Episoden aus meinem Leben

51. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Epilepsie Epilepsie

Ich gehe wie üblich zum Meisel-Zentrum einkaufen. Dort jedoch weiß ich nicht mehr, wo das Lebensmittelgeschäft ist, in dem ich seit Jahrzehnten einkaufe. Ich gehe zunächst in die falsche Richtung. Dann kehre ich um und gehe am Eingang zur Filiale der Lebensmittel-Kette vorbei.Ich richte erneut meine Schritte retour und finde endlich den Zugang. Ich finde zwar nicht alles, aber doch das meiste von dem, was auf meiner Einkaufsliste steht. Offensichtlich sind das die Folgen meines ersten epileptischen Anfalls.

Es erschreckt mich, aber meine Frau regt sich weit mehr über meinen Irrgang auf. Erst nach einigen gemeinsamen Ausgängen entschärft sich die Lage zusehends. Ich bewege mich wieder allein in der unmittelbaren Umgebung unserer Wohnung.

Nach geraumer Zeit teilt mir mein Herzblatt mit, was ihr der Neurologe zur Epilepsie im Allgemeinen und zur gemäßigten Ausprägung bei mir erläutert hat: sie ginge einher mit Wortfindungs-Störungen und Schwindelanfällen. Ein Anfall wäre wie ein Kurzschluss zu verstehen, bei dem dann einige Bereiche aus der Erinnerung ausgeschlossen werden.

Bei mir ist es offensichtlich in erster Linie der Sektor der örtlichen Orientierung. Das Wissen zu diesem Thema muss ich neu aufbauen; aber worauf? Immer habe ich mich zurechtgefunden, sogar schon beim zweiten Besuch in fremden Ländern. Jetzt erst wird mir bewusst, auf welch komplexen Vernetzungen diese Kenntnisse beruhen. Bei mir mündet das im Gefühl, ich hätte zumindest fünf Jahre solchen Wissens aus meinem Gedächtnis verloren.

Ich muss mich auf meine Angetraute für gemeinsame Gänge und auf meinen Freund für unsere gemeinsamen Foto-Spaziergänge verlassen. Die Homepage “wienerlinien” berät mich verlässlich und immer wieder, wenn ich auf mich selbst gestellt bin. Bei meiner Interpretation sind jedoch Irrtümer nicht ausgeschlossen.

Ich finde jetzt wieder zu mehreren Lebensmittelgeschäften, zur Apotheke und zu einigen Speiselokalen. Vor nicht allzu langer Zeit ist mir jedoch passiert, dass ich die Tabaktrafik, in der ich zwei Jahrzehnte lang meinen Pfeifentabak eingekauft habe, nicht mehr lokalisieren kann und ganz wo anders in der Hütteldorferstraße suche.

Ich habe meinen Führerschein zurückgelegt, weil ich nicht riskieren möchte, noch einmal einen ähnlichen Unfall wie beim Ausbruch meiner Epilepsie zu verursachen. Jetzt aber ist mir klar geworden, dass ich schon einfach deshalb nicht mehr Auto fahren kann, weil ich mich nicht mehr auskenne. Das gilt für Wien genauso wie für die Bundesländer.

Solange mir mein Langzeitgedächtnis geblieben ist, das ich zum Schreiben meiner Splitter brauche, lass ich es mir nicht verdrießen. Meine Begeisterung, die “Splitter” zu schreiben, habe ich nicht verloren. Deswegen bin ich auch heiter wie eh und je. Nur manche Vorfälle deprimieren mich, wenn ich beispielsweise von der Rotenturmstraße nicht zum Stephansplatz finde.

Der Verlust meines Kurzzeitgedächtnisses hat auch andere Nachteile. Meine liebe Frau sagt mir manchmal: “Das hab ich Dir doch schon gesagt” oder “fünf mal gesagt.” Ich bin mir in diesen Fällen nie ganz sicher, ob das tatsächlich stimmt oder eine entlastende Behauptung ist, die mich in die Irre führen soll. Erst später schleicht sich in meine Erinnerung, dass sie offensichtlich doch recht haben könnte. Es gibt aber auch Vorteile: der Inhalt bereits gesehener Filme ist für mich neu und überrascht mich immer wieder.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Brigitte:
"'Positiv denken' - eine Kunst, die nicht jeder beherrscht“
„Die Umwelt neu erobern“
Bea:
"Kurzschluss macht jeden Film spannend“
„Kurzschluss macht das Leben neu“
"Kurzschluss sorgt fast täglich für neue Erfahrungen“
„Kurzschluss führt zu neuer Orientierung“
Hannelore:
"Kein Nachteil ohne Vorteil“
„Irrungen“
"Welt der Illusionen “
Antal:
"Man kann sich nicht um alles kümmern“
Helmut:
"Der frühe Glaube erweist sich als immer richtiger,
und der an einen Schutzengel wird immer wichtiger!“


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Sieh es positiv : Im Leben gibt es so viel Unwichtiges, das zu merken sich nicht lohnt ! Mit der speziellen Herausforderung der Orientierung kannst Du aber umgehen wie die jüngeren Generation mit dem Allgemeinwissen – letzteres kann man googeln, und orientieren kann man sich mit unzähligen sehr sehr guten Apps für das Smartphone."
Lotte:
„Du hast recht, trotzdem Spaß am Leben zu haben. Anderen Menschen geht es so ähnlich wie dir ohne einer besonderen Diagnose. Und: wer ein bisschen patschert ist, wird extra umsorgt."
Bea:
„Gratulation zu deiner humorvollen Sicht auf deine Erkrankung! Natürlich ist mir bewusst, dass es auch Tage und Situationen geben wird, wo es für dich, wie du selbst schreibst, deprimierend und vermutlich auch ärgerlich ist. Ich finde es jedenfalls herzerfrischend, wie du darüber berichtest."
Hannelore:
„Es ist beruhigend, in solchen Situationen jemanden an seiner Seite zu haben, der auf einen aufpasst."