Episoden aus meinem Leben

50. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Es ist das Jahr 1963. Wir sind im Noviziat, in dem wir erstmals am Chorgebet zusammen mit unseren Mitbrüdern teilnehmen (dürfen). Wir sind nach Möglichkeit abgeschirmt von der Außenwelt. Täglich erhalten wir von unserem Pater Magister, den wir alle sehr schätzen, eine Einführung in unser künftiges Leben als Angehörige des Servitenordens. Wir erfahren viel über die Geschichte unseres Ordens, der 1233 in Florenz gegründet wurde und mittlerweile weltweit vertreten ist. Wir werden auch über die Aufgaben und das geziemende Auftreten von Klosterbrüdern unterrichtet.

Trotz aller Abschirmung nach außen geht die Erinnerung an unser früheres Leben nicht ganz verloren. Wir sind den Sitten und Gebräuchen unserer “abendländischen” Kultur verhaftet. So entsinnen wir uns sogar im Noviziat nicht nur an Weihnachten und Stephanie-Tag, sondern auch an Silvester. Wir wissen auch vom Hören-Sagen, dass die Jahreswende um Mitternacht feuchtfröhlich gefeiert wird, denn wirklich dabei war keiner von uns.

Auch die uns vorgesetzten Oberen wissen Bescheid über dieses weltliche Fest und wollen uns Jungspunde daran teilhaben lassen. Uns wird zwar nicht erlaubt, öffentliche Festivitäten zu besuchen, denn das würde den Klosterregeln komplett widersprechen. Aber sie erlauben es, dass wir drei Novizen diese außergewöhnliche Nacht unter uns festlich begehen.

Sie spendieren uns für diesen Zweck eine Flasche Rotwein, die offensichtlich - weil ohne Etikett - aus einem klösterlichen Weingarten stammt. Wir kommen recht selten mit Alkohol in Kontakt, also freuen wir uns besonders. Wir freuen uns ja auch auf jeden fleischlosen Freitag, an dem wir zum Mittagessen ein Bier serviert bekommen, weil unser Küchenbruder Nikolaus der Ansicht ist, dass das einfach, wie die Panier, zum Fisch dazu gehört.
Trinkgelage

 

Da keiner von uns richtig weiß, wie andere bei öffentlichen Veranstaltungen den Jahresausklang begehen, öffnen wir einfach mit einem Stoppelzieher - ich weiß gar nicht, woher der kommt - die Flasche mit dem verlockenden Nass. Wir befüllen damit Wassergläser - wozu brauchen wir Novizen denn Weingläser? - mit dem für uns ungewohnten Getränk, prosten uns zu und widmen uns dem Knabbergebäck, das wir ebenfalls erhalten haben. Wir unterhalten uns prächtig über unseren ehemaligen Präfekten, dem wir als Gymnasiasten unterstellt waren. Von ihm wussten wir nämlich, dass er gar nicht so selten zusammen mit einem anderen Ordenspriester Wein trank und Sardinen oder ähnliche Appetit-Happen genoss.

Liegt es daran, dass die Wassergläser so groß sind oder dass ich mir einfach öfter einschenke, die berauschende Wirkung zeigt sich besonders bei mir recht bald. Noch lalle ich zwar nicht, aber meine Aussprache ist nicht so deutlich wie sonst. Ich kichere viel und werfe mit den kleinen Brezen nach meinen Confratres oder Kleriker-Kollegen. Das stört die anderen nicht, sie schließen sich vielmehr diesem Gefecht an. Ans Aufhören denkt keiner von uns. Was ist denn schon ein Doppelliter Wein für drei Personen?

Die Flasche ist noch nicht zu Ende getrunken, als mich ein komisches Gefühl überkommt, welches mich vom gemeinsamen Tisch vertreibt.

Ich eile mit wehendem Skapulier, das mir wie allen anderen hinten und vorne bodenlang über den Habit geworfen ist, Richtung WC. Ich schaffe es aber nicht bis dorthin, sondern muss mich bereits am Klostergang dorthin erbrechen. Das Gelächter der anderen verfolgt mich.

Während ich die beschmutzten Teile meines Ordensgewandes auswasche, nehme ich mir vor, künftig beim Weintrinken achtsamer zu sein. Ganz aufzugeben wäre der falsche Entschluss, denn Messwein muss ich später als geweihter Priester trinken.

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Helmut:
„Nicht nur Ordens-, sondern auch Silvester-Novizen"
Brigitte:
„Übermut tut selten gut"
„'Novize' auf allen Gebieten"
Gerti:
„Trotz Widrigkeiten gelungene 'Eichung' zum Weintrinker"
Hannelore:
„In spiritus sancti- falsch übersetzt oder zu wörtlich genommen"
Doris:
„Aus Wasser werde Wein"

Kommentare (autorisiert):

Gerti:
„Jetzt weißt Du, wie man feiert!"
Ernst:
„'Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Wille und Verstand' - Pascal Blase; Alkohol beeinflusst den Willen und vernebelt den Verstand, also halten wir uns an die LIEBE (wobei: Alkohol in der richtigen Menge soll ja gesund sein!)"
Brigitte:
A Glaserl Wein