Episoden aus meinem Leben

Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter
zum Feedback
zurück zu Facebook
4. Splitter - Ich bitte um einen passenden aussagekräftigen Titel
Bitte nützt die Möglichkeit, Euch abzumelden oder Freunde einzuladen


Teamwork

Die 1793 gegründete Papierfabrik Klein-Neusiedl wird im Jahr 1870 zur Neusiedler AG und im Jahr 2002 zur Mondi Business Paper. Ich bin dort seit 1970 beschäftigt und seit 1991 Betriebsrat.

Die Funktion als Betriebsrat beginnt für mich mit Zögern, da sie mir von meiner Vorgängerin so geschildert wird, dass da ohnehin nichts zu tun ist. Das ist sinnbildlich für die Beliebtheit dieser Tätigkeit am Wiener Standort. Mich soll diese ihre Aussage dazu überreden, den Wienern die Blamage zu ersparen, überhaupt kein Interesse für ein solches soziales Engagement zu haben. Sie sieht bei mir dieses Engagement, obwohl ich in einer solchen Position noch unbedarft bin. Ich nehme trotz meiner Bedenken an und warte ab, bis sich etwas entwickelt. Das Warten lohnt sich. Betriebsrat zu sein entpuppt sich mit der Zeit als zeitraubendes, aber sehr interessantes Projekt für mich. Langsam wachse ich da hinein und jetzt bin ich so richtig involviert in die Agenden des Betriebsrats, der derzeit österreichweit immerhin so um die tausend Mitarbeiter vertritt.

Weil ich jetzt nach vierzehn Jahren als Arbeitnehmervertreter keine Auslands-Geschäftsreisen mehr mache, habe ich auch mehr Zeit, mich diesem "Hobby" zu widmen. Früher musste ich mich oft durch meine Kolleginnen und Kollegen der Fabrik vertreten lassen. Was konnte ich schon bewirken, wenn ich gerade im Ausland, fern von jeder gewerkschaftlichen Unterstützung oder Beratung von einer anderen zuständigen Stelle war.

Solche Situationen - die sich ohne verläßliche Vertretung in der Heimat - ergeben, bestätigen sich auch im Privatleben als problematisch. Man ist ausschließlich auf eine Ferndiagnose und eine intuitive Entscheidungsfindung angewiesen.

Als ich beispielsweise nach einem Nachtflug aus Amman, Jordanien, frühmorgens in Damaskus, Syrien, angekommen meine Frau anrief, um ein Lebenszeichen von mir zu geben, informierte sie mich aufgeregt, sie hätte während ihres Kuraufenthalts erfahren, dass bei uns zuhause eingebrochen worden wäre. Ich hatte eine Stunde später meinen ersten Kundenbesuch in Damaskus und sagte daher - ziemlich geistesabwesend - gerade einmal: "Ach!" - Das hält sie mir bis heute vor und wird das wohl auch in Zukunft tun.

Meine Betriebsratskollegen Christian, der Ruhige, Beständige in Theresienthal und Manfred, der Forsche, Angriffslustige in Kematen wollen eine Betriebsratszeitung ins Leben rufen und sprechen mich darauf an. Ich bin gerne und mit vollem Einsatz dabei. Schon in früheren Zeiten habe ich Erfahrung mit der Gestaltung von Faszikeln für ganz unterschiedliche Informationen gesammelt. In meiner Jugend beschäftigte ich mich intensiv mit hektographierten Druckwerken wie etwa "Stimme der Jugend", "Leben mit dem Tod", "Der Servit", "Superga" und - ziemlich abweichend von diesen Themen - "Der Reiterhof".

Wie man in der ersten Ausgabe nachlesen kann, beschließen wir, dass "Teamwork", wie wir dieses - gemäß Planung halb- bis vierteljährliche - Heft nennen, aktuelle Informationen aus dem Betriebsrats-Bereich, aber auch Hintergrundinformationen zur Arbeit unserer diversen Kolleginnen und Kollegen anbietet. Wir ermutigen dazu, unter der Rubrik "Des gfoit ma! - Des is a Schmarrn!" (Das gefällt mir! - Das ist Unfug!) Kritik an "Teamwork", an der Betriebsratsarbeit, freilich aber auch an den Entscheidungen unserer Führung zu äußern.

Der Fabriksdirektor gestattet, dass die Mondi-Hausdruckerei die vielen Exemplare für die gesamte Belegschaft druckt, und setzt so ein Zeichen guten Willens. Natürlich verhalten auch wir uns kooperativ und stellen uns als Sprachrohr für den CEO und den CFO, also für den General- und den Finanz-Direktor, zur Verfügung. Gleichzeitig machen wir jedoch auch die Bedenken genauso wie die Verbesserungsvorschläge unserer Betriebsrats-Vorsitzenden publik.

Welsersheimb

Wir berichten über die jährlichen Jubilarfeiern, bei denen 25, 30, 35 und 40 Jahre Firmenzugehörigkeit gefeiert werden. Und es ist mir eine gewisse Genugtuung, dass ich zusammen mit dem Chief Executive Manager meinem unmittelbaren Chef aus Wien zu seinen 35 Dienstjahren gratulieren darf, wovon wir auch ein Bild im "Teamwork" veröffentlichen. Einmal ist nicht er in der Position des Gönners, sondern ich der joviale Gratulant. Ich schätze ihn hoch, weil er sich uns Untergebenen gegenüber stets korrekt und unterstützend zeigt und, als Adeliger. der er ist, auch als solcher verhält.

Für mich gibt es dafür noch einen ganz speziellen Grund für meine Wertschätzung ihm gegenüber. Er hatte mich vor einiger Zeit dazu aufgefordert, die Messestände in Frankfurt und Hannover nicht mit meinen umfangreichen Kundenakten auf einem - ausschließlich für mich bereitgestellten - Schreibtisch zu belagern. Ich hatte nämlich keine andere Möglichkeit, in den zwanzig Minuten, reserviert für einen Kunden (die Warteschlange war lang) ein Angebot abzugeben. Dafür waren die bisherigen Konditionen, Qualitäten, Grammaturen und Formate erforderlich. Diese waren eben nur in diesen Aktenbergen auffindbar.

Ich löse - angeregt durch diese berechtigte Kritik meines Chefs - das Problem durch ein ausgeklügeltes selbstgebasteltes Computerprogramm "Autoquote". Dieses berücksichtigt zudem alle Destinationen in meinen Ländern, alle Transportmittel, alle Zahlungskonditionen, alle Zölle und Importabgaben und das für mehr als hundert Produkt-Ausprägungen. Ich habe diese Herausforderung angenommen, bewältige die schwierige Aufgabe und freue mich, dass es mir gelingt. - Ohne meinen Chef hätte ich mich diesem Thema nie gewidmet.

Neben den Ergebnissen der Betriebsversammlungen machen wir es uns zur Routine, über die Lehrberufe bei Mondi, über die Veranstaltungen der Betriebssport-Gemeinschaft BSG und über die Betriebskrankenkasse zu berichten. Wir nehmen uns vor, jedes Mal besonders ausführlich über eine bestimmte Abteilung und die Tätigkeits-Profile der dort oder anderswo Beschäftigten zu informieren. So kommt unter anderem zur Sprache, dass wir ingesamt 22 offizielle Verkaufsgebiete und 71 SAM's, Sales Area Manager, haben. Es handelt sich dabei um die für den Verkauf in diesen Absatzgebieten verantwortlichen Angestellten. Genaue Zuordnungen und Fotos ergänzen diese Berichte.

Dass wir auch anders - nämlich aggressiver - agieren können, das zeigen wir in der nächsten Ausgabe, bei der die Überschrift lautet: "kämpfen statt resignieren". Darunter verstehen wir unsere Auseinandersetzungen mit der Firmenleitung, wobei wir von der Gewerkschaft unterstützt werden. Das ist anlässlich der Kollektivvertrags-Verhandlungen besonders aktuell.

Da 2005 aus strategischen Gründen die Abspaltung der Mondi Business Paper Sales von der Holding erfolgt, muss für diese neue Firma auch ein Betriebsrat gewählt werden. Ich nütze unsere Betriebsratszeitung "Teamwork" zur Werbung für die "Liste Egon" mit vier Betriebsrätinnen und -räten und zusätzlich vier Ersatzmitgliedern. Tatsächlich wird diese Liste mit 55 von 82 wahlberechtigten Firmenangehörigen ohne Gegenstimme gewählt. Wer wohl die anderen sind? - Darüber denken wir im Moment gar nicht nach, so überzeugt sind wir von unserer Kompetenz.

Viel interessanter ist hingegen die bald darauf folgende Wahl des Internationalen Betriebsrats, zu dem die dafür von ihren Gremien ausgewählten Betriebsrats-Mitglieder aus Ungarn, der Slowakei, Russland und Südafrika hier in Österreich anreisen. Die aus Israel schaffen es leider nicht. Die Südafrikaner erhalten ihr Gepäck erst einen Tag später. Jene aus Russland können nicht am Vortag, sondern erst am ersten Tag des Treffens von Syktyvkar aufbrechen. Ihr Visum gilt erst ab diesem Tag. Trotz all dieser Schwierigkeiten, ist es ein von Erfolg gekröntes Treffen. Dabei kommt unter Beisein des großen Firmen-Bosses der Mondi-IBR (Internationale Betriebsrat) zustande. Die Führung wird dem österreichischen Arbeiter.Betriebsrat übertragen, zumal er die größte Mitarbeiteranzahl repräsentiert.

Der gesellige Teil rundet unsere Zusammenkunft ab. Wir lernen dabei, die unterschiedlichen Persönlichkeiten aus den verschiedenen Ländern und ihren speziellen Humor zu schätzen. Wir erahnen, dass sie ihre Probleme mit gänzlich anderen, weil situationsbezogenen Vorgangsweisen bewältigen müssen. Andere Länder andere Sitten …



Egon

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Leserinnen und Leser,

hier schildere ich - wahllos - Situationen und Episoden aus meinem Leben, die mir persönlich wichtig erscheinen und die für Euch - hoffentlich - unterhaltsam sind.

Ich plane, wöchentlich einen sogenannten "Splitter" hinzuzufügen, soferne ich nicht absolut verhindert bin.

Ich freue mich, wenn Du für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Deinen individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar schickst an: egon.biechl@chello.at

Künftig werde ich zwar die vorgeschlagenen Titel ungefragt veröffentlichen, nicht jedoch die Namen dazu oder erhaltene Kommentare, ohne dazu - unter welchem Namen - authorisiert worden zu sein, was derzeit auch für die Vergangenheit gilt.

Ich widme diese Kurzgeschichten-Serie allen,
die mir in irgendeiner Form verbunden sind:
meiner Tochter und meinem Stiefsohn,
meiner Frau und ihrer Familie,
meinen verstorbenen Eltern,
meiner erweiterten Verwandtschaft,
allen Freundinnen und Freunden,
ehemaligen Mitbrüdern,
Ex-Kolleginnen und -Kollegen.

Da ich nichts zu verbergen habe, könnt Ihr auch Eure Freunde dazu einladen.


Und das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Liane:
"Auf Augenhöhe "
Helmut:
"Der kluge BR ist Partner des Chefs und umgekehrt!"
Christian:
"Komunikationsmanagement!"
Klaus:
"Vom Reiterhof zu Autoquote"
Brigitte:
"Immer für den Nächsten da"
Lotte:
"Meine Berufstätigkeit"
Doris:
"Weg vom Kloster auf den Weg zum Betriebsrat"

Kommentare (autorisiert):

Christian:
"Eine sehr interessante Geschichte!"
Rosemarie:
"Danke lieber Egon für das Lesevergnügen. Freu mich auf die Fortsetzung!"
Fritz:
"Die Betriebsratstätigkeit kann ich nur allzu gut verstehen weil ich selber 11 1/2 Jahre diese Tätigkeit (ist es wirklich eine Tätigkeit?) ausgeübt habe. Ich bin froh,dass du eine schöne harmonische Betriebsratszeit erlebt hast. Für mich gab es zwar Tiefen, aber auch schöne Zeiten."
Helmut:
"Diese Episode 4 hat mich lange gedanklich beschäftigt, war ich doch auch ZBRVors. der Tiwag von 1974-89 (Einzug in die TLReg.) mit 160 Betriebsräten, 42 Obmännern, 2000 Dienstnehmernund 700 Pensionisten. Vielleicht hätte ich das bleiben sollen!?"
Klaus:
"Die Episode hat mich sehr amüsiert. Ich wünschte mir mehr Menschen in verantwortungsvollen Positionen, die ihre beruflichen Anforderungen mit so viel Humor und Warmherzigkeit, wie Du sie hast, verbinden können."
Brigitte:
"Anscheinend mein Fingerzeig von OBEN: immer für den Nächsten da."
Ingrid:
"Lieber Egon, fasziniert lese ich Deine "Splitter", bin ja schon seit Deinen Hottentotten-Geschichten absoluter Fan. Habe auch einer lieben Bekannten zwei Episoden zu lesen gegeben, nimm sie bitte in Deinen Verteiler auf. Sie war begeistert. Ich liebe Deinen Stil und freue mich auf weitere mails."
Lotte:
"Deine Berufstätigkeit ist ein kontinuierlich treuer Weg. Ich kann mir gut vorstellen, dass es von anderen Firmen oftmals versucht wurde dich abzuwerben. Du warst ein Spezialist und die sind immer gefragt. Zu deiner Tätigkeit als Betriebsrat kann ich nur annehmen, dass du durch deine ruhige und nette Art bald sehr viel zu tun hattest. Es ist auch schön, dass sich, trotz der vielen Arbeit, immer wieder Leute für andere einsetzen. Ich gratuliere dir dazu."
Catriel:
"lieber egon, jetzt wird's haarig mit dir - und zunehmend spannender. von gottes bodenpersonal zum betriebsrat. mit deinen geschaeftsreisen hast du den alten kissinger uebertroffen; den sah man in einem cartoon gleichzeitig aus einem flugzeug aus- und in ein anderes einsteigen.
zu deinem kurzen 'gespraech' mit deiner frau aus damaskus - ach !! ein mann ein wort ! da muss ich post factum nichts sagen, ausser 'gut gebruellt loewe', das gesicht deiner frau dazu haette ich gern gesehen.

kaempfen statt resignieren !! das g'fallt mir, HOCH EGON. kampf der firmenleitung,
doch nicht so wie die kraniche des ibykus; 'kampf der wagen und gesaenge' was ich jetzt schreibe, tue ich als mitglied, buerger der groessten nation der welt: der RESIGnation. kaempfe nicht mehr gegen die verantwortungslosigkeit der menschheit. bin still und zufrieden in meinen 60 sqm "my home is my castle".auf eine bewegte tolle karriere und vergangenheit blickst du zurück. bewunderung, lieber egon !"



kostenfrei