Episoden aus meinem Leben

45. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Es ist Anfang 1970 und ich bin nach Wien eingeladen, um dort meinen künftigen Schwiegereltern vorgestellt zu werden und den Sohn meiner Braut kennenzulernen. Dieses freudige zukunftsorientierte Ereignis wird jedoch überschattet vom Tod des Vaters meiner Braut drei Tage vor meinem Besuchstermin. Auf meine Frage, ob ich trotzdem kommen soll, werde ich darum gebeten und zudem zum Begräbnis einen Tag danach eingeladen.

Ich bin eher selten in Wien. Also informiere ich mich bereits vor Antritt meiner Reise recht eingehend über die Lage der Hetzgasse im dritten Bezirk, wo ich erwartet werde. Im Wienplan finde ich sie auf Anhieb.

Auf der Bahnfahrt bin ich sehr aufgewühlt. Ich komme in ein Trauerhaus und eine freudige Erstbegegnung zwischen mir und meinen künftigen Schwiegereltern wird für mich gefühlsmäßig zum Einbruch in die Intimsphäre von zwei traurigen Frauen, die mir beide nahe stehen werden. Ich bin beunruhigt und überlege während der Bahnfahrt, wie ich mich angemessen verhalten soll. Nur ein Tretauto, das ich mit mir führe, lenkt mich etwas ab, weil ich es neben meinem Sitz verstauen muss, ist es doch zu groß für die Gepäckablage.
HetzgasseNiquab

In Wien angekommen beginne ich, Hetzgasse 10 ab der Nummer 1 zu suchen. Aber es gibt keine Nummer 10, die Gasse endet links mit 7 und rechts bereits mit 6. Quer verläuft die Obere Viaduktgasse, in der Fortsetzung der Hetzgasse jedoch ist eine kahle Mauer. Bei näherem Hinsehen entdecke ich, dass es die Rampe für die Stadtbahn ist. Der Straßenname „Viaduktgasse“ lässt mich einen Durchgang suchen.

Mit meinem kleinen Koffer für die Übernachtung und dem voluminösen Tretauto gehe ich nach links, drehe dann aber um, weil nichts dergleichen zu finden ist. Rechts finde auch nichts. Ich werde schon ärgerlich und nervös, weil der vereinbarte Zeitpunkt für das Treffen bereits knapp bevor steht.

Meine Beunruhigung wächst und ich bin froh, in der eher menschenleeren Hetzgasse doch noch einer Passantin zu begegnen, die nicht nur freundlich auf meine Frage reagiert, sondern auch tatsächlich Bescheid weiß. „Gehen Sie die Obere Viaduktgasse entlang bis zum Radetzkyplatz, dort unter der Schnellbahn durch und dann rechts auf der Unteren Viaduktgasse wieder vor bis zur Hetzgasse!“ - Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Den halben Kilometer gehe ich gemäß meiner Armbanduhr in sechs Minuten und bin dann endlich am Ziel. Während ich in den ersten Stock hochgehe, konzentriere ich mich noch einmal auf die bevorstehende Situation. Ich läute an der Wohnungstür und warte auf das Erscheinen meiner Braut. Anstatt dessen öffnet mir eine unbekannte kleine Frau, die mir sehr freundlich gegenübertritt. An den Augenrändern sieht man ihr an, dass sie geweint hat. Ihrem kritischen aber wohlwollenden Blick entnehme ich, dass sie in mir den angekündigten künftigen Schwiegersohn erkennt. Sie fragt mich gleich danach, wie meine Fahrt gewesen sei.

Bevor ich noch antworten kann, kommt meine Braut, umarmt und küsst mich und fragt mich dasselbe. Zwischen den Beinen der beiden Frauen lugen die vorwitzig neugierigen Augen eines fünfjährigen Buben hervor, der vorsichtig auf Abstand bleibt.

Bevor ich die gestellten Fragen beantworte, frage ich meinen voraussichtlichen Stiefsohn: „Ich habe dir etwas mitgebracht, willst du es auspacken?“ Das ist ihm offensichtlich ein willkommener Anlass, seine Scheu beiseite zu lassen und nach dem Riesen-Paket zu greifen. In dieser entspannten Situation ist der erste Bann gebrochen und seine anfängliche Befangenheit verfliegt im Nu. Mit raschen Griffen fetzt er – unterstützt von seiner Großmutter – das Packpapier vom Tretauto, setzt sich hinein und fährt los. Mit großem Vergnügen simuliert er das Motorengeräusch und trägt so ganz maßgeblich zur lockeren Stimmung bei, die sich jetzt breit macht.

Trotz der tiefen Trauer um den Mann, Vater und Großvater des Hauses, die unter den Erwachsenen nach wie vor spürbar bleibt, fühle ich mich voll und ganz willkommen in der neuen Umgebung, die für viele Jahre mein Zuhause sein wird.

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Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Gina:
„Auf der Suche nach einem neuen Zuhause“
Helmut:
„Ein Tretauto dämpft Aufregung, Trauer und Scheu“
Hannelore:
„Das Tretauto und ich, erschwerte Ankunft“
Helmut:
„Platzsuche im Wiener Nest“
Bea:
„Hetzgasse Nr. 10“
Fritz:
„Der zukunftsorientierte und sensible Stiefvater“
Brigitte:
„Wer suchet, der findet - auch gleich eine neue Familie“
„Kleine (oder auch größere) Geschenke gründen eine neue Freundschaft“
„Wiener Adressen - ein Mysterienspiel“
Ernst:
„Mit dem Tretauto ins Leben“
„Die Suche nach dem Weg“

Kommentare (autorisiert):

Gerti:
„Toll, dass das Tretauto ein bisschen Stimmung gemacht hat."
Ernst:
„Du schreibst über den Beginn neuer Beziehungen - und das trifft ins Schwarze. Denn wenn etwas geht, sich verabschiedet und - wie wir wissen - nicht wiederkehrt, gibt es die Möglichkeit, den Raum für den Beginn von etwas Neuem. Das Leben und die Zeit bleiben nicht stehen. Ich finde es ist wichtig, sich dabei nicht zu verheddern oder zu verirren oder gar stehen zu bleiben."