Episoden aus meinem Leben

56. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Im Alter von sechs Jahren werde ich für Gähnen und Recken in der Schulbank ermahnt und damit eingeschüchtert. Ich bin in der Volksschule in Huben im Tiroler Ötztal. Dort gab es keinen Kindergarten, wo ich vorher lernen hätte können, wie man sich in der Schule verhalten soll.

Bereits sechs Wochen später darf ich in der nächsten Schule wegen Schwätzens „Ecke-Stehen“ und „Scheitl-Knien“. Überraschend für mich sind wir in einen anderen Tiroler Ort, nach Lermoos im Außerfern umgezogen. Ich bin in meiner Klasse der einzige der im Fach „Singen“, einen Dreier bekommt. Ab sofort verabscheue ich diese Benotung und damit auch das Singen.

Anschließend besuche ich die Hauptschule im Nachbarort Ehrwald. Aber nicht lange, weil nach einem halben Jahr habe ich erstmals Kopfschmerzen. Ein halbes Jahr bin ich in Ferien und fange dann mit der Klasse von vorne wieder an. In „Musik“ verbessere ich mich auf einen Zweier, obwohl ich immer noch nicht singen kann.

In der zweiten Klasse Hauptschule werden meine Aufsätze immer wieder in der ganzen Schule vorgelesen. Meine Selbstgefälligkeit steigt dadurch ins Unbeschreibliche und ich zerplatze fast vor Überheblichkeit. Meine Klassenlehrerin engagiert sich aufgrund meiner Leistungen sehr für mich und vermittelt mir die Aufnahme in ein von der Kirche gefördertes Privatgymnasium in Volders im Tiroler Unterinntal.

Voller Enthusiasmus fange ich dort an und überspringe die erste Klasse, um nur ein und nicht zwei Jahre zu verlieren. Das ist deshalb möglich, weil mir Pater Romedius, der Prior des Klosters, selbstlos Latein im Individualunterricht beibringt. Ich bekomme in diesem Fach eine „Zwei“, falle aber in „Deutscher Sprache“ und „Mathematik“ auf eine „Zwei“ zurück. Meine Deutschkenntnisse sind offensichtlich doch nicht so gut. Aber singen kann ich jetzt hervorragend, zumindest auf dem Papier.

Meine schulische Karriere wird wieder einmal abrupt unterbrochen. Nach der dritten Klasse Gymnasium wird die Schule in Volders aufgelassen und wir wechseln in das Bundesgymnasium in Innsbruck. Dazu müssen wir eine Aufnahmeprüfung in allen Fächern ablegen.

Nach einem Jahr stellt sich heraus, dass meine Deutschkenntnisse gerade noch für ein „Genügend“ reichen. Welche Schande! In der fünften Klasse muss ich im April das Gymnasium verlassen. Meine Kopfschmerzen plagen mich zum zweiten Mal. Das nächste Zeugnis bekomme ich ein Jahr später. Die Noten bleiben - mit Schwankungen - gleich. In Geschichte bekomme ich ein Genügend, weil mich der Herr Professor mit seinem Vortrag einschläfert..

Erst in der 8a-Klasse, in der ich vom Klassensprecher zum Schulsprecher aufsteige, bekomme ich in „Musik“ sogar eine Zwei, weil ich die Tondiktate unseres Musikprofessors, die mit den Ohren zu erfassen sind, von seinen exakten begleitenden Handbewegungen besser ablesen kann.

Bei der Matura schreibe ich in den vier Hauptfächern eine Zwei. Ich falle unter meinen Kommilitonen schon deswegen auf, weil ich die Latein-Arbeit im Versmaß von Distichen übersetzt habe, wobei der Pentameter mit der Zäsur in der Mitte viel schwieriger ist als der Hexameter. Das steigert wieder einmal mein Selbstbewusstsein, vor allem da sich mein Lateinprofessor beim 5-jährigen Matura-Jubiläum noch daran erinnert.


Nach der bestandenen Matura werden wir übermütig und verkleben das Schultor mit Zeitungen. Nur einige Vernünftige halten mich, den Initiator, davon ab, auch das Hoftor mit einzubeziehen. In der Matura-Zeitung werden alle, Mitschüler wie Professoren durch den Kakao gezogen. Mich bezeichnet man als „Klosterbruder mit Waldbrunner-Nase und Lendenlordose á la Australneger sowie als Meister im Stirnrunzeln und Ohrenwackeln“.

Im Herbst beginne ich mein Philosophiestudium mit Hebräisch. Diese Sprache ist offensichtlich zu schwer für mich. Es bleibt nämlich bei einer einzigen Lektion, weil ich getreu meinen Usancen zum dritten Mal mit Kopfweh beginne und ein Jahr aussetze.

Nach all den Jahren weiß ich jetzt aber, welches Benehmen von uns Schülern erwartet wird.

Matura

kostenfrei
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Titel-Tipps:
G:
"Von Umgangs- und anderen Tönen"
Helmut:
"Skizzen meines Bildungsweges“

Bea:
"Aus Fehlern wird man klug"
"Schüler Egon hat's nicht leicht“
"Egon, der Waldbrunner Musterknabe“

Gerti:
Ihr seid recht gut, aber ich bin ein bisschen besser ..."
Brigitte:
Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir
(was auch immer)"

Ecke-Stehen, 'Scheitl-Knien' -
damit gibt die Schule Kindern etwas mit fürs Leben !!!"

Drum singe, wem Gesang gegeben -
die Schule zeigt, wie ernst das Leben...."
„Schulkarriere - ein Auf und Ab wie im weiteren Leben "


Kommentare (autorisiert):

Helmut:
Auch ich habe Jambus, Daktylus, Trochäus und Anapäst neben Hexametern und Pentametern in das Heute gerettet"
G.:
Immer wieder köstlich, wie du auch deine eigenen charakterlichen Schwächen reflektierend zelebrierst. Der Katholizismus manifestiert sich im Knochenmark..."
Brigitte:
Wie ein Blitz hat mich deine Erwähnung des Geschichtsunterrichts getroffen. Bis heute hab ich leider große Lücken im Geschichte- und Geographie-Wissen, da diese Professoren einem sadistisch das Leben zur Hölle gemacht haben, aber kein brauchbares Wissen vermitteln konnten. Jetzt ist es auch schon "wurscht", ich habe alle meine Urlaubsdestinationen gefunden !"