Episoden aus meinem Leben

53. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Islam Arabien

Natürlich bin ich interessiert an arabischen Frauen. Schon deshalb, weil ich auf den Messen In Hannover, Frankfurt, Dubai zwar Hunderte von Arabern über die Produkte der Neusiedler Papierfabrik informiert habe, aber keine einzige Araberin.

Auf einem Flug von Damaskus nach Kuwait im Jahr 1993 bietet sich mir die Gelegenheit, mit jemandem, der es wissen muss, über dieses Thema zu sprechen. Neben mir sitzt ein Kuwaiti der so wie ich schluckweise von einem Fruchtsaft trinkt. Ich beginne ein Geplauder mit ihm. Ich kann meine Neugier nicht verbergen und komme bald auf die Stellung der Frau im Islam, insbesondere die Gründe für deren Verschleierung zu sprechen.

Offensichtlich wundert er sich, von mir zu diesem Thema angesprochen zu werden, erklärt mir allerdings bereitwillig den - wie mir scheint - offiziellen Standpunkt der islamischen Glaubenslehre, der absolut logisch erscheint. Er meint, dass durch die Verhüllung des weiblichen Körpers im öffentlichen Raum viel weniger Anreiz geboten werde, außereheliche Kontakte anzubahnen.

Ich antworte ihm: „Bei uns wird dieses bei Euch verpflichtende Gebot als Unterdrückung der Frau durch den Mann angesehen. In der westlichen Welt wird jede Diskriminierung von Frauen als nicht mehr zeitgemäß und damit auch falsch angesehen.“

Er erwidert: „Diese Vorschrift wurde nicht von Männern erfunden, sondern ist durch den Koran vorgegeben und tief in der Tradition verwurzelt. Wieso lässt der christliche Glaube zu, dass Frauen ihre Reize so offen zur Schau stellen? Züchtige Kleidung der Frauen ist doch der Garant für ein sündenfreies Leben! Und das ist doch erstrebenswert für alle Menschen!“

„Ihr Muslims seid Euch aber nicht einig, wie die Keuschheit am besten geschützt werden soll. Es gibt regional sehr unterschiedliche Bekleidungsvorschriften. Da gibt es eine Burka, den Nikab oder einfach ein Kopftuch. Welche unterschiedliche Formen gibt es denn und warum?“

Daraufhin ruft mein Sitznachbar einen Kollegen und ersucht ihn, sich neben mich zu setzen, und mir detaillierte Informationen zu geben. Ohne Zögern kommt dieser seinem Wunsch nach, setzt sich neben mich und reicht mir die Hand.

Er beginnt so: „Im Islam gibt es jedenfalls keine großzügigen Ausschnitte und / oder Miniröcke.
Hauptsächlich in Afghanistan gibt es die strengsten Bekleidungsvorschriften für Frauen, die Burka, einen Mantel, der den gesamten Körper bedeckt und für das Gesicht ein Gitter vorsieht, das Blicke von außen abhält.“

„Sie haben recht, eine Burka habe ich hier auf der arabischen Halbinsel noch nicht gesehen oder übersehen“, werfe ich ein.

„Hier in Kuwait und den anderen Ländern im arabischen Raum gibt es mehrere Formen: die Buschija, die dem Namen nach eher unbekannt ist. Sie sieht statt des Gitters einen durchsichtigen Schleier vor dem Gesicht vor und wird sehr viel in Saudiarabien verwendet. Viel bekannter ist der Nikab, der für die Augen einen Sehschlitz frei lässt.“

Ich entgegne: „Es gibt doch viel freizügigere Formen, oder?“

„Ja, da ist noch der Tschador, bei dem der ganze Körper mit Ausnahme des Gesichts bedeckt ist. Und schließlich gibt es die toleranteste Variante, das Kopftuch, das nur die Haare und den Ausschnitt verhüllt.“

„Und wieso haben alle diese Varianten nebeneinander Platz in der islamischen Welt?“

„Jedenfalls sind alle diese Formen ein bedingungsloses Bekenntnis zur Keuschheit. Das ist doch die ehrlichere Form, Allahs / Gottes Gebote zu erfüllen. Finden Sie das nicht auch?“ meint er abschließend. „Da Sie an den Gründen für diese Unterschiede interessiert sind, schicke ich Ihnen unseren Experten für religiöse Belange.“

Der Sitzwechsel beginnt von neuem. Der neue Sitznachbar ist noch freundlicher als die anderen, hört sich meine Frage aufs Neue an und meint: “Es handelt sich hier um keine essentiellen Unterschiede. Die unterschiedlichen Ausprägungen sind historisch gewachsen. Finden Sie es nicht auch verständlich, dass in einem so großen Gebiet wie der gesamten islamischen Welt, die ja nicht nur auf Arabien beschränkt ist, regionale Unterschiede auftreten? Aber alle diese Ausformungen verfolgen dasselbe Ziel, das der sittlichen Reinheit.“

Nicht nur das Ende unserer Flugreise, sondern auch meine Ablehnung, solchen „Bekehrungsversuchen" nachzugeben, beenden unsere Konversation. Mit freundlichem Händeschütteln verabschiede ich mich von meinen Gesprächspartnern und konzentriere mich wieder auf die bevorstehenden Kundenbesuche.

Mit den international vernetzten Repräsentanten meiner kuwaitischen Klienten ergibt sich nie die Gelegenheit, solche Themen anzusprechen, weil es da um Papier und nicht um Religion geht. Andererseits ist mir bewusst, dass auch sie in dieser für mich so fremden Welt aufwachsen und leben. Ich mache also die Tatsache des historisch-religiösen Hintergrunds bei meinen Gesprächen nie zum Thema, lasse sie aber auch nicht außer Acht.

Mir persönlich bieten diese Diskussionen Gelegenheit, Vergleiche zwischen all diesen Frauen, die zuhause ein normales Eheleben führen, und mir, dem ehemaligen katholischen Mönch, der sich zum Zölibat verpflichtet hatte, anzustellen. Gemeinsam ist uns, dass wir - zwar auf unterschiedliche Weise aber mit einer ähnlichen Absicht - mit unserer Kleidung sagen wollen, wir wären keine Lustobjekte. Die Kontrolle bleibt im Islam den Männern und in katholischen Orden der Klostergemeinschaft überlassen. Wie zielführend die verschiedenen Methoden sind, ist mir nicht einsichtig.

Vielleicht ist die Verhüllung des Ausschnitts, der Haare und teilweise des ganzen Körpers und Gesichts zur Kennzeichnung gleich aussichtsreich wie das Tragen eines Habits. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass ein charmanter junger Mann - der ich einmal gewesen bin - durch eine Mönchskutte vor neugierigen Blicken nicht geschützt ist, sondern nur noch attraktiver und damit interessanter wird. - Warum wohl?


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
G:
"Verhüllungen und Enthüllungen“
Rica:
"Verschleierung oder Verführung?“
Antal:
"Blickschutz vor sündigen Gedanken?“
Bea:
"Was ich nicht weiß, macht mich wohl ....“
"Andere Länder, andere Sitten“
Brigitte:
"Verbotenes reizt um so mehr“
"Schon 'der' Apfel war verboten und nur dadurch unwiderstehlich“

Kommentare (autorisiert):

Antal:
Natürlich und sehr wohl wurde diese Regelung von Männern ersonnen – der Koran ist ja nicht vom Himmel gefallen...
Es fragt sich einerseits, warum dann muslimische Männer sich nicht verhüllen müssen – ein muskulöser Männerkörper könnte doch auch sündige Gedanken bei Frauen hervorrufen ?
Andererseits die wichtigere Frage: Warum sollen die FRAUEN für die möglichen sündigen Gedanken der MÄNNER verantwortlich sein ? Die sollen gefälligst selber lernen, sich zurückzuhalten – den Menschen (und damit möglicherweise sogar die Männer) unterscheidet ja vom Tier unter anderem, dass er nicht nur triebgesteuert ist (angeblich...). Mich wundert ja, dass in all den Diskussionen über das Thema diese Frage entweder nicht gestellt oder nicht beantwortet wird !"

Lotte
Es beschäftigt viele, warum die Ausgrenzung der Frauen nötig ist. In der Politik wurde das aufgegriffen. Die Kirche distanziert sich eher vornehm. Aber fast jeder/ jede hat eine Meinung dazu, obwohl das bei anderen Gelegenheiten eher die Ausnahme ist. Es ist nicht nur der Widerspruch in sich, sondern die Neugierde an dem Verbotenen.
Du selbst warst den Leuten nicht wurscht, im Gegenteil sie haben geglotzt und Gedanken sind frei. Genauso ist das Verhüllen der Frauen nur ein Aufmerksammachen auf das Verbotene. Und der Erfolg, dass fremde Frauen tabu sind, ist - wie man aus vielen Berichten kennt - eher gering."

Ursula
Ich möchte auf das Buch von Christina von Braun und Bettina Mathes
"Verschleierte Wirklichkeit - Die Frau, der Islam und der Westen" aufmerksam machen. Man findet dort sehr viel Interessantes zu diesem Thema!"