Episoden aus meinem Leben

42. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

Es ist möglich, mit diesem Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter die früheren Splitter nachzulesen.
Unter dem folgenden Link zum Feedback auf diesen Splitter kommt Ihr direkt zum Feedback dieses Splitters.
Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at Auch der Wunsch, die Splitter regelmäßig per Email zu erhalten, kann hier deponiert werden.
Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.

Fahrrad


Mein Wunschtraum ist ein Fahrrad. Die Tante erfährt es durch meine Mutter. Meine Firmung ist die nächstbeste Gelegenheit für einen Besuch der Schwester meiner Mutter. Im Gepäck hat sie ein Fahrrad. Kann sich jemand meine Freude vorstellen?

Am Tag nach der Firmung erhalte ich die Erlaubnis, diesen Inbegriff meiner Glückseligkeit zum ersten Mal zu benützen. Ich übe mich beim Hin- und Herfahren auf der geschotterten Dorfstraße. Da kann ich zeigen, dass ich groß genug bin, meinen Körper über den Rahmen dieses Herrenfahrrads zu hieven. Allerdings kann ich mich nicht auf den Sattel setzen, so tief er auch gestellt sein mag. Ich muss mich mit etwas Schwung über die Stange werfen, die ein Herren- von einem Damenfahrrad unterscheidet, um dann mit ständigen Auf- und Ab-Bewegungen die Pedale in Gang zu halten. Aber ich bin nicht in der misslichen Situation, ein Bein unter dieser bewussten Stange durchstrecken zu müssen.

Dann kommt der Moment, in dem ich den Mut fasse, von einem höher gelegenen Punkt dieser Straße, die immer enger wird, je weiter man hinaufkommt, zu starten. Todesmutig lasse ich mein neues Fortbewegungsmittel hinunter sausen. Als es angesagt wäre, langsamer zu werden, um dann ganz stehen zu bleiben, erfasst mich die Verzweiflung. Wie mache ich das? Da kommt mir in den Sinn, dass die beiden Hebel am Lenker Bremsen sind. Weil es immer schneller wird, ziehe ich diese mit voller Kraft zu mir. Sie funktionieren erstaunlich schnell, sodass ich plötzlich kopfüber vom Rad stürze und schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Schotter mache. Was war passiert? Jetzt erst kommt mir Erinnerung, dass man mir ohnehin gesagt hatte, dass es auch eine Rücktrittbremse gibt. Man hatte mich sogar darauf hingewiesen, dass diese Vorrichtung erste Wahl sein sollte. Durch Schaden wird man klug und ich präge mir - ein für alle mal - ein, wie man ein Bremsmanöver durchführt.

Im Moment jedoch habe ich nicht nur aufgeschlagene Knie, sondern muss auch mit dem Schamgefühl kämpfen, die zuerst vor meiner Tante und meiner Mutter so stolz präsentierten Fahrkünste in deren Augen verloren zu haben.

Sobald ich jedoch mit meinem Rad wirklich vertraut bin, erschließt sich mir die Welt auf erstaunliche Weise. Weil ich schneller bin und weniger Anstrengung verwenden muss, sehe ich viel mehr von der Umgebung unseres Dorfes. Ich nütze das auch weidlich aus, um den Einschränkungen durch meine Mutter zu entfliehen.

Für meinen Schulweg in den Nachbarort kommt dieser Luxus allerdings zu spät. Der neue Schulort ist das weit entfernte Volders. Dort im Internat darf man kein Fahrrad benützen, weil nämlich nicht alle eines besitzen. Der zweite Grund scheint mir zu sein, dass wir nicht irgendwelche Extratouren machen sollen, die uns vom Ziel der Erziehung in einem Internat abhalten würden. Neben dem Ministrieren oder zumindest dem Besuch bei der Messe, den angesetzten Schul- und Lernstunden bleibt ohnehin wenig Freizeit, die wir gemeinsam am naheliegenden Sportplatz verbringen.

Mit dem Umzug nach Innsbruck, um dort ein öffentliches Gymnasium zu besuchen, ändert sich dieser Aspekt grundlegend. Ich darf mir mein Fahrrad von Lermoos nachkommen lassen und es auch relativ freizügig benutzen. Dazu gehört auch, dass ich - mit wenigen Ausnahmen - jedes Wochenende in eineinhalb Stunden die 42 km von Innsbruck nach Thannrain bei Stams, der neuen Adresse meiner Mutter, fahre … und wieder zurück. Das Fahrrad verwende ich auch im Stadtgebiet, wenn es von unserem Standort im Zentrum ein paar Kilometer entfernt ist, die das rechtfertigen.

Das trifft zum Beispiel bei dem Lokal zu, das wir als Redaktion für unsere Jugendzeitschrift verwenden. Eines Nachmittags treffen wir uns wieder einmal dort, um zu besprechen, was in der nächsten Ausgabe enthalten sein soll. Ich reise mit meinem Rad an, nehme ein paar Sachen von meinem Gepäckträger und trage sie hinein in unser Lokal. Im Bewusstsein, dass ich das Fahrradschloss noch nicht angebracht habe, eile ich sofort wieder hinaus, um das Fahrrad in dieser menschenarmen Zone abzuschließen. Ich komme nicht mehr dazu. Das Fahrrad ist verschwunden, einfach weg. Es hilft kein Blick nach links, nach rechts oder um die Ecke. Mein größtes persönliches Besitztum wurde gestohlen. Das trifft mich schwer.

Zurück im Kloster „beichte“ ich traurig mein Missgeschick. Pater Ludwig, der Leiter des Internats verspricht mir, mit Pater Richard, der als Provinzial sein Chef ist, zu sprechen. Der Ausgang dieser Kontaktnahme endet sehr positiv für mich. Man verspricht mir ein neues Fahrrad, wenn ich bereit wäre, dafür meine Briefmarkensammlung herzugeben. Das tue ich unter solchen Voraussetzungen gerne. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der Ertrag aus meiner Sammlung dem Wert eines Fahrrads, noch dazu eines neuen, entspricht. Vielleicht spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass man die wöchentlichen Besuche bei meiner Mutter nicht gefährden will. - Egal, ich habe wieder ein Fahrrad.

.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Fritz:
„Der effektive Tauschhandel“
Helmut:
„Durch Erfahrung wird man klug“
Brigitte:
„Mobilität hat ihren Preis - damals wie heute“
Lotte:
„Ein guter Tausch“
„Ein faires Angebot“

Gerti:
„Der erst erlebte Diebstahl tut in der Seele weh“
„Dem Bestohlenen schmerzt es auch bei geistlicher Betreuung“
„Tausch Drahtesel mit Briefmarken - lohnender Ausgleich“

Kommentare (autorisiert):

Fritz:
„Heutzutage gibt es für alles eine Tauschbörse, du aber warst deiner Zeit voraus."