Episoden aus meinem Leben

59. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Glueckskind PapaEgon-Baby

Den Baukasten und den Schaukelstuhl mit Pferdekopf macht mir mein Papa. Er hängt sogar eine Rosshaar-Mähne daran. Der kann das.


Baby- und Kindheitsfotos macht eine liebe „Tante“, Freundin meiner Mutter. Da ist sie Spitze. In den für mich so unbeschwerten Jahren strahle ich über’s ganze Gesicht. Meine Augen blitzen. Mit sperrangelweit offenem Mund lache ich lauthals und voll unbändiger Freude.

Meine Mama kümmert sich um mich, meinen Papa sehe ich nur selten. Er ist zwar fast immer zuhause, ich darf aber nur am Arm meiner Mama zu ihm in die Werkstatt.

Gehandikapt durch einen Verschub-Unfall bei den Österreichischen Bundesbahnen, bei dem er einen Unterschenkel verlor, muss er eine Prothese tragen. Da es danach auch erforderlich ist, eine ganz andere Arbeit auszuüben, macht er in Karlstein die Ausbildung zum Uhrmacher. Hier im Ötztal bietet sich ihm jetzt die Möglichkeit, die Uhren von sämtlichen Dorfbewohnern zu reparieren.

Alleine darf ich also nicht in die Werkstatt, weil es fürchterlich schlimm wäre, wenn ich ihm die Kleinteile wie Zahnrädchen oder Anker durcheinander bringen oder gar verschmeißen würde. So kenne ich ihn meist eben nur aus der Entfernung. Er hat einen grauen Arbeitsmantel und eine schwarze Lupe, die er sich über seinem rechten Auge einklemmt.

Ich schwelge also in großer Freude, als er mich, den Vierjährigen, in den Wald zum Holzen mitnimmt. Wie er das seiner Frau, meiner Mutter erklärt hat, das weiß ich nicht. Ich bin jedenfalls Feuer und Flamme und freue mich auf dieses Abenteuer. Für mich ist das nicht nur eine Abwechslung. Es ist ein Ereignis. Es prägt sich ein in mein Gedächtnis. Folgsam wie sonst nie gehe ich neben meinem Vater. An der Hand kann er mich nicht halten, weil er Handsäge und Schlegel mitführen muss. Ich bin stolz auf diese neu erlangte Selbständigkeit und trage sogar mit großem Vergnügen zwei Keile, die er mir überlässt.

Weil er wegen seiner Prothese ohne Stütze nicht steil bergan gehen kann, hat er sich einen Baum am ebenen Waldboden zuteilen lassen. An seiner Seite gehe ich den flachen Weg in den Wald hinein und verfolge aufmerksam, wie er es anstellt, den Baum zu fällen. Zunächst schneidet er eine Kerbe in den Stamm. Das deswegen, damit der dann in die richtige Richtung fällt. So erklärt er mir das. Dann macht er sich an die große Aufgabe, nimmt die Säge noch einmal zur Hand und beginnt die für ihn so mühsame Arbeit des Umschneidens. Dabei muss er immer aufpassen, nicht hinzufallen.

Gebannt schaue ich ihm zu und verfolge genau, wie das funktioniert. Aber ich bin auch unternehmenslustig und kraxle den Hang empor. Unbedarft nähere ich mich dabei einer Böschung im Waldboden, kann mich nirgends mehr anhalten und stürze hinunter vor die Füße meines Vaters. Der bekommt einen riesigen Schrecken, merkt aber bald, dass ich nur einen kleinen Kratzer abbekommen habe.

Da sagt er mir eindringlich: „Sag der Mama ja nichts! Die schimpft sonst wieder. Sie regt sich nur unnötig auf.“ Ich mag meinen Papa, der mir so viel mehr Freiheit lässt, sehr, halte mich genau an seinen Wunsch und schweige bedingungslos. Das schweißt uns beide zusammen und besorgt mir manches Augenzwinkern von seiner Seite, worüber ich mich jedes Mal unglaublich freue.

Ich bekomme Angst, wenn er und meine Mama miteinander streiten. Meine Mama beschuldigt den Papa, ihr nicht geholfen zu haben, hier nicht und dort nicht. Wenn er darauf bedachtsam reagiert und nicht viel widerspricht, schreit sie umso lauter. Auf ihrem Arm fühle ich mich scheußlich.Viel lieber möchte ich mich an Papa's Hosenbein schmiegen, bis das „Gewitter" vorbei ist.

Der Papa bleibt immer öfter von Zuhause weg. Vor allem deswegen, weil wir umgezogen sind und er seine Kunden für Uhren-Reparaturen verloren hat. Er muss sich mit seinen 49 Jahren anderswo Arbeit beschaffen und kommt nur dann zu uns, wenn ihn meine Mama für gröbere Hausarbeiten wie Holzhacken, Möbel restaurieren oder Elektrik installieren braucht.

Ab der dritten Klasse Volksschule höre ich von meiner Mama bei jeder Gelegenheit Klagen über ihn. Sehen tu ich ihn nicht mehr.


kostenfrei
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Titel-Tipps:
Bea:
"P A P A“
"Mein Papa“
Brigitte:
"Papa“
"Papa - mein kleines herz im Auf und Ab“
"Papa - quo vadis?“
Helmut:
"Schöne frühe Kindheit!“

Kommentare (autorisiert):

Klaus:
„Die Geschichte über die große Liebe zu Deinem Vater hat mich sehr berührt."
Helmut:
„Ich dachte bei manchen Deiner lebendigen Schilderungen auch zurück und konnte vieles nachempfinden."
Jaleh:
„Süße Bilder!"
Brigitte:
„Wenn einem Kind der geliebte Vater schön langsam abhanden kommt, ist das wirklich traurig. Deine Schilderung geht ans Herz."