Episoden aus meinem Leben

67b. Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Uhrmacher


Mein Vater ist 45, als ich, der Zweijährige, Vertrauen zu ihm fasse. Vor meiner Mutter hingegen habe ich Angst. Das passiert vor allem dann, wenn sie mit ihm streitet, ihn anschreit, mich dabei zu sich hochreißt und an sich presst. Ich möchte mich viel lieber an ihn kuscheln.

Als Uhrmacher muss er darauf achten, dass ich ihm nicht mit kindlichem Ungestüm die mikroskopischen Bestandteile einer Taschen- oder Armbanduhr durcheinanderbringe. Ich aber weiß nicht warum und bin schwer enttäuscht, dass ich mich bei ihm nicht anhalten kann. Ich bin umfangen von dieser mulmigen Stimmung.

Als mich mein Vater später einmal in den Wald mitnimmt, wo er - behindert durch seine Bein-Prothese, die für mich schon selbstverständlich ist - Bäume fällt, bin ich glücklich. Er kann nicht verhindern, dass ich dabei in eine Grube falle. Ich muss ihm versprechen, Mutter nichts davon zu erzählen.

Als ich von einem Jeep überfahren werde, ist mein Vater nicht da. Ich weiß nicht, wo er ist, eben nicht da. Meine Mutter muss sich also alleine um mich kümmern. Sie ist ganz bestürzt, als mich der amerikanische Soldat blutüberströmt auf den Armen zu unserem Haus trägt. Mit ihm begleitet sie mich zur Behandlung in ein Militär-Spital in Umhausen. Dort erfährt sie vom Arzt, das ich eine Kopfwunde und eine Gehirnerschütterung habe. Auch bei einem späteren Unfall mit dem Postbus ist nur sie dabei. Der überschlägt sich und kommt in der Wiese neben der Straße zu liegen. Ich bin bewusstlos und schreie dann laut vor Angst, als ich in dem Auto, das auf dieser schmalen Straße umkehren muss, den Abgrund vor mir sehe, aus dem ich gerade heraufgetragen worden war.

Jetzt als Achtjähriger darf ich meinem Papa Holzstücke zutragen, damit er sie am Hackstock spalten kann. Dafür werde ich von meinen Schulkollegen bestaunt. Darauf bilde ich mir viel ein. Aber zurzeit ist mein Vater wieder oft weg. Diesmal weiß ich, dass er in Innsbruck ist. Doch immer dann, wenn er da ist, gibt es Streit und kommt ungute Stimmung auf. Als ich von meiner Mutter erfahre, dass er uns endgültig verlassen wird, bin ich sehr traurig.

Ich bin jetzt derjenige, der für alle Arbeiten, die meine Mutter als halbblinde Frau überfordern, verantwortlich ist. Instinktiv spüre ich, dass ich auch die Rolle meines Vaters als Blitzableiter einnehmen muss. Ich darf den Papa auch nicht besuchen. Im Gegenteil, es wird mir sogar verboten, über meinen Vater zu sprechen.

Ab und zu denke ich an ihn. Aber ich darf mit ihm ja nicht in Kontakt treten. Von ihm höre ich auch nichts. Für mich ist er wie vom Erdboden verschwunden.

Mit 13 ziehe ich ins Gymnasium der Serviten nach Volders. Erst als ich wieder in Innsbruck bin, denke ich mehr an meinen Vater. Als Siebzehnjähriger fasse ich schließlich den Entschluss, meinen Vater zu suchen und ihn zu befragen, warum er sich überhaupt nicht um mich gekümmert hat. Ich schlage im Telefonbuch nach und finde dort den Namen meines Stiefbruders Heinrich. Er ist der Adoptivsohn meines Vaters. Von ihm bekomme ich die Adresse meines Vaters. Ich kann ihn nicht anrufen, weil er sich solche Errungenschaften wie ein Telefon nicht leisten kann. Und schreiben will ich ihm auch nicht.

Also radle ich zu seiner Wohnung, sammle mich, klingle und warte, dass mir geöffnet wird. Das Herz pocht mir bis zum Hals. Mir ist klar, dass mein überfallsartiger Besuch bei meinem Vater einen Schock auslösen kann. Tatsächlich ist er sehr überrascht. Er begrüßt mich mit Handschlag, bietet mir den einzigen Sessel in seiner Einzimmerwohnung an und setzt sich selbst aufs Bett. Ich versuche, ihm Zeit zu lassen, mein unvermutetes Erscheinen zu verdauen. Er ringt nach Worten und ist so gerührt, dass ihm die Tränen kommen. Dann fragt er mich, wie ich ihn gefunden habe. Noch viel eindringlicher interessiert er sich dann dafür, warum ich ihn jetzt, nach so vielen Jahren aufsuche. Ich hingegen frage ihn, wieso er sich seit seinem Auszug aus unserer gemeinsamen Wohnung nicht gerührt hat. Er versichert mir, dass er mehrmals versucht hätte, mit mir in Kontakt zu kommen. Bei der Haltung meiner Mutter kann ich mir durchaus vorstellen, dass es ihm trotz guten Willens nicht gelingen konnte.

Ich erzähle ihm von mir und sage ihm, dass ich jetzt hier in Innsbruck ins Gymnasium gehe und in einem klösterlichen Internat untergebracht bin. Ich schildere ihm, dass meine Mutter, in Staudach bei Mötz wohnt, dass ich sie öfter mit dem Rad besuche und meine Ferien bei ihr verbringe. Er hat sich wohl nichts anderes erwartet und erzählt mir jetzt seinerseits, dass er vor drei Monaten eine Frau aus Südtirol geheiratet hat. Ich freue mich für und mit ihm.

Wir umarmen uns und versprechen, bald wieder zusammenzukommen. Das tun wir auch.

Mit meinem Vater, den ich in meiner Kindheit so geliebt hatte, habe ich wieder ein ausgezeichnetes Verhältnis der gegenseitigen Hochachtung und Zuneigung bis zu seinem Tod als 79-Jähriger.


Altersheim

kostenfrei
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Egon:
Was?


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Egon:
„Wie?