Episoden aus meinem Leben

36. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Beim Eintritt in das Privatgymnasium bin ich bereits um einiges älter als meine Kollegen, komme ich doch von der wiederholten zweiten Klasse der Hauptschule mit etwas Wissensüberschuss.

Hilfsbereit wie ich bin, gebe ich gerne leicht Erworbenes an einige meiner Kollegen - die Kolleginnen sind nicht darauf angewiesen - weiter. Ich bin ja immer gerne für andere da. Nicht ohne Anlass wurde ich zum Klassensprecher hier am Bundesgymnasium und 1. Bundes-Realgymnasium in Innsbruck gewählt.

Schließlich ist es so, dass ich - interniert im Kloster (daher der Name „Internat“) - auch ausreichend Muße habe, mich den Schulfächern zu widmen. Meine Schulkolleginnen und -kollegen jedoch fühlen sich geradezu verpflichtet, bei öffentlichen Ereignissen dabei zu sein. Sie betreiben nicht nur selber Sport, sondern besuchen auch Fußballspiele, Schirennen und Flugshows. Sie tragen Meinungsverschiedenheiten mit den Fäusten aus und sammeln beim Tanzen und sonst wo die ersten Erfahrungen mit Mädchen.

Für mich ergibt das absoluten Nachholbedarf. Ich versuche also auf meine Art irgendwie mitzuhalten. Neben meinen Aktivitäten als Leiter einer Jugend-Rotkreuz-Gruppe und Herausgeber der „Stimme der Jugend“ versuche ich, den Kontakt zum anderen Geschlecht nicht ganz zu verlieren. Also setze ich mich in die zweite Bankreihe, unmittelbar hinter die beiden Mädchen in unserer Klasse. Ich genieße es, mich mit ihnen in und zwischen den Pausen lebhaft zu unterhalten. Der Platz gefällt mir und ich freue mich, dass ich zu Beginn des Schuljahrs besonders auf dieses Detail geachtet habe.

Schulfeier Schulausflug

Schließlich profitiere ich auch davon, dass ich im interessantesten Winkel der Klasse sitze. Oft schauen nämlich auch die Professoren zu den jungen Fräuleins, die an unserer Schule Seltenheitswert genießen. Da bleiben sie manchmal auch an meinem erhobenen Arm hängen und hören sich mein Wissen oder auch nur Halbwissen an, mit dem ich sowohl vor den Lehrpersonen als auch vor meinen Mitschülern brillieren möchte.

Letztere erhoffen sich folglich, von mir Antwort auf manche Frage zu bekommen. Ob es um eine mathematische Formel, eine Übersetzung aus Latein, ein Detail aus der griechischen Mythologie geht, ich habe immer eine Antwort, wenn die auch nicht immer richtig ist. Ganz selten gebe ich zu, dass auch ich keine Ahnung habe.

Freilich ist dieses Verhalten nicht das Einzige, was erforderlich ist, um diesen meinen Status aufrechtzuerhalten. Unmittelbarere Unterstützung ist da und dort gefragt. Ich kopiere eine Lateinschularbeit mit Kohlepapier für einen weniger gut vorbereiteten Mitschüler.

Das verlangt wegen der Lesbarkeit starken Druck beim Schreiben. Wenigstens ist die Füllfeder, die dem ganzen Einhalt geboten hätte, schon aus der Mode. Das Weiterreichen erfordert die Kooperation mit anderen, die eigentlich nicht gestört werden wollen. Das Ideal der Zusammenarbeit setzt sich freilich durch.

Dadurch verbreitet sich die Nachricht von meiner Bereitwilligkeit und ich benutze statt einem zwei und schließlich sogar drei Kohlepapiere, wobei allerdings die Lesbarkeit etwas leidet.

Der Lateinprofessor ist genauso wie alle übrigen Pädagogen kein Kontrollfreak und so wird diese Vorgangsweise erst möglich.

Eines Tages ist unser Professor an einem Tag erkrankt, der für eine Schularbeit vorgesehen ist. Gerade bei einer schriftlichen Prüfung ist es für Aushilfen am einfachsten. Der Ersatzprofessor muss sich nicht auf den aktuellen Wissensstand der Schülerinnen und Schüler einstellen, sondern muss nur aufpassen. Damit richtet sich seine Konzentration darauf, alle unerlaubten Mätzchen zu beobachten und auch zu ahnden.

Diesmal werde ich von einem Mitschüler während der Schularbeit gebeten, sein Werk vor der Abgabe zu korrrigieren. Wir organisieren über eine stille Kette den Tausch unserer Hefte, sodass jeder von uns ein Schularbeits-Heft vor sich hat.

Dem fremden Herrn Professor, den wir nicht kennen und der uns nicht kennt, fällt die entstandene Unruhe auf und er ermahnt uns. Ich berichtige ein, zwei Passagen und will den Rücktausch organisieren. Das bringt das Fass zum Überlaufen. Das Kontrollorgan - ist es heute doch seine einzige Aufgabe - stürzt sich auf mich und ordnet mir an, ihm das Heft sofort vorzeitig auszuhändigen. Er könne solche Schwindeleien nicht dulden. Er schaut auf den Namen am Umschlag und ermahnt mich: „Vandory, machen Sie sich auf etwas gefasst. Ich werde das Ihrem Professor melden.“

Bereitwillig übergebe ich das corpus delicti und zeige sozusagen in Stellvertretung ein zutiefst betroffenes Gesicht, nämlich das von meinem Kollegen Vandory.

Bei Rückgabe der Schularbeiten bleibt der Vorfall gänzlich unerwähnt.



kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Helmut:
„Nachbarschaftshilfe“
Brigitte:
„Wer bin ich? Identifikationsprobleme!“
Hannelore:
„Hilfe für die Selbsthilfe“
Kommentare (autorisiert):
Helmut:
„Nachbarschaftshilfe war ein Lebensprinzip in Tirol."
Brigitte:
„Zu unser aller Glück bist du aber doch der Biechl, lieber Egon."
Hannelore:
„Die Mädchen waren offensichtlich durch die strenge Erziehung eine fixe Idee bei Dir. Gut, dass sich das einmal gelegt hat und in Bahnen
kam, offensichtlich erst dank der jetzigen liebenden Frau (Ina). In mancher Hinsicht besteht auch bei der Leserschaft eine gewisse Erinnerung an eigene Bedürfnisse und Erfahrungen.
Wir können immer nur von einander lernen."