Episoden aus meinem Leben

37. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Meine Mutter ist im Spital und lernt dort eine verwitwete Hotel- und Gasthaus-Besitzerin kennen, die ihr für ein Monat einen kostenlosen Aufenthalt in ihrem Hotel zur Verfügung stellt. Das kommt ihr sehr gelegen, ist sie doch noch sehr schwach. Auch mich kann sie nicht betreuen, was ohnehin nur während meiner Ferien ihre Aufgabe ist. Die beginnen aber gerade.

Glasfabrik



Ich bin fünfzehn und habe nie gelernt, selber für mein leibliches Wohl zu sorgen oder mich außerhalb des Elternhauses zurechtzufinden. Selbstverständlich muss ich daher dabei sein. Meiner Mutter kommt es gar nicht in die Idee, mich, den hinten und vorne umsorgten Internatszögling, allein meinem Schicksal zu überlassen. Insgeheim fürchte ich mich auch vor einer solchen Situation, der ich mich nicht gewachsen fühle.

Als minimale Gegenleistung für all die Großtaten, die uns die neue Leidensgenossin und Freundin meiner Mutter angedeihen lässt, ist geplant, dass ich im Hotel Handlanger-Dienste leiste. Als Abwechslung zu der relativ strengen Beaufsichtigung durch meine Mutter akzeptiere ich diesen Handel gerne.

Wir kommen in Neustift an und genießen die wunderschöne Landschaft. Uns wird ein Zimmer zugewiesen und ein Abendessen serviert. Die Sache lässt sich gut an.

Am nächsten Morgen werde ich in meine künftigen Tätigkeiten eingeweiht. Ich bekomme einen Spezialrechen, mit dem man die Baum-Blätter und das Astwerk vom gestreuten Kies trennen kann. Stummel von Zigaretten und leere Packungen gehen da locker mit, fallen sie doch rascher auf. Manchmal findet sich sogar ein Schal, nur Münzen finden sich keine. Diese Arbeit dauert bei der Größe des Gartens von etwa 200 Quadratmetern mit Verrücken der Sessel und manchmal auch Tische von acht bis zirka halb-elf Uhr. Der Gastgarten wird nämlich um elf Uhr geöffnet. Wenn auch nicht streng, aber kontrolliert werde ich doch. Und erholsame Rauchpausen kann ich auch keine einlegen. Dazu hätte ich mit Zigaretten vertraut sein müssen.

Nach einer kleinen Erfrischung geht es in der Küche weiter. Die Aufgaben sind unterschiedlich: Salat reinigen, Karfiol putzen, Bohnen schneiden, Schüsseln und Pfannen abwaschen. Zunächst sind diese Tätigkeiten recht abwechslungsreich für mich. Nach einiger Zeit jedoch werden sie zur Routine. Sie begeistern mich nicht mehr.

Das Mittagessen kann ich kurz nach dem größten Ansturm zusammen mit meiner Mutter einnehmen. Aus Rücksichtnahme beschwere ich mich bei ihr nicht. Ich habe also niemandem, bei dem ich mich beklagen könnte. Meine Mutter bedankt sich des öfteren bei mir und sagt mir, wie gut es ihr täte, nach ihrem Spitals-Aufenthalt nicht sofort wieder für mich sorgen zu müssen.

Ich kenne hier niemanden Gleichaltrigen, daher mache ich in der nachmittägigen Ruhezeit allein diesen oder jenen Spaziergang. Aber es reicht nicht, um nach Fulpmes oder gar Ranalt zu wandern. Vor dem Abendessen sind wieder einige Dienstleistungen von mir gefragt. Dann ist aber Ruhezeit für mich, den Jugendlichen.


Zwanzig Jahre später ist meine Mutter gestorben. Ich kann mich selber verpflegen und habe auch gelernt, mich und meine Pläne durchzusetzen. Aus der behüteten Umgebung der verschiedenen Klöster, die mir Heimstätte waren, habe ich mich losgelöst. Mittlerweile bin ich Exportleiter in einem Großhandels-Betrieb der Glas- und Geschenkartikel-Industrie. Selbstbewusst verwende ich alle meine Fähigkeiten, um die Chancen meiner Firma sowohl in Europa als auch in Übersee zu intensivieren.

Die Firmenleitung beschließt jedoch, den Großhandelsbetrieb zugunsten des Einzelhandelsunternehmens aufzulösen. Der Verkaufsleiter einer branchenverwandten Firma weiß darüber Bescheid und bietet mir einen Posten in seiner Firma an. Der Vorschlag fasziniert mich, findet er doch - vielversprechend - in einem New Yorker Hotel statt, in dem wir beide logieren.

Sobald ich in der neuen Firma anfange und dort meine Aufgaben kennenlerne, übermannt mich die Enttäuschung. Ich falle zurück hinter alle meine beachtenswerten Erfolge, die ich mittlerweile erzielt habe.
Unverhofft gerate ich in eine Situation, die ich mir selber durch meine Unerfahrenheit eingebrockt habe.

Es wird mir bewusst, dass ich hier nicht mehr der Exportleiter bin. Man setzt mich aufgrund meines kürzlich absolvierten Spanisch-Kurses als Sachbearbeiter für Südamerika ein. Als solcher schreibe ich spanische Briefe. Anstatt sie abzuschicken muss ich sie der Innendienst-Leiterin zur Kontrolle vorlegen.
In der Einarbeitungsphase lasse ich mir das gefallen. Es ändert sich jedoch nicht. Anstatt dessen werde ich gerügt, eigenmächtig ein Telex mit zwei Zeilen ohne Kontrolle abgeschickt zu haben. - Vom Exportleiter bin ich zum Lehrling geworden. Ich bin unverhofft in eine für mich entwürdigende Situation geraten.

Anderswo jedoch wird mir selbständige Entscheidungsgewalt zugestanden. Ich bin vereinbarungsgemäß auch Gebietsvertreter für Oberösterreich und Salzburg. Bald jedoch wird mir klar, dass ich durch Tochterfirmen beschränkt bin und entweder gar keine oder statt der normalen drei-prozentigen Provision nur ein Prozent bekomme. Ich bin total ernüchtert. Die Tatsache, dass ich diese Provision erst nach Zahlungseingang und dann nur halbjährlich erhalte, ernüchtert mich vollends.

In diesem Moment erinnere ich mich an meine Hilflosigkeit im Stubaital, an meine damalige Unreife, bedingt durch die Abgeschlossenheit im Internat. Ich erinnere mich an alle Einschränkungen, die ich im Kloster ertragen habe. Nur Gehorsam und Demut, die früheren klösterliche Tugenden, lassen mich den Zeitraum durchstehen, bis ich einen neuen Arbeitsplatz finde. Ich mache mich sehr bald auf die Suche, ich beschäftige mich intensiv mit den Eigentümlichkeiten, die mich in meiner künftigen Stellung erwarten. So lasse ich zwei anfänglich vielversprechende Chancen aus und kehre nach sieben-monatigem Intermezzo wieder in meine alte Firma, die Papierfabrik zurück, wo man mir jetzt ein bedeutend höheres Gehalt bietet und bei der ich die Bedingungen kenne. Papierfabrik
kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Helmut:
„Späte Lernjahre von Neustift bis Südamerika“
Christian:
„LEBEN bedeutet, Erfahrungen zu sammeln. - Das hab ich!"
„Jeder fängt klein an - mein beruflicher Werdegang!"
Brigitte:
„Junge, komm bald wieder (Freddy Quinn)"
„Heimkehr der anderen Art"

Kommentare (autorisiert):
Brigitte:
„Wie originell ! Jetzt fallen mir auf einmal Lieder- bzw. Schlagertitel zu deinen Splittern ein !"
G.:
„Den 37. Splitter finde ich ehrlich gesagt ein bissl konfus. Zwar geht es in allen Teilbereichen um die Notwendigkeit und den Mut, angemessene Arbeitsbedingungen auszuhandeln, aber die einzelnen Zeitpunkte liegen Jahrzehnte auseinander."