Episoden aus meinem Leben

43. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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ZollkontrolleNiquab

Heute, wir schreiben das Jahr 1993, fliege ich wieder einmal von Wien nach Saudi-Arabien. Wie so oft bin ich als Exportmanager einer Papierfabrik unterwegs. Ich bin schon gespannt, welche Hindernisse diesmal bei der Einreise auf mich zukommen werden.

Ich habe ein saudiarabisches Visum für die Einreise in dieses exotische Land erhalten. Mein Pass, in dem das gestempelte und unterschriebene Visum aufscheint, verleiht mir ein Gefühl der Unantastbarkeit, sodass ich mich locker auf die Kontrollen einstelle.

Veranlasst durch frühere Saudi-Arabien-Reisen nehme ich mir diesmal sogar vor, zu zählen, wie oft ich inspiziert werde. Und sofort geht’s los.
Schon bei der Ankunft hier in Jeddah bleibe ich nach Prüfung meines Passes mit Visum und nach der Leibesvisitation bei der intensiven Sichtung meines Gepäcks hängen. Da ich weder direkt an mir noch in meinem Koffer eine Waffe habe, stehe ich - anfänglich - außerhalb jedes Verdachts. Allerdings beginnen die Schwierigkeiten, als der zuständige Zollbeamte die Höflichkeitsgeschenke für meine Kunden sichtet. Es sind Mozartkugeln. Er vermutet, dass sie Alkohol enthalten oder damit versetzt sind. Als „mein“ Zollbeamter mit einer der Bonbonnieren in dem dahinter liegenden grünen Nebenraum verschwindet, schwant mir Böses. Offensichtlich befindet sich dort ein Prüfgerät zum Entdecken von verbotenen Substanzen. Dieser Test verläuft ergebnislos beziehungsweise positiv für mich, ist aber langwierig und dauert etwa zwanzig Minuten.

Mich, den „Unantastbaren“, befällt eine gewisse Gereiztheit und ich werfe dem Hüter der Einreise-Vorschriften die Schachtel mit den zwei fehlenden Mozartkugeln hin: „Keep the box!“ (Behalten Sie die Schachtel!). Anschließend lassen die übrigen Staatsdiener zwar keine Eile erkennen, aber in etwa zehn Minuten habe ich die restlichen Kontrollen passiert Die beschränken sich auf meinen Pass und - wie mir scheint - auf mein Aussehen. Das Resultat meiner Zählung: es sind insgesamt sieben Überprüfungen.

Ich lasse mich danach sofort in das Hotel chauffieren, wo für mich ein Zimmer reserviert ist. Dass mir der Taxilenker keine Quittung ausstellt, bin ich bereits von früheren Besuchen und auch von anderen arabischen Ländern gewohnt. Bei der Reiseabrechnung helfe ich mir dann mit Ersatzbelegen.

Nach zwei Nächten fliege ich weiter nach Riad. Die Zollkontrollen sind weniger intensiv, weil ich ja nicht direkt aus dem Ausland einreise. Diesmal mache ich mir ein anderes Vergnügen: ich nehme mir vor, festzustellen, wieviele Frauen mir begegnen werden, die in einem Niqab mit Gesichtsschleier verhüllt sind. Bei meiner Zählung lasse ich halb verschleierte ausländische Frauen, die am Flughafen zu finden sind, außer Acht. Auf saudiarabische Frauen bezogen wird meine Annahme übertroffen: alle - sage und schreibe alle - sind verschleiert. Ich sehe kein einziges Frauengesicht. Durch die Verschleierung ist für mich klar, dass es Frauen sind. Im Übrigen sind alle gleich. Sie sind schwarz gekleidet und unterscheiden sich nur durch ihre Figur, die manchmal - vor allem bei Beleibtheit - nicht zu verbergen ist. Aber auch das stellt kein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal dar, sondern nur eine eigene Kategorie so wie groß oder klein.

In Riad, wo ich nur wenige Kunden habe, löse ich geschickt - wie mir scheint - das „Problem" mit der fehlenden Bonbonniere. Diesmal zähle ich spaßeshalber die verbleibenden Kunden und lege für mich die Auswahl-Kriterien fest. Immerhin reicht mir diese Betrachtung, um eine eindeutige Entscheidung zu treffen. Der „Auserwählte“ mit den niedrigsten Werten erhält also statt der Bonbonniere „nur“ einen Papierblock mit der Werbeaufschrift unserer Firma.

Auf dem Flug von Riad nach Dammam brauche ich mich um dieses Detail also nicht mehr zu kümmern. Hier an der Ostküste der arabischen Halbinsel muss ich nur mehr gut und viel verkaufen. Ich bin mir bewusst, dass Saudis selbstbewusste Verhandler sind, bei denen eine besonnene Vorgangsweise angeraten ist. Einen jedoch kenne ich von unseren Treffen in Hannover als lockeren Typen. Er hat meine Sympathie. Gerne stimme ich zu, als er mich auf ein Abendessen einlädt. Es ist üppig und besonders schmackhaft. Dazu trinken wir Fruchtsäfte. Ich würde einige Gläser Rotwein bevorzugen … (ich würde sie nicht einmal zählen).

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Antal:
„Schleierhafte Kulturunterschiede....“
„Mozart und die Scharia“
Brigitte:
„Vorschrift ist Vorschrift - nicht nur bei uns“
„Schöne fremde Frau"
"Wer oder was verbirgt sich hinter dem schwarzen Vorhang ?“

Bea:
„1,2,3,4...7... alle“
„Alles zählt“
Helmut:
„Sieben Kontrollen und nur verschleierte Frauen“
Hannelore:
„Der scheinbar 'Unantastbare'“
„Mozart- kugeln überall“
Ernst:
„Keep the box!“
Gerti:
„Auf der Suche nach versteckten Frauen…“
Fritz:
„Der geübte Flugreisende“
Lotte:
„Andere Länder, andere Sitten!“

Kommentare (autorisiert):

Irmi:
„'Verschleierung' halte ich für einen Euphemismus. Ich nenne es Vermummung, die in Österreich eigentlich verboten ist… Von der Frauendiskriminierung mal abgesehen.
Mir scheint, dass sie auch kein eindeutiger Hinweis drauf ist, dass darunter eine Frau steckt – das sag ich schon seit vielen Jahren, und der letzte Terroranschlag – in Teheran – hat mich bestätigt. Die Terroristen steckten in der „weiblichen Vermummung
"
Antal:
„Ich war schon 5 Jahre nicht mehr unten, aber es ist wirklich ein ziemlich merkwürdiges Land !"
Brigitte:
„(Schöne fremde Frau:) Wieder ein Schlagertitel : Connie Francis : leider singt sie "Schöner fremder MANN"
Fritz:
„Saudiarabien war zu diesen Zeiten nicht allen so bekannt wie dir."
Hannelore:
„Ich habe die Kommentare gelesen und bin erstaunt, welche Empfindungen ein einfacher Text über Reiseerlebnisse in für uns damals ferne Welten auslöst. Auch ich erfreue mich oder leide mit, je nach Geschichte."
Lotte:
„Sehr interessant und wunderbar, dass du solche Reisen unternehmen konntest, wenn es auch aufregend und ein gewisses Risiko war, die so ein fernes Land bereit hält. Es sind im Nachhinein die schönen Erinnerungen, die zählen."