Episoden aus meinem Leben

77 Splitter - Ich bitte um einen aussagekräftigen Titel

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Ich freue mich über jeden Titel oder Kommentar und über jeden, der künftig die Splitter regelmäßig erhalten wollen. Bitte alles an: egon.biechl@chello.at
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Zwanzig Jahre arbeite ich jetzt im Vertrieb einer Papierfabrik. Nach so vielen Jahren ist es durchaus üblich, dass man mehr Kompetenzen und direkt unterstellte Mitarbeitende hat. In meinem Fall sind es ausschließlich Frauen. Selbstverständlich bin ich jetzt für einen größeren Aufgaben-Bereich zuständig. Das Team ist analog zu dieser Entwicklung gewachsen, aber jetzt ist damit Schluss, meint mein Chef.

Da ich der Meinung bin, dass die Qualität meiner Arbeit nicht darunter leiden soll, will ich mich nicht damit zufrieden geben. Da meine Frau eine Beraterin für Führungskräfte ist, diskutiere ich mit ihr, um herauszufinden, wie ich mich in diesem Zusammenhang verhalten soll. Tatsächlich sind ihr solche Probleme nicht unbekannt Sie rät mir zu einer Vorgangsweise, die ich selbst nie gewählt hätte. Ich will zwar mein Ziel erreichen, aber unter meinen gleichgestellten Kollegen kein Aufsehen erregen. Sie meint, ich solle mein Ansinnen nicht nur mündlich vortragen, sondern schriftlich untermauern. Sie vermutet, dass mein Wunsch voraussichtlich nicht erfüllt wird, dass man mir aber nach ein, zwei Jahren die Frage stellen wird: „Warum haben Sie das nicht schon früher gesagt?“ Dann kann ich souverän mein schriftliches Ansuchen vorweisen. Aber machen muss ich es jetzt.

Konfrontiert mit so einer realistischen Vorhersage folge ich ihrem Ratschlag. Ich verfasse also ein zweiseitiges Manuskript und verweise auf folgende Tatsachen:

Ich bin zuständig für sechs Vertreter in den Ländern Griechenland, Israel, Ägypten, Zypern, Iran und jenen im Mittleren Osten mit weiteren zehn Ländern. Mit sieben Exporteuren wickle ich die Geschäfte in deren Übersee-Märkten ab. Dreizehn Länder betreue ich schließlich direkt. Insgesamt handelt es sich dabei um 130 Kunden in 35 Ländern.

Meine Aufgabe besteht darin, Kundenanfragen sofort zu bearbeiten und deren Aufträge ohne Verzögerung in die Wege zu leiten. Anfallende Reklamationen sind prompt zu erledigen. Die Kreditlimits für die Kunden sind sorgfältig zu überwachen und auf Verzögerungen beim Zahlungseingang ist rechtzeitig zu reagieren.

Mein kühner Vorschlag ist, dass mein Chef die derzeitige Anzahl von drei Mitarbeiterinnen verdoppelt. Ich brauche ja einen Verhandlungsspielraum.

Kolleginnen

Außerdem bringe ich noch einen Assistenten ins Spiel, der mir zugeteilt werden soll. Das mache ich aus der Überlegung, dass der neue Mitarbeiter, den ich in allgemeine Belange einschulen soll, nur für Russland und die Beobachtung der Lagerentwicklung geplant ist. Ich meine, er wäre geeignet, mich bei meiner Arbeit zu entlasten. Ich schlage vor, dass er zusätzlich zu Russland für Griechenland und Israel zuständig sein und generell als mein Stellvertreter fungieren soll.

Schließlich mache ich noch einige detaillierte Alternativ-Vorschläge für die räumliche Aufteilung in meinem Referat.

Wie von meiner Frau prophezeit, wird kein einziger meiner Wünsche erfüllt. Im Gegenzug hält mich mein Chef dazu an, einfach effizienter zu arbeiten. Ich bin schon deswegen enttäuscht, weil ich mir so viel Mühe gemacht habe.

Zwei Jahre später werde ich auf meine neuerliche Intervention tatsächlich darauf hingewiesen: „Hätten Sie doch früher etwas gesagt!“ Es bereitet mir große Genugtuung, dass ich jetzt tatsächlich das schriftliche Dokument von damals vorweisen kann. Trotz der neuerlichen abschlägigen Reaktion kann ich mir ein schelmisches Lächeln nicht verkneifen, als ich die Betroffenheit im Gesicht meines Chefs bemerke. Wird er mir das noch einmal vorhalten? Wohl kaum!

Nach zwei weiteren Jahren wird die Struktur der Verkaufsabteilung neu gestaltet. Dadurch steht den einzelnen Key-Account-und Sales-Area-Managern ein sogenanntes ‚Backoffice‘ zur Verfügung.

Nach vierundzwanzig Jahren kann ich nun die disziplinäre Verantwortung für die bis dahin mir direkt unterstellten Mitarbeiterinnen abtreten. Jetzt muss ich eben über e-mails oder spezielle Formulare mit ihnen kommunizieren oder sie persönlich aufsuchen. Bedauernswert ist dabei, dass ich ihre so angenehme Gesellschaft nicht mehr unmittelbar genießen kann. Manche Tasse Kaffee war mir angeboten worden. Manchen bewundernden Blick hatte ich einheimsen dürfen, wenn ich den sich laufend ändernden Anforderungen unserer Kunden am anderen Ende des Telefons prompt nachkommen konnte. Manches Kichern hatte ich wahrgenommen, wenn ich etwa zu kompliziert oder zu laut mit ihnen gesprochen hatte.

Das gemeinsame Lachen und die privaten Gespräche mit meinen Mitarbeiterinnen gehen mir jetzt ab.


Kolleginnen
kostenfrei
Das ist das Feedback zu dieser Episode:
Titel-Tipps:

Antal:
„Konzerntypische interne Politikqualen"
Brigitte:
„Chefsache"
Fritz:
„Qualität zahlt sich aus"


Kommentare (autorisiert):

Antal:
„Einer der hauptsächlichen Gründe, warum ich in meinem Leben zweimal den angeblich so bequemen „Industrieweg” verlassen habe, war der, einen hohen Prozentsatz meiner Energie dafür verwenden zu müssen, andere von Selbstverständlichkeiten zu überzeugen (und dann doch damit zu scheitern). Es war mir einfach zu blöd...
Gut kann ich mir aber das Gesicht Deines Chefs vorstellen, als Du ihm das Schriftstück unter die Nase hieltest."

Trude:
„Ist Deine Gattin nie eifersüchtig geworden bei der imensen „Weiberwirtschaft“ der Du Dich stellen musstest, oder ist sie absolut von Deiner ewigen Treue überzeugt?? Sollte nur ein W I T Z sein.
Jedenfalls hast Du kein langweiliges Leben, bist immer unterwegs und beschäftigt."