Episoden aus meinem Leben

40. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Nach drei Jahren Urlaub in Ottenschlag im Waldviertel haben wir 1978 ein neues Feriendomizil gefunden. Es ist Edlach an der Rax südlich von Wien.

Während in Ottenschlag der Vermieter in einem anderen Flügel des Hauses wohnte, haben wir hier das ganze Haus für uns allein. So fällt uns der Abschied vom Waldviertel nicht schwer. Bleibt ein einziges Problem: was machen wir mit „unserer“ Kutsche? Nach einigem Nachdenken finde ich eine Lösung. Die Prüfung des Innenhofes, der zu unserer Wiener Wohnung gehört, ergibt, dass dort der Platz dafür ausreicht und niemand unserer Nachbarn etwas dagegen hat. Ich miete mir einen Kleintransporter und lasse mir dabei helfen, das Objekt unserer gemeinsamen Bemühungen daraufzustellen. Vorsichtig fahre ich die kurvenreiche Strecke über den Seiberer hinunter nach Weißenkirchen in der Wachau. Mich Schnellfahrer, der ich normalerweise bin, kostet es einige Überwindung, die Fahrgeschwindigkeit meiner Fuhre anzupassen. Von dort nach Wien ist mein Unterfangen jedoch ein Kinderspiel. Allerdings schaut man mir, angekommen in Wien, wie einem exotischen Individuum nach. Instinktiv ahne ich, welche Neugier, Erregung und schließlich Verwirrung ich mit meiner Aktion mitten in der Großstadt Wien auslöse.

In Wien bepflanzt meine Frau das Kleinod von neuem und erntet dafür die ausdrückliche Anerkennung unserer Nachbarn. Als Assistent des Verkaufs-Direktors der Papierfabrik, für die ich arbeite, absolviere ich viele Auslands-Reisen und bin oft für eine ganze Woche nicht zuhause. Als ich zwei Jahre nach unserer „Ver- und Bepflanzungsaktion“ von einer dieser Geschäftsreisen zurückkehre, muss ich zu meiner Überraschung feststellen, dass das Fuhrwerk, welches mir so ans Herz gewachsen ist, nicht mehr da ist. - Hat sich doch ein Nachbar beschwert? Hat die Hausverwaltung verboten, den Innenhof dafür zu verwenden? War sie gar gestohlen worden?

Sofort nach dem Begrüßungskuss frage ich daher erwartungsvoll meine Frau, weswegen und wohin unser Landauer verschwunden wäre. Ohne zu merken, wie sehr mich das trifft, antwortet sie: „Ein Altwarenhändler hat sich dafür interessiert und mir dafür eine schöne antike Vase angeboten.“ Voll Stolz zeigt sie sie mir.

Ich bin maßlos erbittert und empört. Im Innersten bin ich sehr wütend, wenn ich das auch nicht offen zeige. Warum konnte sie mich nicht vorher fragen? Auch aus der Ferne hätte ich ihrem Wunsch möglicherweise zustimmen können! Ich bin zutiefst verletzt. Warum erkennt sie nicht, wie wichtig diese Kutsche für mich ist, nachdem ich so viele Bemühungen auf das attraktive Aussehen dieses Schmuckstücks verwendet und die schwierige Übersiedlung bewältigt hatte.


Auch sie hatte mit großer Freude die Blumenpracht gestaltet. Es war doch unser gemeinsames Projekt gewesen, an dem wir beide voll Enthusiasmus gearbeitet hatten! Warum also diese unvermittelte Wende? Der aufgestaute Zorn lässt meine Gedanken unentwegt um diesen Vorfall kreisen. Ich bin höchst irritiert.

Erst nach einigen Tagen des wortlosen Unmuts über diese Kränkung halte ich mir die Gründe für den Entschluss meiner Frau vor Augen, den sie zwar ohne meine Zustimmung aber doch aus Vernunftgründen getroffen hatte.

Die Kutsche stellt für uns mit ihrer Sperrigkeit eine Belastung dar. Außerdem können wir sie nur dann sehen, wenn wir sehr nahe ans Zimmerfenster gehen. Dem Tauschobjekt, der entzückenden grünen Vase mit dem antiken Charakter, der eine Anfertigung um die vorige Jahrhundertwende vermuten lässt, ist von meiner Frau ein Ehrenplatz im Wohnzimmer zugewiesen worden. Dort können wir sie - wie ich einräumen muss - andauernd bewundern und uns an ihr erfreuen …

Aber schmerzen tut es doch!

Vase

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Lotte:
„Alles hat seine Zeit“
Brigitte:
„Vernunft und Gefühle - nicht immer kompatibel“
G.:
„Blumenbehältnisse“
Helmut:
„Blitzliebe zur antiken Vase verdrängt jedwedes Feingefühl“
Fritz:
„Kunstsammler wider Willen“

Kommentare (autorisiert):
Lotte:
„Natürlich hat dir die Entscheidung deiner damaligen Frau sehr leid getan. Aber im Nachhinein bemerkt man, dass nach einer Veränderung etwas Neues folgt. Die Hände frei haben um etwas anzupacken können, möchte ich auch sagen oder die Zeit der Pflege und Arbeit für ein Ding besser zu nützen. Wie du es ja nach einigen Tagen selbst erkannt hast."
Trude:
„Inzwischen wirst Du die Kutsche schon verschmerzt haben. Um ehrlich zu sein, ich hätte auch so gehandelt wie Deine liebe Gattin. Die Vase ist wunderschön und der Abtransport der sperrigen Kutsche hat nix gekostet. Für mich wäre es ein Albtraum, wenn im Hof so eine Kutsche stehen würde und vielleicht viele Mitbewohner ständig sich aufregen. Schau Dir das schöne Foto an, weil Zweck hat diese Kutsche ja keinen besonderen gehabt. Ich weiß, man trennt sich schwer von solchen Dingen.
Du hättest ja, wenn Du zu Hause gewesen wärst, dem Vasen-Kutschen-Tausch nicht zugestimmt."

Isabella:
„No, da hat der Händler ein gutes Geschäft gemacht!
Ich hätte mich ebenso empört wie du, nicht gefragt worden zu sein.
Aber du hast es offenbar gut verarbeitet, schon damals eine gute Strategie gehabt. So bleibt man lange jung"

Helmut:
„Das (der Titel-Vorschlag) war die mildeste aller Formulierungsideen. Bin sprachlos, dass so etwas möglich ist
(So vorzugehen, fiele meiner Gattin auch im dzt. 56. Ehejahr nicht ein!)"

Gerti:
„Keine noch so so schöne antike Vase kann ein gemeinsammes Werk , schwierige Überstellung nach Wien und vor allem die vielen schönen Erinnerungen ersetzen. Ich kann mir deinen Unmut vorstellen."
Christof:
„Es ist wahrscheinlich eh nichts Neues für dich, aber mir ging es ja nicht nur um den Verlust der Kutsche, sondern um den Verlust des gemeinsamen Werkes, was Euch verbunden hat und was deine damalige Frau einfach aufgegeben hatte. Ausserdem diesbezüglich nicht gefragt zu werden, ist ein Vertrauensbruch ohnegleichen. Da wäre ich auch sehr gekränkt gewesen. Ich frage mich, ob ich an deiner Stelle nicht anhand des Beispiels die Beziehung und meine Liebe zu ihr in Frage gestellt hätte.
Ich hoffe, das ist nicht zu persönlich, aber die Geschichte hat mich echt berührt, um nicht zu sagen, betroffen gemacht.
Ich halte so ein Verhalten, wie das deine damalige Frau gezeigt hat, für unverzeihlich. Wie kann man so etwas tun?"