Episoden aus meinem Leben

49. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ahnenpass

Alle meine Großeltern sind vor meiner Geburt gestorben. Da meine Eltern sich bezüglich ihrer Eltern ausgeschwiegen haben, interessiert es mich umso mehr, Näheres über sie zu erfahren.

Wie es zur nationalsozialistischen Zeit üblich war, gibt es auch für meine Cousine Hilda einen Ahnenpass. Der gibt mir Hinweise, was und wo ich suchen kann. Ich besuche daher die Pfarrämter in Absam und Rum und bitte die Seelsorger, mir Einblick in die Matriken zu gewähren, in denen seit Jahrhunderten lebenswichtige Ereignisse der Ansäßigen, wie Geburt, Ehe und Tod festgehalten sind. Es kommt mir entgegen, dass ich an der Schule noch Kurrent-Schrift gelernt habe. Damit und mit meinen Lateinkenntnissen bin ich gut gewappnet für die Interpretation dieser Dokumente.

Auf diese Weise erfahre ich beispielsweise, dass der Vater meines Vaters Johann Baptist Biechl am 6. Mai 1847 in Absam bei Innsbruck geboren wurde, als Schmied im Hüttenwerk arbeitete, am 20. November 1894 Maria Leitl heiratete und seither in Jenbach im Unterinntal wohnte. Er starb 73-jährig am 18. Mai 1921. Damit ist auch klar, dass er in meinem Geburtsjahr 1942 nicht mehr lebt. Werde auch ich nur 73 Jahre alt oder doch 79 wie mein Vater?

Sehr viel später, ich habe das Kloster bereits verlassen, geheiratet und 1971 eine Tochter bekommen, erwacht in mir neuerdings das Interesse an meinen Vorfahren. Nach den vorangegangenen Recherchen möchte ich einfach weitermachen. Zudem habe ich die Ausrede, ich sollte meiner Tochter mehr genealogische Informationen hinterlassen, als ich bekommen hatte.

Dann aber widme ich mich gezielt der Ahnenforschung, die sich zu meinem Hobby entwickelt hat und lege eine Kartei an, in der ich akribisch alles notiere, was ich über meine Ahnen weiß: die Ergebnisse meines Studiums der Matriken, Bedeutungen der Familiennamen und Beschreibungen der Orte, die dabei auftauchten.

Im Zuge dessen gehe ich in die Nationalbibliothek und finde prompt im „Codex Vindobonensis 7757“ Vor- und Nachnamen einiger Ahnen der Mutter meiner Tochter, die im Zuge der Gegenreform zum katholischen Glauben zurückgekehrt sind.

Aber meine Reisen in viele fremde Länder machen es mir unmöglich, weiterhin solche zeitraubenden Tätigkeiten zu verfolgen.

Nach meinem Pensionsantritt habe ich endlich wieder Zeit für mein Hobby. Meine neue Frau interessiert es nur am Rande. Aber sie bremst mich nicht, als ich ihre Mutter, hoch in den Achtzigern, bitte, die Personen auf einem Familienfoto zu identifizieren, auf dem niemand mehr außer ihr jemanden kennt. Ich bin beharrlich und sie wohlwollend genug, dass sie mir - endlich - den Gefallen tut.

Interessiert an Original-Dokumenten suche ich öfters das Tiroler Landesarchiv in Innsbruck auf und lasse mir Rückvergrößerungen von ausgewählten Mikrofilmen machen. Ich besuche auch einige Friedhöfe in Absam, Thaur, Rum und anderen Orten, um dort Fotos von Gräbern zu produzieren. Auf denen sind exakte Details zu meinen dort begrabenen Vorfahren ablesbar.

Beflügelt durch diesen Erfolg werde ich Mitglied einer genealogischen Internet-Plattform, mache die Ergebnisse meiner Nachforschungen bekannt und erhalte dafür auch jede Menge an Auskünften von anderen Mitgliedern dieser Web-Site. So pushen wir uns gegenseitig auf. Gestützt auf alle diese Übereinstimmungen arbeite ich mich im Laufe von Monaten, die sich zu Jahren summieren, immer weiter vor.

Hier entdecke ich, dass mein neunfacher Urgroßvater nicht mehr Berger wie meine Mutter, sondern Berger z Bergu hieß. Das bedeutet, dass er einem mährischen Adelsgeschlecht angehörte. Welche Überraschung! Das ist etwas, mit dem ich am wenigsten gerechnet habe und das mir neuerlich Auftrieb verleiht.

Warum aber bin nicht auch ich adelig? - Schließlich stellt sich heraus, dass der Adelstitel in den Wirren des dreißigjährigen Krieges von 1618 bis 1648 verloren gegangen ist respektive aberkannt wurde. Interesse weckt das schon, sowohl in der Familie als auch in meinem Freundeskreis.

Normalerweise bleiben Recherchen über gewöhnliche Bürger im 16. Jahrhundert hängen, aber bei adeligen Geschlechtern ist das anders. Jetzt bin ich wieder neugierig geworden, wo und wann diese adeligen Ahnen was getan haben und was ihnen passiert ist. Ihre Biographien werden meist in vielfachen Abhandlungen beleuchtet und erhöhen meine Lust an der Sache.

Neben der interaktiven genealogischen Web-Site kann ich jetzt auch Wikipedia zu Rate ziehen. Dort werden die Stammbäume von vielen gräflichen, fürstlichen, königlichen Häusern ausgebreitet. Mir wird der Burggraf Dietrich I von Wettin als Stammvater präsentiert, den ich unter Einbeziehung einiger weiblicher Linien erreiche. Sein Sohn ist Hodo I von Wettin, geboren 930, also im ersten Jahrtausend nach Christus.


Stammbaum


So weit, so gut! Mein Stolz, der des Erfolgreichen, mischt sich bereits darunter. Jetzt aber sind die historisch fundierten Angaben zu Ende.

Doch zwei Dokumente, die nicht auf absoluten Wahrheitsgehalt bestehen, bringen mich noch weiter zurück, nämlich in die Zeit des Sighard von Wettin, dessen Sohn, König von Sachsen, Haderich im Jahre 111 vor Christus geboren wurde. Ich habe ein weiteres Jahrtausend erobert. Das ist ziemlich illusorisch aber trotzdem - mit einiger Phantasie - möglich.

Dieser Weg in die Vergangenheit und der Weg zurück über einige holländische Könige und russische Zaren hat mir Freude bereitet. Mich stört es nicht, dass viele ab Adam Berger z Bergu anfangen zu lächeln. Mich freut es jedoch sehr, dass meine Tochter trotz aller Skepsis Interesse zeigt. Ich jedenfalls habe nach wie vor ungeheuren Spaß daran.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Bea:
„Der leidenschaftliche Ahnenforscher“
Helmut:
„Mit etwas Geduld werde ich nachweisen können, dass meine Stammeltern Adam und Eva hießen“
Antal :
„Die Sache mit den Ahndl’n“
Lotte:
„Immer für eine Überraschung gut“
Hannelore:
„Wenn Ahnen ahnten… (wie wir ihnen nachforschen)“
Brigitte:
„Adel verpflichtet - zu weiteren Forschungen“
„Back to the roots “


Kommentare (autorisiert):

Bea:
„Ich find das super!! Ich glaub, ich möcht das auch mal machen,"
Helmut:
„Wir hatten ja über My Heritage erstmals Kontakt, woran ich immer noch –wenn auch langsamer – arbeite. Ich habe eine Grenzlinie nach hinten mit dem 18.Jhdt. eingezogen."
Ursula:
„Leider haben sich unsere "fürstlichen Stammbäume" wohl nicht gekreuzt! Aber ich verfolge das nun nicht weiter. Es ist so lästig, wenn man auf Reisen ist, ständig zum Tee bei der fürstlichen Verwandtschaft aufkreuzen zu müssen. Meine Enkeltöchter habe ich allerdings ermuntert, sich Krönchen in die Taschentücher sticken zu lassen!"
Jarka:
„Je mehr wir über unsere Vorfahren wissen, desto mehr wissen wir über uns selber. Es ist interessant, was wir alles erfahren können. Deswegen geben wir nicht einfach auf und setzen gerne unsere Nachforschungen fort."
Brigitte:
„Heinz Conrads (!!!): 'Mein Vater ist ein Graf, ein Graf, ein Fotograf und eine Fotogräfin die Mama. Drum bin ich auch ein Graf, ein Graf, ein Fotograf, das liegt doch objektiv gesehn ganz nah....'"
Gerti:
"Gibt es vor Adam und Eva noch ,adelige Urandln', dann sind es deine und du wirst sie erforschen!"