Episoden aus meinem Leben

63. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Die CeBIT in Hannover steht an. Man kann nicht sagen „vor der Tür“, weil sie einen Flug von eineinhalb Stunden voraussetzt. Sie setzt aber auch voraus, dass ich mich für die Treffen mit meinen vielen Kunden aus Griechenland, der Türkei und den verschiedenen Staaten des Mittleren Ostens und Nord-Afrikas zwischen Casablanca und Teheran vorbereite. Der möglichen Ansprechpartner gibt es viele: etwa 250 aus der Türkei, 200 aus Griechenland, jeweils 120 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Israel und zum Abrunden 85 aus Saudi-Arabien. Dann gibt es noch zirka 500 aus den restlichen 15 Ländern meines Verkaufsgebiets.

Mein Vorteil ist, dass sich nur etwa 15% von denen einen Flug nach Hannover leisten wollen. Es bleiben jedoch immer noch genügend Klienten, die bei mir eine Beratung über bisherige und künftige Geschäfte suchen. Zusätzlich gibt es Interessenten, die konkrete Angebote zu unseren Produkten, gestaffelt nach Qualität und Abnahmemenge erwarten. Mein Gedächtnis schwankt zwar zwischen gut und ausgezeichnet, aber die Vielfalt erfordert doch die Mitnahme wichtiger Details in neun Akten-Ordnern.

Unser Messestand ist groß, die anreisende Frau- und Mannschaft ansehnlich. Die Hotelpreise in Hannover sind zu Messezeiten exorbitant, sodass unser Finanzchef beschlossen hat, diese nicht bezahlen zu wollen. Deshalb übernachten wir außerhalb der Stadt an einem Ort, der eine Busfahrt von etwas mehr als eine Stunde hin und nicht weniger zurück erfordert.

Am ersten Tag ist weder die Hin- noch die Rückfahrt ein Problem. aber an den folgenden Tagen dauert das gesellige Beisammensein mit Kunden bis kurz vor Mitternacht. Anschließend müssen noch alle Sessel weggeräumt werden, damit der Reinigungs-Trupp effizient arbeiten kann. Dazu gibt es allabendlich die Aufforderung von Herrn Stadler, unserem deutschen Messeleiter, zu „stuhlen“. Wir Österreicher grinsen über diesen Ausdruck, gehorchen aber der Weisung, die uns durchaus einsichtig erscheint.

Die Busfahrt ins Hotel wird zum Schlafen genützt, die Rückreise am nächsten Morgen bei all dem Nachholbedarf ebenfalls. Da ich einer der ersten bin, der nach einer kurzen Schlafpause die Augen aufschlägt, nehme ich - nicht zu früh und nicht zu spät - das Mikrophon in die Hand und wecke die Mitfahrenden, die den halben Bus füllen, mit ein paar launigen Witzchen. Besonders beliebt ist die Geschichte über den Disput zwischen dem Vormitternachts-Nachtwächter und dem Nachmitternachts-Nachtwächter. Sie kann von mir so in die Länge gezogen werden, dass man dabei nichts versäumt, sie aber trotzdem unterhaltsam findet. Ähnlich amüsante Details enthält die Story, die sich um den Aufbau eines Wortes, das mit „Hottentotten“ beginnt und mit „Hotten-totten-stotter-trottel-mutter-attentäter-lattengitter-wetterkotter-beutelratte“ endet.

Nach dem morgentlichen „Stuhlen“ am Messestand genieße ich meine Sonderstellung, die mir Ilse, dazu befugt in ihrer Rolle als Stellvertreterin des Leiters unserer bundesdeutschen Repräsentanz zubilligt. Sie ist die eigentliche Chefin hier. Da sie aus Bayern stammt, versteht sie unsere Bedürfnisse und wir ihre Befugnisse am besten.

Als einziger habe ich - neidischen Blicken zum Trotz - das Privileg eines fixen Platzes in einer Ecke des Neusiedler Messestandes. Hier verfüge ich über einen kleinen Tisch, einen Sessel für mich und zwei für meine Kunden. Die Ordner habe ich in Griffweite neben mir angeordnet, gilt es doch, rasch und zielgerichtet den gesuchten Akt zu finden. Ich bin also nicht auf die Reservierung eines Besprechungszimmers angewiesen. Das führt nämlich oft zu erheblichen Interessenskonflikten zwischen den einzelnen Mitgliedern unserer Truppe, die sich oft darum raufen müssen. Ich residiere hier also wie ein Pascha, obwohl mir der offizielle Titel „Director“ nur bei kleineren Messen in Istanbul oder Dubai verliehen wird.

Messe

Mein erster Kunde trifft meist pünktlich um neun ein und hat die Absicht, mich länger zu belagern. Sobald jedoch der zweite aus dem Kreise meiner Kundschaft bei mir auftaucht, muss ich mich auf einen Rhythmus von 15 bis maximal 20 Minuten pro Interessent einpendeln. Daher wird die fixe Vergabe von Besprechungszeiten von Bereitwilligen aus meiner Kollegenschaft organisiert.

Allabendlich gibt es - wie schon erwähnt - ein geselligen Beisammensein Mein Boss und meine Kollegenschaft halten jetzt die VIP-Kunden, mit denen sie tagsüber entscheidende Gespräche über die Abnahme von Großmengen geführt haben, in Kauflaune. Neben kurzweiligen Unterhaltungen bei Speis und noch mehr Trank werden immer noch ernsthafte Diskussionen geführt. Schließlich möchten sowohl unsere Kunden als auch wir Bescheid wissen über die Absatzmärkte für Papier, beherrscht von einigen wenigen Unternehmern.

Ich bin zwar eifrig dabei, habe aber jetzt - im Gegensatz zu den anderen - keine Kunden mehr zu betreuen. Meine Zeit zur Erholung ist gekommen. Ich trinke ein Viertel Rot und rauche eine Pfeife nach der anderen. Der Nichtraucherschutz ist kein Thema und der Pfeifenduft, den ich verströme, wird angenehm empfunden und gilt als mein Markenzeichen.

Nach fünf stressreichen Tagen mit je nur vier bis fünf Stunden Schlaf ist die CeBIT endlich vorbei und wir fliegen zurück nach Wien. Die Länge des Flugs ist dieselbe wie bei der Anreise, aber noch denkt keiner an die Aufarbeitung dessen, was wir mitgebracht haben, und dessen, was sich während unserer Abwesenheit angesammelt hat. Wir sind erschöpft.


kostenfrei
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Titel-Tipps:
Helmut:
"In der Auslage“
Brigitte:
"Schlafmangel und Geschäftserfolge“
"Die große weite Welt in meiner Messekoje“

Kommentare (autorisiert):

Antal:
"Ich danke Dir für Deine „Schlaflosen Messesplitter” – ein- oder zweimal hatte ich damals ja auch das „Vergnügen” der mörderischen Cebit. Die Fahrten von und zur kahlen Pension, die Neusiedler etwa 60 km ausserhalb komplett gemietet hatte, sind mir noch immer in Erinnerung, und auch die zwei riesigen Neusiedler-Stände, einer davon am Dach. Du warst ja insofern wirklich privilegiert, als Deine Kunden als häufig relativ brave Muslime nicht dem Alkohol frönten, während unser aller Stehvermögen permanent auf das Ausgiebigste getestet wurde...."
Toni:
"Sehr gut geschildert, als ob es gestern gewesen wäre.
Eines muß ich noch ergänzen:

Egon starrt Scheich an – Scheich starrt Egon an, stundenlang, wie kommunizieren die? Das weiß bis heute keiner -)"