer handgestrickter Pullover auf. Ich kann mir gut vorstellen, dass er meinem Schatz gut steht. Ich denke mir insgeheim, dass das doch ein passendes Geschenk für den kommenden Geburtstag sein könnte. Ob er ihr auch gefällt, das ist eine andere Frage.

Beim nächsten Mal weise ich meine Begleiterin auf diese farbenfreudigen Exponate hin, um ihr zu verstehen zu geben, dass diese meinem Geschmack entsprechen. Es gibt kein eindeutiges Ja oder Nein. Alles bleibt in der Schwebe.

Ich will es nicht auf sich beruhen lassen, will jedoch auch nicht als unsensibel und schon gar nicht als aufdringlich gelten. Also werde ich bei unserem nächsten Spaziergang vorbei an den einladenden Ständen direkter. Ich erkundige mich wie beiläufig, aber doch bestimmt, ob mein Augenstern dieses Objekt meiner Begierde anprobieren wolle. Sie gibt nicht nur ihre Zustimmung, sondern findet auch Gefallen an diesem Artikel mit dem südländischen Charme und ich kaufe es tief befriedigt.

Ich freue mich riesig, dass ich meinem Liebling mit diesem Produkt, Markenzeichen „Zucchero filato“, doch noch beglücken kann. Sie legt den „Zucchero filato“ gleich um ihre Schulter und strahlt mich freudestrahlend an. Ohne sie zu küssen, wie es sonst meine Art ist, nehme ich nur ihre Hand. Gemeinsam schlendern wir zurück in unsere behagliche Ferienwohnung.

Bevor wir unser Apartment betreten, treffen wir einen jungen Mann, der offensichtlich ebenfalls in dieser Villa residiert. Wir grüßen uns freundlich und tauschen ein paar Worte über die Super-Lage unseres gemeinsamen Domizils aus.

Für mich ist diese Begegnung absolut unbedeutend und gleich wieder vergessen. Wir haben ja Besseres zu tun. Wir verspeisen das von meiner Lebensgefährtin liebevoll zubereitete Abendessen. Dazu trinken wir einen Elba Rosso DOC, den ich mir, beflügelt durch das Hochgefühl über den gelungenen Coup, geleistet habe.

Mit einem Wort: wir lassen es uns gut gehen und schwelgen in der Glückseligkeit verliebter Paare.

Als wir am nächsten Morgen ins Freie gehen, entdecken wir einen unter der Schwelle durchgeschobenen Zettel: „Ich bitte Sie, mir zu gestatten, dass ich mit Ihrer Tochter Tennis spielen darf. Ihr Nachbar, den Sie gestern abends getroffen haben.“

Mit einem Mal fühle ich mich alt, sehr alt. Das bedeutet ja, dass sich meine „Tochter“ mit einem Liebhaber im Greisenalter abgibt. Und ich komme in den Ruf eines Pädophilen, eines „Kinderverzahrers“ auf gut Wienerisch.
Die von mir Angebetete übergeht diese Thematik geflissentlich. Sie entrüstet sich mehr über den Aspekt der so selbstverständlich angebotenen Sportart. Tennisspielen war noch nie ein passender Sport für sie.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Christian:
„Liebe kennt kein Alter“
Helmut:
„Zum Glück spielt sie Tennis“
Fritz:
„Der unheimliche Einkäufer“
Brigitte:
„Wir sind jung, im Herzen jung … (Roger Whittaker)“
Hannelore:
„Zucchero filato, der Süße für die Süße“

Kommentare (autorisiert):
Trude:
„Also, ich hoffe sehr, Du bist nicht beleidigt, aber Deine Frau geht da ja glatt als Deine Tochter durch. Aber, du würdest wahrscheinlich jünger aussehen, wenn Du den Bart nicht hättest, der Dir auf jeden Fall s e h r gut steht. Rasiere ihn ja nicht ab. Du schaust ja toll aus damit. Wie ein spanischer Conte. Ich wundere mich über Dein sehr bewegtes Leben, schaust aber immer glücklich drein."
Helmut:
„Nach Betrachten der Bilder verstehe ich den Wunsch des jungen Mannes vollkommen – eine bildhübsche 'Tochter'."
Brigitte:
„Ich kann mit einem sehr ähnlichen Erlebnis aufwarten. Als Jungfamilie (die Söhne ung. 3 und 4 Jahre alt, wir Eltern ung. 26 und 27) machten wir Urlaub in Kärnten in einem Bungalow an einem kleinen See. Im Nachbarbungalow zwei gleichaltrige Kinder - man freundete sich an. Als wir einen Ausflug planten und die Nachbarskinder mitgehen wollten, meinte ich, sie müssten schon vorher Oma und Opa fragen. "Das geht leider nicht, die sind in Wien" war die Antwort, "wir sind mit Mama und Papa hier"! Pfffff!!! Volltreffer, aber nicht mehr rückgängig zu machen. In jungen Jahren ist schnell jemand eine "ältere" Person. Das ändert sich. Heute sind 50/55jährige für mich die "Jungen". Finde ich eigentlich alles lustig."
Hannelore:
„Es geht immer noch bei manchen Leuten nach Klischees: wer ist wer ? wie alt ist wer? wann ist wer alt? wer ist älter ?,
statt dass einfach bei allen nur das Herz und das Gefühl spricht. Dazu wird die Zeit immer knapper, um noch schneller und noch mehr zu konsumieren, und alles nur oberflächlich zu betrachten!? Darum finde ich es gut, dass Du reflektierst, wie wars es und was habe ich daraus gelernt, um es vielleicht anderen weiter zu geben."