Episoden aus meinem Leben

38. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Die Matura, einschließlich schriftlicher Prüfung in Latein, Griechisch, Mathematik und Deutsch und inklusive der mündlichen Tests in Englisch, Geographie und Religion, ist mit gutem Erfolg bestanden.

Das Hochgefühl der Freiheit als erfolgreicher Maturant wird bei mir freilich durch die bereits getroffene Auswahl des künftigen Berufes etwas eingeschränkt. Zwei meiner Kollegen haben dieselbe Berufswahl getroffen.

Es ist zwar vorstellbar, dass wir drei unsere - in den vorangegangenen Internats-Jahren gefestigte - Entscheidung überdenken, aber machen tut es keiner von uns. Worin besteht jetzt dieses Vorhaben?

Kloster

Das Ungewöhnliche daran ist, dass wir „wild“ entschlossen sind, in den Orden der Diener Mariens einzutreten.

Der Herbst bringt unseren ehemaligen Klassenkameraden den Eintritt in die von ihnen ausgewählten Weiterbildungen. Uns bringt er eine Woche Exerzitien und anschließend die feierliche Einkleidung in den Orden der Serviten.

Zu uns dreien, die wir die Laufbahn zum Priester einschlagen wollen, kommt noch ein Vierter, der als Famulus (Hilfskraft) im Kloster arbeiten will. Er wird nicht „Frater“ sondern „Bruder“ heißen. Ich bewundere ihn sehr, weil ich nicht so viel Demut aufbringen würde, auf das Studium der Philosophie und der Theologie zu verzichten und später als angesehener Priester im Dienste des Herrn zu stehen.

Meine Gedanken kreisen andauernd um das bevorstehende Ereignis. Es ist uns gestattet, unsere nächsten Anverwandten einzuladen, was ich mit großer Freude mache, handelt es sich doch um einen ganz entscheidenden Schritt in meinem Leben.

Feierlich ziehen wir in festtäglichen Zivilkleidern in die Kirche ein und nehmen im Altarraum Aufstellung. Die Zeremonie beginnt nach einer angemessenen Ansprache von unserem Pater Provinzial, dem höchsten Ordensoberen vor Ort.

Wir werden aufgefordert, unsere Sakkos auszuziehen und uns mit seitlich ausgestreckten Armen nach vorn niederzulegen. Die von der Zeremonie vorgesehenen Gebete zu unserer spirituellen Unterstützung werden rezitiert. Anschließend wird jeder einzelne von uns zum Pater Provinzial nach vorn gerufen.

Als ich an der Reihe bin, werde ich von ihm mit der Unterstützung eines anderen Priesters eingekleidet. Zuallererst wird mir das sogenannte Kollar, ein weißer Plastikkragen als Zeichen für die Zugehörigkeit zum Klerus um den Hals gelegt.

Dann legt stülpt man mir den Habit über den Kopf. Er ist schwarz, verhüllt meinen Körper und reicht fast bis zum Boden. Anschließend wird mir mit den Worten „Umgürte meine Lenden, Herr, mit dem Gürtel des Glaubens und der Tugend der Keuschheit, und lösche in ihnen die Glut der Begierde, damit die Kraft der vollkommenen Keuschheit immer in mir bleibt.“ein lederner Gürtel, das Zingulum, um den Bauch gebunden.

Daran hängt ein Rosenkranz. Für uns Serviten ist es der sonst unübliche Sieben-Schmerzen-Rosenkranz mit den sieben mal sieben Plastikperlen für die zu betenden „Gegrüßet seist Du Maria“, der dazu da ist, uns an die sieben Schmerzen der Gottesmutter zu erinnern. Im Zentrum dieser Schmerzen steht die Begegnung mit ihrem kreuztragenden Sohn Jesus auf dem Weg nach Golgota.

Das nächste Stück der Ordenstracht ist das Skapulier in Schwarz wie alle weiteren Elemente der offiziellen Kleidung der Diener Mariens. Dabei handelt es sich um ein Tuch, welches einen Ausschnitt für den Kopf hat und über meine Schultern gelegt wird. Es reicht vorne und hinten in einheitlicher Breite annähernd bis an den Saum des Habits hinunter.

Der letzte Teil der Einheitskleidung ist die Kapuze, gedacht zur Abkapselung von der Umwelt beim Meditieren im Rahmen des Chorgebets. Sie ist integriert in eine Schulterhaube.

Noch etwas passiert: traditionsgemäß wird uns ein Haarbüschel herausgeschnitten. Im vierten Jahrhundert war das zum Zeichen, ein geschlechtliches Neutrum zu werden, noch eine Komplett-Rasur gewesen, ab dem sechsten nur mehr so viel, dass ein Haarkranz übrig blieb. Jetzt bleibt nur noch der Symbolcharakter

Bei all diesen Ritualen befällt mich ein seltsames Gefühl des Anders-Seins zu den Mitschülern von früher und des Gleichseins mit meinen künftigen Mitbrüdern. Dieses Empfinden überwältigt mich in dieser Situation.

Eingekleidet legen wir die drei Ordensgelübde ab, das des Gehorsams, und jene der Armut und der ehelosen Keuschheit. Damit werden wir zu einfachen Professen, da wir diese Versprechen noch nicht für die gesamte Lebenszeit, sondern nur für drei Jahre geben.

Etwas ganz Besonderes ist auch die Tatsache, dass wir alle als Mitglieder der Ordensgemeinschaft einen neuen Vornamen bekommen. So heiße ich nicht mehr Egon, sondern wunschgemäß „Clemens“ und so wie alle anderen ein „M“ für Maria, also Frater Clemens M. Biechl OSM, wobei diese Abkürzung für das lateinische „Ordo Servorum Mariae“ (Orden der Diener Mariens) steht.

Stolz verlassen wir, erstmals in dem neuen Gewande, das man auch als Uniform bezeichnen könnte, die Kirche. Im Klostergarten stellen wir vier uns den Fotografen. Dann lasse ich mich mit meinen Verwandten, der Taufpatin und anderen auserlesenen Personen ablichten und freue mich mit ihnen, die meinen Entschluss gutheißen oder - je nach persönlicher Gesinnung - auch anzweifeln oder sogar ablehnen.

Nach diesem unvergleichlichen Festakt stürze ich mich in den Alltag eines Novizen, der - abgeschirmt von der Außenwelt - die Geschichte des Ordens ab dessen Gründung durch die Sieben Heiligen Väter im Jahre 1233 lernt, die derzeit gültigen Ordensregeln studiert und viel - sehr viel - betet und meditiert.


EINKLEIDUNG Familie
kostenfrei

Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Irmi:
„Jetzt wird es ernst “
Rica:
Frater Clemens M. - zu fesch für einen Priester?!"
Brigitte:
Jugendliche Euphorie - reife Ernüchterung?"
Hannelore:
Auf die Knie, Frater!"
Nach der Freude, die Entscheidung: mehr als 'sieben Schmerzen'"
Helmut:
Es kommt alles so, wie Gott es fügt."
(Lebensmotto eines laisierten Herz-Jesu-Missionars)

Gerti:
Ernst des Lebens"

Kommentare (autorisiert):
Brigitte:
„Jetzt hat mich die im wahrsten Sinne des Wortes "vielschichtige" Bekleidung bei der Einkleidung beeindruckt. Was doch zum Beispiel ein einfacher Ledergürtel für eine tiefgründige und hintergründige Bedeutung hat. Auch die andren "Schichten" müssen doch ziemlich belastend und bewegungseinschränkend sein. Hut ab vor dem Entschluss, das alles auf sich zu nehmen!
Egon:
„Ich konnte mit meiner Kleidung Fussball spielen, wenn auch nicht professionell. - Das Haarbüschel wird "geopfert", fällt also der Schere zum Opfer."
Hannelore:
„Von mir keine Kritik, nur Betroffenheit, es erschließt sich bei den Klostergeschichten eine neue Welt für die Leserin."