Episoden aus meinem Leben

44. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Im Jahr 1963 bin ich einundzwanzig. Ganz in mich gekehrt zelebriere ich ein Jahr lang das Noviziat im Orden der Diener Mariens, wie es sich geziemt. Danach soll und will ich das Studium in der Philosophischen Universität beginnen. Aber nein, ich leide wieder einmal an meinen obligaten Kopfschmerzen und werde zur baldigen Erholung kurzfristig in ein anderes Kloster versetzt: den Wallfahrtsort Maria Waldrast. Dort in der bezaubernden Natur genieße ich besonders die Tage mit Sonnenschein und weithin hörbarem Kuhglocken-Gebimmel. Ich genieße das Privileg, nichts tun zu müssen und meine Morgenmahlzeit mutterseelenallein im Gastgarten für die Wallfahrer einnehmen zu können. Ich will mir den Kaffee samt ein/zwei Brötchen holen, doch eine der beiden Kellnerinnen kommt mir zuvor und bedeutet mir, dass sie mir das Frühstück bringen werde. Ich sage nicht nein und genieße es, so nett bedient zu werden. Ich bin gewohnt, mich selber zu versorgen oder von einem Kloster-Bruder die Mahlzeiten vorgesetzt zu bekommen. Dass ein Fräulein den Klosterbruder ersetzt, gefällt mir sehr. Ich stelle mein frisches Glück auf die Probe und bitte statt der Marmelade um etwas Honig. Jetzt eilt die zweite Kellnerin, noch hübscher als die erste, mir meinen Wunsch zu erfüllen. Ich bin entzückt vom Gefühl, wie ein Pascha behandelt zu werden. Jetzt werde ich bereits forscher und verlange diesmal aus bloßer Lust ein Speckbrot, um meine Mahlzeit, umsorgt von den beiden Mädchen, abzurunden. Diesmal machen sich beide auf den Weg. Ich bin hingerissen, so eine Machtstellung zu genießen, die ich bisher noch nie erfahren durfte. Selbst auf meinem angehenden Spaziergang schwelge ich noch in diesem Hochgefühl.

Zurück in Innsbruck teilt man mich - der ich ja nicht studiere - zwischendurch zu Handlanger-Diensten ein. Da ich nicht gern untätig bin, nehme ich gerne jedwede Beschäftigung an, um nicht ganz zu verzweifeln. Ja, ich freue mich darüber. Heute habe ich den Auftrag, einige Stühle zur Reparatur zu bringen. Ich nehme mir - in Ermanglung eines Leiterwagens - einen Fahrradanhänger, den ich nicht weit vom Zentrum Innsbrucks vor mir herschiebe. Wie es sich für einen Frater des Servitenordens in der Öffentlichkeit geziemt, habe ich das komplette Ordensgewand angelegt, vom Habit bis zur Kapuze. Diese beiden Elemente meiner geistlichen Bekleidung machen mir keine Probleme. Als jedoch ein leichter Wind einsetzt, stürzt mich ein anderer Bestandteil meiner Garderobe in Schwierigkeiten: das Skapulier. Es ist das schulterbreite lange Tuch mit einem passenden Loch für den Kopf, das vorne und hinten fast bis zum Boden reicht. Mir schlägt es derzeit dieses Skapulier um die Ohren und verdeckt immer wieder mein Gesicht. Das ist mir besonders unangenehm, weil ich jedes Mal danach greifen muss, um mich wieder zu befreien.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite geht eine junge Frau, die zu mir herüber blickt und ihr Amüsement über diese Situation nicht verbergen kann. Sie kann sich nicht abwenden und dreht sich sogar noch nach mir um. Ich als frisch gebackener Ordensmann, fern von jeder Gelassenheit, ärgere mich sehr und zeige ihr ungehemmt die Zunge …
Zölibat

Es ist zwei Jahre später. Ich bin vor einem Monat in Saluzzo im Piemont angekommen und habe in dieser Zeit einige Brocken Italienisch aufgeschnappt und mir einzuprägen versucht. Mein heutiges Vorhaben lässt mich gezielt einen Kollegen nach den italienischen Vokabeln für Briefpapier und Füllfeder fragen. Er sagt sie mir umgehend und schreibt sie mir sogar auf. Ich habe beschlossen, ganz alleine, bewaffnet mit diesem Zettel, das Genannte in einem Schreibwarengeschäft im Ort zu kaufen. Ich fühle mich gut gewappnet und in meinem frisch gewaschenem Ordensgewand auch gefeit vor jeglicher Versuchung. Wenn ich Männern begegne, setze ich meinen harmlosesten Blick auf. Bei Frauen schaue ich nicht in deren Augen, sondern - wie es sich für einen Ordensmann in Italien geziemt - zu Boden.

Als ich das Geschäft erreiche, dessen Lage ich mir erklären hatte lassen, betrete ich es beherzt. Ich sehe mich einer netten Verkäuferin gegenüber, die mich nach meinen Wünschen fragt: „Cosa ne vuole?“ Nachdem ich meine anfängliche Befangenheit überwunden habe, antworte ich ihr mit ausnehmender Freundlichkeit: „Dammi una cartoleria ed una penna stilografica.“ Ich bemerke, dass sie etwas verdutzt dreinschaut und mich prüfend anblickt. Da überkommt mich abrupt die Erkenntnis, dass es sich für mich, den Mönch, geziemt hätte, „Mi dia“ (geben Sie mir) statt „Dammi“ zu sagen. „Dammi“ ist nämlich ganz vertraulich und bedeutet „Gib mir!“

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Helmut:
„Frater Egon (Clemens) im Gegenwind“
Bea:
„Ganz vertraut“
Lotte:
„Ein Noviziat als Herausforderung“
Brigitte:
„Vom Winde verweht -
auch die geziemende demütige innere Einstellung?“

„Der Wind hat mir ein Lied erzählt.... (Zarah Leander) “
Lela:
„Es ist schön ein Pascha zu sein!“
„Italia - mio amore!“
Ernst:
„Vom Winde verweht “
Hannelore:
„Das Verbot mit fixer Idee: Frauen, Frauen, Frauen…

Kommentare (autorisiert):

Brigitte:
„Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass - egal in welcher Situation - immer das weibliche Gegenüber deine Gedanken dominier(t)e. Ordensgewand hin oder her ! Sehr sympathisch !"
Lotte:
„Eigentlich endet die Geschichte abrupt, gerade wo es spannend ist. Vielleicht hat das Unbekannte einen besonderen Reiz. Es ist auch nicht leicht verständlich, dass ein junger Mensch ständig Anordnungen entgegen nimmt und diese entsprechend befolgt.
Sicher hat dir die Kirche als Ersatz für eine nur mäßig vorhandene Familie gedient. Dein Handel ist sehr bewundernswert.
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