Episoden aus meinem Leben

52. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Im Jahr 1967 bin ich jung und gut gelaunt wie meine Mitbrüder. Trotzdem fühle ich mich eingeschränkt und benachteiligt.

Anfang des Jahres sind wir Priesterstudenten aus dem piemontesischen Saluzzo nach Superga gezogen, wo die Serviten oder “Servi di Maria”, wie sie hier in Italien heißen, ebenfalls eine Niederlassung haben.

Die Basilika von Superga aus dem Jahr 1730 ragt in ihrem barocken Stil an prominenter Stelle über die Großstadt Turin. Diese Kathedrale beherbergt die Krypta der Könige und Fürsten von Savoyen. Sie ist eine Wallfahrtskirche auf einer Anhöhe von 650 m Seehöhe und erreichbar mit einer Zahnradbahn. Die Höhenstraße hat eine Länge von fünf Kilometern und wird von keinem anderen öffentlichen Verkehrsmittel befahren.

Wochentags werden wir Priesterstudenten mit einem Kleinbus zur theologischen Fakultät der Salesianer im Zentrum von Turin gebracht. Aber für jede andere Fahrt nach Turin ist ein privates Fortbewegungsmittel erforderlich. Wir haben daher zwei Personenkraftwagen, vorbehalten für die Patres mit der Priesterweihe. Zudem gibt es drei Motorroller, zwei Vespas und eine Lambretta, für den allgemeinen Gebrauch. Das ist gemäß dem Gelübde der Armut: “Keinem gehört ein Roller, aber jeder darf einen benützen.”

Und da setzt meine Einschränkung ein: ich habe keinen Führerschein und bin somit fast der einzige, der von dieser Regelung ausgeschlossen ist.

Also ersuche ich um die Genehmigung, den Führerschein machen zu dürfen. Mein Magister findet das lobenswert und bestärkt mich darin. Zunächst beschränke ich mich auf den A-Führerschein, weil nur den brauche ich, um meiner Stellung als Benachteiligter zu entkommen.

Ich lerne also den theoretischen Teil in der Fahrschule. Die Praxistests vor der Prüfung kann ich mit einem versierten Kollegen absolvieren. Er nimmt mich auf einem der Motorroller mit, um mir die erforderlichen Details zu erklären. Allerdings kommen wir in der ersten engeren Kurve fast zu Fall, weil ich mich aus Angst nach außen lehne. Mein Praxis-Lehrer kann das ins Schleudern gekommene Fahrzeug gerade noch auffangen.

Trotzdem - oder gerade deswegen - schaffe ich die abschließende Prüfung anstandslos und erhalte jetzt dieselben Rechte wie meine Mitbrüder, die zwischendurch einen Ausflug hinunter nach Turin machen können. Ich bin erleichtert. Allerdings fehlt mir noch die Übung und ich fahre mit unserem Magister am Soziussitz so schnell in die Garage, dass ich im letzten Moment buchstäblich fünf Zentimeter vor der Wand zum Stehen komme. Wie froh bin ich, dass er ein großmütiger Ordensmann ist!

Als meine Tante von meinem Wunsch hört, ein eigenes Fahrzeug zu haben, gibt sie mir ausreichend Geld, damit ich mir ein Motorrad, eine italienische Gilera 125, kaufen kann. Ich bin überglücklich, dass ich jetzt sogar einen Vorteil gegenüber meinen Mitbrüdern genieße. Wie selbstverständlichverstehe ich mich als alleiniger Eigentümer. Die andren müssten ja erst lernen, wie man dieses Verkehrsmittel bedient, bei dem man wegen der ungeschützten Antriebskette nicht mehr ohne Weiteres in der kompletten Ordenstracht fahren kann. Schwarze Hose, eine dunkle Kunstlederjacke und das weiße Kollare um den Hals als Zeichen meiner Zugehörigkeit zum klerikalen Stand müssen reichen. Übrigens: niemandem - am wenigsten mir - fällt ein, dass ja auch “mein” Motorrad in den allgemeinen Pool gehört.

Wie überall üblich werde ich von allen Kameraden beneidet. Sie fragen mich, ob sie einmal versuchen dürfen, das Motorrad zu lenken. Mit andächtigen Blicken schauen sie mir nach, wenn ich - der Deutsche oder “Tedesco”, wie man mich statt “Austriaco” oder Österreicher nennt - davonrausche. Das reicht mir noch nicht. ich kaufe mir mit Hilfe einer neuerlichen Finanzspritze meiner Tante einen filigranen Beiwagen, der mein Vehikel und damit mich bedeutend aufwertet. Das Probefahren wird für meine Mitbrüder noch interessanter und damit auch ich. Ich kann ihnen nämlich beweisen, dass das Fahren mit dem Beiwagen wieder eine ganz andere Technik braucht: der Oberkörper muss noch akzentuierter in die Kurve gelegt werden, will der Lenker nicht scheitern und stürzen. Solehne ich mich einmal beim Fahren mit dem Beiwagen links in einer engen Kurve so weit nach rechts, dass ich mit meinem Helm fast am Bauch einer Fußgängerin anstreife.

Darüber hinaus genieße ich es, wenn die Kinder des benachbarten Waisenhauses auf meiner Beiwagenmaschine begeistert herumklettern.

Nun spüre ich nichts mehr von einer Einschränkung oder Benachteiligung gegenüber meinen Mitbrüdern.

Beiwagen

 

 

kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Bea:
„Die Letzten werden die Ersten sein"
„Der Letzte wird der Erste sein"
Antal:
„Christus kam nur bis Eboli, sein Jünger aber bis Turin"
Hannelore:
„Flying Austriaco (Pendant zu 'Flying Dutchman')"
Helmut:
„Tante mit Kohle verschafft Persönlichkeits-Upgrade"
Doris:
„Vom Benachteiligten zum Bevorteiligten und Gebenden für benachteiligte Kinder"
Brigitte:
„Freiheit mit Einschränkungen"
„Was dir gehört, gehört auch mir - was mir gehört, geht dich nix an"

Kommentare (autorisiert):

Trude:
„Also, das ist ein liebenswertes Gefährt mit Beiwagen, noch dazu in diesen Farben. Da kann ich mir vorstellen, dass Du beneidet wurdest. Aber, wie ich Dich kenne, hast Du Deine Mitbrüder auch fahren lassen. Das wäre ja jetzt ein 'Oldtimer'. Super verkäuflich!"