Episoden aus meinem Leben

58. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Tonsur Habit

Ein Mönch braucht eine Tonsur!

Anläßlich meiner feierlichen Einkleidung zum Novizen mit dem Ordensgewand der Serviten schneidet man mir eine Tonsur. Sie dient als symbolisches Zeichen meines Gehorsams gegenüber der kirchlichen Gemeinschaft, der ich mich in diesem Augenblick anschließe. Es ist ein Zeremoniell, bei dem mir nur ein kleines Büschel aus meinem Kopfhaar herausgeschnitten wird. Daher sieht man es kaum. Außerdem wächst die Haarpracht ohnehin gleich wieder zu. Das ist in Innsbruck, in Österreich.

Weil ich meine Priesterstudium in Italien absolvieren werde, reise ich frohen Mutes nach Saluzzo im norditalienischen Piemont.

Was ist anders außer der Sprache? Hier in Italien gibt es manche Gepflogenheiten im klösterlichen Leben, die mir ganz neu sind. Zusätzlich zur Kapuze, die ich mir bis jetzt immer nur während der Meditation aufgesetzt habe, gibt es noch eine andere Kopfbedeckung. Ab sofort steht mir zum Ausgang jenseits der Klostermauern auch ein schwarzer, runder, breitkrempiger Hut zur Verfügung. Bisher habe ich nie einen Hut getragen, nicht einmal im Winter. Deswegen vermeide ich, diesen klerikalen Hut zu verwenden. Weil man mir sagt, dass ich damit gut ausschaue, setze ich ihn doch manchmal auf.

„Einschneidender“ jedoch ist die Tonsur, die hier viel größer ausgeschnitten wird, als in meiner Heimat üblich. 14-tägig lädt ein Kollege, ein Spanier, der als „Hairstylist“ fungiert, jeden von uns verbindlich zum Haarschnitt. Neben den üblichen Utensilien eines Frisörs hält er eine kleine Suppenschale bereit. Das erste Mal frage ich mich: wozu wohl? Als er sie mir aufsetzt, erkenne ich spontan, dass sie zum Ausschneiden der Tonsur dient. Er markiert so die Umrisse und schert das Zentrum auf zwei bis drei Millimeter-Stoppeln zurück. So bin ich „gebrandmarkt“. Aber: bei den Serviten ist es nur ein Kreis und nicht ein Haarkranz. Bald wird das ohnehin nicht mehr so rigoros gehandhabt. 1973, nach meinem Austritt aus dem Kloster, wird die Tonsur von Papst Paul VI gänzlich abgeschafft.

Gleichzeitig mit den Herausforderungen, die das „weltliche“ Leben auch für uns Klosterinsassen mitbringt, verändert sich unser Habit. Bald schon genügt der Priesterkragen, dieses Stück weißen Plastiks, das in ein speziell angefertigtes Hemd gesteckt wird. Das Ordensgewand ist hinderlich beim Ausüben einiger Sportarten wie Rad- oder Motorradfahren. Zum Fussballspielen ist es auch nicht ideal. Beim Schi- und Rodelfahren im Winter und beim sommerlichen Wandern im Hochgebirge ist es unbequem und beim gelegentlichen Theaterspielen ist es schlichtweg kontraproduktiv. Normalerweise
jedoch gilt die Pflicht zur Mönchskutte nach wie vor.

Ganz neu ist die Situation, als wir in das Kloster Superga bei Turin umziehen. Dort gibt es nämlich keine Klausur, unzugänglich für Außenstehende. Vor unserem Zuzug haben hier nur der Pater Montá, der General unserer Ordensgemeinschaft, und einige Patres zu seiner Unterstützung residiert. Eine Klausur kann nur durch die Weihe von berufener kirchlicher Stelle eingerichtet werden. Eine solche Klausur gibt es derzeit in unserem Kloster, das eher als Wallfahrtsort konzipiert ist, nicht.

Wir einfachen Fratres auf dem Weg zur Priesterweihe wundern uns sehr, dass mit Billigung des höchsten Repräsentanten der „Servi di Maria“, dem Pater General, auch Laien, ja sogar Frauen in unsere Zellen kommen dürfen. Doch schnell und locker gewöhnen wir uns an diese neue Situation, die uns so viel mehr Freiraum lässt.

Was passiert? Wir laden unsere Freunde und Freundinnen (natürlich in dieser Reihenfolge) ein, unsere Zellen zu begutachten. Diese unsere - bis dahin beispiellosen - Einladungen finden regen Zuspruch, den wir entsprechend genießen. Wir albern herum und lassen die Besucher sogar in unsere Ordensgewänder schlüpfen, was willkommenen Anlass für einige gewagte Fotos bietet. Zur Krönung animieren wir auch eine der geladenen Frauen, einen Habit anzuziehen. Sie stülpt sich sogar die Kapuze über den Kopf.

Auf eine Tonsur verzichtet sie.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Antal:
"Monasterial fashion news“
Helmut:
"Persönliches hinter Klostermauern“
Fritz:
"Gut behutet und gewandet geht alles leichter“
Brigitte:
"Modische Frisur zum modernen Outfit“
"Auch Priesteroutfit geht mit der Zeit“
"Kleidung, Haarschnitt, Hut - Neuerung tut gut“
"Bitt sie, Herr Friseur, nehmes ihner Scher... (Heinz Conrads) “

Kommentare (autorisiert):

Helmut:
Bei mir ist die Tonsur erst mit dem Alter von Gott angeordnet worden – und ganz ohne Friseur."
Lotte:
Interessant, wie es denn so war in der Zeit 'vor der Priesterweihe'.
Wenn man die Veränderungen in der Kirche hochrechnet ,werden in 2 oder 3 Hundert Jahren auch Frauen zu den höchsten Ämtern zugelassen und die Priester beschäftigen sich mit der eigenen Familienplanung. Es würde ja auch niemanden stören."