Episoden aus meinem Leben

54. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

Es ist möglich, mit diesem Link zur Übersicht aller bisherigen Splitter die früheren Splitter nachzulesen.
Unter dem folgenden Link zum Feedback auf diesen Splitter kommt Ihr direkt zum Feedback dieses Splitters.
Ich freue mich, wenn Ihr für jeden dieser Splitter einen Titel gemäß Euren individuellen Vorstellungen oder einen anderen Kommentar an mich schickt: egon.biechl@chello.at Auch der Wunsch, die Splitter regelmäßig per Email zu erhalten, kann hier deponiert werden.
Kommentare nur für mich privat bitte als solche kennzeichnen.

Versuchung Kirchenbeitrag

Ich bin meist nicht schnell entschlossen, aber konsequent.

Bei meinem „ewigen" Gelübde habe ich bereits versprochen, lebenslang im Orden der Serviten zu bleiben. Zudem habe ich mich als Subdiakon ganz offiziell auf Lebensdauer zum Zölibat verpflichtet. Trotzdem bedeutet für mich erst der Ernst und die Endgültigkeit der Priesterweihe die Notwendigkeit klarzustellen, ob ich tatsächlich für immer ehelos bleiben will … oder nicht.

Meine bisherigen Begegnungen mit Frauen lassen mich in dieser Situation darüber grübeln, ob ich tatsächlich in der Lage und vor allem gewillt bin, alle diese verlockenden Möglichkeiten auszuklammern. Ich bin mir bewusst, tagtäglich gegen meine Triebe ankämpfen zu müssen. Werde ich dabei erfolgreich sein, indem ich bis in mein Greisenalter ausreichend Zeit und Konzentration darauf verwende? Oder werde ich in Einzelfällen meine Beherrschung verlieren? Oder wird so etwas gar zur Routine werden? Beispiele dafür gibt es genug.

Diese gründlichen Überlegungen führen dazu, dass ich definitiv beschließe, meine klerikale Laufbahn abzubrechen und aus dem Kloster auszutreten. Knapp danach teile ich den zuständigen Persönlichkeiten meinen Entschluss mit. Für mich ist es dabei zweitrangig, ob ich dispensiert werde oder ob ich im Unfrieden scheiden muss.

Aber mein Provinzial, zuständig für den Serviten-Orden im österreichischen Raum, verschafft mir an höchster Stelle die Dispens von meinen diversen Verpflichtungen. Er ist gelassen genug, mir keinen Schuldkomplex einzuimpfen, und bleibt mir wohlgesonnen. Wie immer schon schätze ich ihn auch dafür. Selbst finanziell würde er mir - so bekräftigt er - anfangs über die Runden helfen. Aber ich lasse ihn wissen, dass ich eine Tante habe, bei der ich fürs Erste unterkommen kann. Jedenfalls versichert er mir, dass sein Versprechen auch weiterhin gilt. Ich meinerseits bin der Meinung, dass meine 14-jährige Ausbildung und Versorgung im Kloster meine Leistungen, die ich dort erbracht habe, angemessen aufwiegen.

Meine Tante gewährt mir für zwei Monate Unterschlupf in ihrer Wohnung. Eine Beschäftigung, die mir zusagen würde und die auch lukrativ wäre, redet sie mir aus. Sie rät mir, die Stellung in einer Firma anzunehmen, die zwar weniger zahlt, ihr aber sicherer scheint.

Ich beginne also meine berufliche Laufbahn in dieser Firma in Oberösterreich und verdiene mir meine ersten Sporen in der Export-Abteilung. Dort beziehe ich auch mein erstes Geld, das für nicht viel mehr reicht als dafür, mein Zimmer in Enns zu bezahlen.

Konsequent verlasse ich diese Firma, als ich meine erste Frau kennen lerne und nach Wien ziehe.

Konsequent kündige ich bei dem Unternehmen in Wien, als mir klar wird, wie wenig ich im Vergleich zu meinen Kollegen verdiene. Aufgrund meines geringen Gehalts bei der vorhergehenden Firma war ich niedriger eingestuft worden.

Ausnahmsweise schnell entschlossen trenne ich mich von der nächsten Firma, bevor diese von einer Bank und nicht mehr vom Eigentümer verwaltet wird.

Konsequent verabschiede ich mich schließlich vom nächsten Betrieb, als ich feststellen muss, dass ich als ein Handelsvertreter am Anfang meiner Tätigkeit - so wie ich - mindestens drei Monate auf die erste Auszahlung warten muss.

So viele konsequente Entscheidungen!

Bereits im Jahr 1970 erhalte ich die erste Aufforderung zur Erstattung des Kirchenbeitrags für die Jahre 1969/1970. Ich ersuche daraufhin, den vorgeschriebenen Betrag zu reduzieren und bitte zu berücksichtigen, dass ich in der ersten Hälfte 1969 noch Kleriker war, ich dafür auch kein Gehalt erhalten habe und am Beginn einer beruflichen Laufbahn stehe.

Ich führe auch an, dass meine Frau aufgrund ihrer Scheidung keine Rechte auf den Empfang von Sakramenten hat und trotzdem der Verpflichtung zum Kirchenbeitrag nachkommen soll.

Dreizehn Monate (!) später wird uns von der Kirchenbeitragsstelle mitgeteilt, dass sich der Ausschluss vom Empfang der Sakramente aus deren Natur ergibt. Wir seien jedoch nach wie vor in das seelsorgliche Wirken einbezogen und an den Leistungen und Werten der Kirche beteiligt. Dieses Schreiben beinhaltet jetzt eine Beitragserklärung, die vom Beitrag für das Jahr 1969 absieht. Im Gegensatz dazu wird der Freibetrag für unser zweites Kind aus der ersten Ehe meiner Frau nicht berücksichtigt. Das ist zwar ein Versehen, verärgert mich aber trotzdem. Meinem darauf folgenden Gegenvorschlag zur Reduktion auf ein erträgliches Maß wird für drei Jahre stattgegeben.

Das Verhältnis zur Kirche kühlt immer mehr ab und reduziert sich schließlich nur mehr auf finanzielle Belange. Es endet mit dem Brief eines Rechtsanwalts, der die Klage auf Begleichung des überfälligen Beitrags für ein halbes von insgesamt 17 Jahren enthält. „Endet“ deshalb, weil ich den restlichen Betrag bezahle und gleichzeitig mit meiner Frau aus der Kirche austrete.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Bea:
"Konsequent ist der Mann“
Brigitte:
"Vorschrift ist Vorschrift“
"Kampf gegen Regeln wider die Natur“
"Drum prüfe, wer sich ewig (kirchlich oder weltlich) bindet“
Antal:
"Kompromisse? Nein, nein, das ist nicht meins!“
G.:
"Schlussstriche“

Kommentare (autorisiert):

Brigitte:
Mein Austritt aus der Kirche hat sich ähnlich abgespielt."
Antal:
Hut ab vor der Sammlung klarer Entscheidungen !"