Episoden aus meinem Leben

62. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Nähmaschine Handwerker

Ich bin der Wunderwuzzi, das Allroundgenie, ich kann alles und das auf Anhieb.

Zu einem Hobby von mir entwickelt sich die Montage von Selbstbaumöbeln. Dazu braucht man nur mit einem Schraubenzieher hantieren und lesen zu können. Schwierig wird es erst dann, wenn das Bindeglied zwischen beiden Fähigkeiten nicht sehr ausgebildet ist, das räumliche Sehen.

Wenn eine Beschäftigung zum Hobby wird, bemüht man sich, dessen Geheimnisse zu erforschen, die Schwierigkeiten zu erkennen und die Herausforderungen anzunehmen. So auch ich.

Freilich setze ich die ersten Schritte auf diesem Gebiet - so wie es einem Unerfahrenen zusteht - unter dem Motto „try and error“. Ich wage mich sogar an ein Experiment heran, wofür es keinen vorgefertigten Plan gibt. Wir haben nämlich eine Stereoanlage geschenkt bekommen und überlegen, wo wir diese unterbringen können. Meiner Frau fällt ein, dass man dafür das altmodische Nähmaschinen-Tischchen verwenden könnte. Auch das war ein Geschenk für unseren neuen Haushalt. Im Bewusstsein, dass wir damit eine gangbare Lösung unseres Problems gefunden haben, mache ich mich daran, im unteren Teil der Nähmaschine ein Brett zur Halterung der Anlage anzubringen. Das stellt für mich eine Herausforderung dar. Aber davor schrecke ich nicht zurück. Ich lerne, ich lerne erfolgreich. Exakt messe ich mit akribischer Genauigkeit den Zwischenraum ab, in den das geplante Brett passen soll. Mit dieser Information wende ich mich an die Außenstelle von Peter Max und bestelle das erforderliche Material. Die Länge des Brettes wird nur in Standardmaßen ausgeliefert, aber ich traue mir ohne weiteres zu, dasselbe entsprechend zu kürzen. Als ich das Bestellte geliefert bekomme, beginnt für mich die gedankliche Vorbereitung. Ich setze mein Vorhaben in die Tat um. Und - wen wundert das - es gelingt mir. Meine Frau behauptet zwar, dass ein Fachmann diese Arbeit in zehn Minuten erledigt, ich aber geschlagene sieben Stunden dafür gebraucht hätte. Ich bezweifle beides, aber dreieinhalb Stunden werden es wohl gewesen sein. Und den See von meinem Schweiß kann ich nicht ableugnen. Stolz blicke ich auf das Resultat, das ich - ich ganz allein - mit meiner Hände Arbeit geschaffen habe. Ich bin Meister auf diesem Gebiet!

Beim folgenden Projekt passiert mir ein kleines Missgeschick. Der Zusammenbau der geplanten Anrichte wird etwas gestört, weil ich ein Brett seitenverkehrt anschraube. Das lässt sich mühsam aber doch beheben. Ich schwitze wieder sehr, aber das fällt nicht weiter ins Gewicht.

An das nächste Möbelstück gehe ich mit großem Elan, aber auch behutsamer und gleichzeitig zuversichtlicher heran. Es ist eine Stellage und der Schwierigkeitsgrad hält sich in Grenzen. Kein einziges Problem außer meinem Schweiß macht mir zu schaffen. Über das reibungslose Gelingen meines Gesellenstücks freue ich mich ausnehmend.

Kurz darauf stelle ich mir eine neue Aufgabe. Es geht um das Zusammenstellen eines Wohnzimmerschranks nach ausgeklügelten Plänen des Herstellers. Ich fühle mich bereits als Experte und nehme die Arbeit samt dem Risiko des Schweißes, der in Strömen fließen wird, auf. Die Oberfläche ist in Steineiche und ich freue mich schon jetzt auf das Gelingen meines Meisterwerks. Frohgemut und mit großem Eifer stürze ich mich in die Arbeit. Allerdings ärgere ich mich bald - umgeben von zwei Enkelkindern - darüber, dass bei einem Seitenteil die Bohrungen fehlen. Aber was nützt es mir, mitten bei der Arbeit einen Ersatzanspruch zu stellen. Ich bohre selbst die erforderlichen Löcher. Noch vor dem endgültigen Zusammenbau stellt sich jedoch heraus, dass dieser Seitenteil für eine andere Stelle vorgesehen war.

Nach dem Zusammenschrauben eines Badezimmer-Kastens bitte ich meine Frau, mir beim Einfügen der dünnen Rückwand behilflich zu sein. Allein schafft man das nicht. Willig stellt sie sich zur Verfügung. Ist es mein Ungeschick oder ihre Ungeduld, wir müssen aufgeben. Am nächsten Tag gehe ich allein in Ihre Praxis und behelfe mich mit passenden Gegenständen, um die Rückwand in der gewünschten Stellung zu halten. Unbeeinflusst von irgendwelchen Unmutsäußerungen schaffe ich es ohne Hilfe und stelle den Schrank auch alleine am vorgesehenen Platz auf.

Meine Frau ist froh und sagt es mir auch. Allerdings meint sie, sie hätte einen weißen Kasten bestellt und nicht einen hellblauen. Ich weiß mir keinen Rat. Sie meint jedoch, dass es nicht so tragisch wäre.

Tage später kommt meine Tochter. Konfrontiert mit dieser Aussage, geht sie hin und schält die blaue Schutzfolie vom Kasten.


kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:
Antal:
"Spät übt sich, was ein Meister werden will.“
G.:
"Blauäugiges D(o) I(t) Y(ourself)“
Adalbert:
"Der Wunderwuzzi “
Helmut:
"Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“
Gerti:
"Meister Eder und sein Pumukel“
"Meister Biechl und die Selbstbaumöbel“
Brigitte:
"Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“
"Geht nicht - gibts nicht“
"Man(n) wächst mit seinen Aufgaben“

Kommentare (autorisiert):

Toni:
„… einfach köstlich. Du hast ein seltenes Gen, das Schweiß und Ärger in Humor umwandeln kann, das ist sensationell!"
Antal
„Du sprichts uns allen Nicht-Technikern aus der Seele..."
Brigitte
„Ich hatte vor vielen Jahren eine Handtasche erstanden, deren Metallbeschläge so seltsam matt schienen. Als sich nach einiger Zeit die (blassblauen) Folien zu lösen begannen und ich sie entfernte, waren auf einmal schöne goldfarbene Beschläge da ! Man / frau lernt nie aus !!"