Episoden aus meinem Leben

41. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Catriel+Hilde


In Haifa lerne ich durch eine Bekannte ein jüdisches Ehepaar kennen, das uns im Anschluss immer wieder in Wien besucht. Wir genießen die Gespräche und den Austausch von Erfahrungen und Meinungen mit den beiden.

Catriel und Hilde sind intensiv an unseren Lebensumständen interessiert. Catriel ist der humorvoll Gesprächige, der seine Gemahlin erfolgreich aufheitert.

Im Laufe unserer Gespräche erfahre ich, dass die beiden unmittelbare Opfer des Juden-Hasses in der Nazi-Zeit waren. Das erschüttert mich und bringt mich zum intensiven Reflektieren nicht nur über die Gräueltaten der Hitler-Anhänger, sondern auch über die Haltung der christlichen Kirche, ob katholisch oder evangelisch, zum Nationalsozialismus.

Aufgewachsen in der Zeit, in der der Nationalsozialismus keine Bedrohung mehr darstellt, zählte der Hitler-Faschismus nicht zu meinen Themen. Meine Laufbahn in der katholischen Kirche hat mir nämlich vermittelt, dass diese Religion und folglich auch ich die einzig wahre Einstellung haben. Auch meine geschäftlichen Kontakte zu Personen fast aller Weltreligionen verändern meine unbeteiligte Haltung in dieser Frage nicht.

Jetzt jedoch bringen mich Catriels Schilderungen von seinen persönlichen Erlebnissen zum ernsthaften Nachdenken über dieses Phänomen. Menschen aus der Generation meines Vaters, geboren 1899, haben sich von einem Mann radikalisieren lassen, der die Juden zum gemeinsamen Feind hochstilisierte. Sie haben dabei sogar versucht, sich gegenseitig zu übertreffen. Sie waren päpstlicher als der Papst. Woher käme es sonst, dass die Mutter des dreizehnjährigen Catriel zusammen mit Dutzenden anderer Frauen unter dem Gejohle der umstehenden Menge kniend mit Zahnbürsten eine Brücke über den Donaukanal reinigen musste?

Wie hat sich mein Vater zu dieser Zeit verhalten? Hat er als Anhänger der Sozialdemokratie mitgemacht? Ja und nein! Als ich acht Jahre alt war, erzählte er mir, dass er, der nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun haben wollte, Hakenkreuze aus Blech geschnitten habe. Ich glaubte und glaube ihm noch seine Argumentation, er hätte das deswegen getan, um als beinamputierter Invalide Geld zum Leben für seine halbblinde Frau und mich zu beschaffen.

1942, im Jahr meiner Geburt, wird Catriels Mutter zusammen mit seiner jüngeren zwölfjährigen Schwester Ruth nach Minsk deportiert und dort ermordet. Solche „Schicksalsschläge“ sind mir fremd, komplett fremd. Ich versuche mich in Catriels Lage hineinzuversetzen. Mir kommt das Gruseln. Er hingegen begegnet mir, der ich aus der Sippe seine Peiniger stamme, ganz unvoreingenommen und lässt mich überhaupt nichts von seiner damaligen Verzweiflung spüren. Ob ich mich an seiner Stelle genauso vorurteilsfrei verhalten würde?

Ich bin zwar durch die Attentate muslimischer Gewalttäter nicht direkt betroffen, aber die Botschaften über solche Grausamkeiten lassen mich die unmissverständliche Situation, in der sich Catriel und sein Volk befunden hatten, wenn schon nicht ganz aber doch eher begreifen.

Was ich uneingeschränkt nachvollziehen kann ist die Tatsache, dass Catriel sich in der Uniform der Israel Defence Force als stolzer Jude fühlte, der nicht mehr verängstigt durch dir Gegend schleichen muss.

Was ich nicht nachvollziehen kann ist, dass sich ein Mann mit einer solchen Vergangenheit einen Humor bewahren kann, der über meine Vorstellungskraft hinausgeht. Ich versuche diesen Wandel zur Gelassenheit zu verstehen. Ob auch mir eine solche Abgeklärtheit gelingen könnte? Ich stöbere in meiner Vergangenheit und finde - welch ein Wunder - ein mögliches Beispiel:

Früher habe ich evangelische Pastoren beneidet, weil sie heiraten dürfen. Sie hingegen haben sich gewundert, dass wir als katholische Kleriker das nicht dürfen. Jetzt bin ich tatsächlich gelassener geworden und kann diesen Gegensatz als eine Ausprägung einer verschiedenartigen Geschichte ansehen, innerhalb derer man sich weiterentwickeln kann.

Catriel hat den Anstoss dazu gegeben, dass ich bereit bin, überlegt an mein vergangenes und jetziges Leben heranzugehen.

Sofern ich sein Lebensalter von mehr als neunzig Jahren erreichen sollte, möchte auch ich meine Beschwerden durch eine humorvolle und optimistische Sichtweise mir selbst und den anderen erträglicher machen.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Klaus:
„Tiefe Freundschaft und Anerkennung“ (Bedeutung Zahl 41)
Helmut:
„Besser spät richtige Schlüsse aus der Geschichte ziehen, als nie mehr!“
Brigitte:
„Düstere Gedanken der Erinnerung - auf dem Weg zur hellen (positiven) Hoffnung“

Kommentare (autorisiert):

Klaus:
„Dieser 41. Splitter geht ins Fleisch und tut weh. Er ist von großer Aufrichtigkeit. "Berührt sein" ist kein Ausdruck dafür, der Text befindet sich unter der Haut."
Antal:
„Hut ab, dass Du diese Begegnung zum Anlass genommen hast, einige (sicher manchmal schmerzliche) Gedanken über Deinen so prägenden kirchlichen Background anzustellen !"
Catriel:
"Mein so gepriesener Humor ist mein Rettungsgürtel, bewahrt mich vor Depressionen, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, immenser Traurigkeit im Wissen um die gepeinigte Welt."
"Betreffend das Zölibat lobe ich mir den guten (?) Martin Luther, der selbst als Vorbild verheiratet war und seinen Gottesmännern die Ehe befahl, bevor sie sich als Seelsorger und Berater von Müttern und Familien anbieten."